Zusammenfassung

  • Der Bremer Trainer erstellte schon in seiner Jugend Spielerprofile.

  • Unter Kohfeldt blühen einige Akteure auf neuen Positionen auf.

  • Die Bilanz seit seiner Amtsübernahme ist die eines Europapokalteilnehmers.

Köln – Als Florian Kohfeldt in der Hinrunde bei Werder Bremen als Nachfolger von Alexander Nouri präsentiert wurde, war er nur absoluten Bremen-Kennern ein Begriff. Genau 17 Bundesliga-Partien hat der 35-Jährige mittlerweile als Cheftrainer auf dem Buckel. Am Sonntag gastiert Eintracht Frankfurt im Weserstadion und für Kohfeldt schließt sich dann ein Kreis: In Frankfurt saß er in der Hinrunde das erste Mal als Chefcoach auf der Werder-Bank. Seitdem hat sich viel getan an der Weser. In seinem 18. Bundesliga-Spiel als Trainer winkt sogar ein Clubrekord.

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Kohfeldt hat sich innerhalb kurzer Zeit zum Gesicht des Clubs entwickelt. Und das, obwohl der Start erst einmal etwas holprig verlief. "Natürlich kann man durchaus sagen, dass es bessere Möglichkeiten gegeben hat, vielleicht bessere Trainer für uns interessant gewesen wären", sagte Sportdirektor Frank Baumann im November bei der Vorstellung des neuen Manns und sorgte damit für viel Wirbel.

Holprige PK, satte Punkteausbeute

Vor allem auch, weil der zweite Teil des Zitats zumeist weggelassen wurde. Baumann ergänzte nämlich noch: "Wenn man das auf andere Positionen übertragen würde, dann ist es so, dass Jiri Pavlenka auch nur unsere vierte Wahl war, weil wir Neuer, ter Stegen und Leno nicht bekommen haben. Insofern kann man das etwas damit vergleichen." Dennoch haftete Kohfeldt zunächst das Etikett an, nicht die erste Wahl zu sein. Davon kann mittlerweile keine Rede mehr sein, denn der Fußballlehrer entpuppt sich immer mehr als echter Glücksfall für den Club. 28 Punkte holten die Grün-Weißen seit seinem Amtsantritt. Das ist die Bilanz eines Europapokalteilnehmers.

Dank 28 Punkten aus 17 Partien hatte Werder unter Kohfeldt bislang viel Grund zum Jubeln
Dank 28 Punkten aus 17 Partien hatte Werder unter Kohfeldt bislang viel Grund zum Jubeln © imago / Jan Huebner

Einer, der das bestimmt schon bei seinem Amtsantritt wusste, ist Kohfeldts alter Jugendtrainer beim TV Jahn Delmenhorst. Im "Weserkurier" erinnert sich der 65-Jährige an seine Zeit mit dem jungen Florian im Tor. Kohfeldt war durchaus talentiert und überaus Ehrgeizig. Nach einer 0:5-Klatsche suchte er das Einzelgespräch mit seinem Trainer, der die Sorge hatte, der heutige Werder-Trainer würde hinschmeißen. Stattdessen überreichte der zwölfjährige Kohfeldt seinem Coach eine Mappe mit handgeschriebenen Trainingsplänen, möglichen Aufstellungen und seinen Einschätzungen, welcher Spieler auf welcher Position zum Einsatz kommen sollte. "So etwas habe ich von einem Kind in dem Alter noch nie gesehen", so Schumacher.

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Diese Liebe zum Detail, die der Werder-Coach offensichtlich schon im jungen Alter besaß, zeichnet ihn auch heute noch aus. Und das gute Gespür dafür, wo ein Spieler der Mannschaft am besten helfen kann. Das beste Beispiel dafür ist Maximilian Eggestein, den Kohfeldt von der Sechserposition weiter nach vorne geschoben hat. Dort darf sich der U21-Nationalspieler nach Herzenslust austoben und kann seine überragende Laufstärke einbringen. In den drei Partien die Eggestein unter Nouri in dieser Saison über 90 Minuten zum Einsatz kam, lief er im Schnitt 12,24 Kilometer. Unter Kohfeldt ist dieser schon sehr ordentliche Wert noch einmal auf 13,23 Kilometer angestiegen. Im Durchschnitt wohlgemerkt. Beim Auswärtsspiel bei Bayer Leverkusen knackte der 21-Jährige sogar die 14-Kilometer-Marke.

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Auch Aron Johannsson und Ishak Belfodil werden unter Kohfeldt anders eingesetzt. Wobei man bei Johannsson das 'anders' eigentlich streichen kann, denn der US-Amerikaner spielte unter Nouri überhaupt keine Rolle mehr. Kohfeldt sah in dem als zentralen Angreifer verpflichteten Nationalspieler aber eine wertvolle Alternative für die rechte Außenbahn und vertraute dem 27-Jährigen mehrfach auf der für ihn ungewohnten Position. Auch der wuchtige Belfodil spielte zu Saisonbeginn vornehmlich im Sturmzentrum, kommt mittlerweile aber fast ausschließlich über den Flügel. Eine Position, die man dem schlaksigen Algerier nicht unbedingt zugetraut hätte, aber auch hier hatte Kohfeldt das richtige Näschen. Als Außenstürmer machte Belfodil beim 3:1 in Augsburg am 27. Spieltag sein bestes Spiel im Werder-Trikot und war mit zwei Toren und einem Assist der Mann des Spiels.

Freigeist Kruse prägt das Spiel

Das dritte Tor legte Werders Nummer 29 mustergültig für Max Kruse auf, der unter Kohfeldt ebenfalls etwas anders eingebunden ist. Kruse bekommt von seinem Trainer alle Freiheiten und ist buchstäblich überall auf dem Platz zu finden. Im Schnitt kommt Kruse in 90 Minuten auf über 60 Ballbesitzphasen. Das ist ein außergewöhnlicher Wert für einen Stürmer. Wobei der Begriff Stürmer für Kruse zu eng gefasst ist, denn im Spielaufbau lässt sich der 30-Jährige häufig bis tief in die eigene Hälfte fallen. Auch in der gegnerischen Hälfte weicht Kruse immer wieder auf die Flügel aus. Damit im Bremer Angriffspiel trotzdem keine Lücke im Sturmzentrum entsteht, müssen immer wieder die Achter – meistens Eggestein und Delaney – die Außenstürmer oder sogar die Außenverteidiger in die Spitze vorstoßen.

Unter Kohfeldt hat Maximilian Eggestein (r.) zum Eckpfeiler des Bremer Spiels entwickelt
Unter Kohfeldt hat Maximilian Eggestein (r.) zum Eckpfeiler des Bremer Spiels entwickelt © imago / DeFodi

Dieses flexible Angriffsspiel funktioniert sehr gut. Während Werder an den ersten zehn Spieltagen lediglich drei Törchen gelangen, sind es in den 17 Partien unter Kohfeldt 27 Treffer. Lediglich Schalke (28), Hoffenheim (29) und Bayern (42) erzielten in diesem Zeitraum mehr Treffer. Dabei hat sich die Anzahl der Torschüsse pro Partie gegenüber dem Saisonstart gar nicht verändert, dafür aber die Qualität. An den ersten zehn Spieltagen spielte sich Werder die wenigsten Großchancen der Liga heraus (vier). Unter Kohfeldt boten sich dem SVW in 17 Partien 18 sehr gute Einschussmöglichkeiten. Elf davon versenkten seine Schützlinge im Netz.

Besonders im Weserstadion gehen Kohfeldts Pläne bislang eigentlich immer auf. Werder ist unter seiner Führung in acht Bundesliga-Heimspielen noch ungeschlagen (fünf Siege, drei Remis). Sollte das auch gegen Eintracht Frankfurt so bleiben, hätte Kohfeldt bereits seinen ersten Clubrekord eingestellt. Neun ungeschlagene Bundesliga-Heimspiele zum Beginn einer Traineramtszeit waren in Bremen zuvor nur Sepp Piontek (ab November 1971) und Otto Rehhagel (ab Sommer 1981) geglückt. In Bremen hoffen sie mit Kohfeldt auf den Beginn einer neuen Ära. Dass er Rehhagels Startrekord einstellen könnte, ist dafür sicherlich nicht das schlechteste Omen. Spätestens dann wäre auch der unglückliche Start endgültig vergessen.

Florian Reinecke