Zusammenfassung

  • Wie in den letzten drei Spielzeiten steckte Werder nach der Hinrunde im Tabellenkeller.

  • Vieles deutet auf eine erneut deutlich bessere Rückrunde hin.

  • Diesmal könnte der Aufwärtstrend aber auch von Dauer sein.

Köln – Die Fans des SV Werder Bremen dürften sich in den letzten Jahren ein wenig wie Bill Murray im legendären Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" gefühlt haben. Seit der Spielzeit 2014/15 steckten die Grün-Weißen nach der Hinrunde immer im Tabellenkeller, um sich dann mit einer Steigerung in der zweiten Saisonhälfte noch aus dem Schlamassel zu ziehen. Pünktlich zum Start der nächsten Saison zeigte die Formkurve dann aber genauso verlässlich wieder nach unten. Auch in diesem Jahr deutet vieles darauf hin, dass Bremen dank einer guten Rückrunde die Klasse halten kann. Doch es gibt auch einige Anzeichen dafür, dass Werder den Teufelskreis unter Florian Kohfeldt der schwachen Hinrunden endlich durchbrechen könnte.

Die Bremer Entwicklung ist umso bemerkenswerter, da der Start des neuen Trainers eine gehörige Portion Skepsis in der Öffentlichkeit hervorrief. Schließlich vertraute Werder zum dritten Mal in Folge dem Trainer der eigenen U23 während einer laufenden Saison den Cheftrainer-Posten an. Zuvor waren auch Alexander Nouri und dessen Vorgänger Viktor Skripnik diesen Weg gegangen. Beide brachten kurzfristige Erfolge, konnten Werder aber mittelfristig nicht aus dem Tabellenkeller führen. Warum sollte dies also nun Kohfeldt gelingen, der als Co-Trainer von Viktor Skripnik sogar schon einmal mit in der Verantwortung stand?

Als Torhüter hatte Kohfeldt nicht das Talent für die Bundesliga

Zunächst einmal muss man festhalten, dass die Gemeinsamkeiten zwischen Kohfeldt und seinen Vorgängern schon dabei enden, dass sie alle Werders U23 trainiert haben. Skripnik und Nouri waren beide Profis, die nach dem Ende ihrer aktiven Karriere die Trainerlaufbahn einschlugen. Florian Kohfeldt hingegen war schon früh klar, dass er es als Torwart nicht in die Bundesliga schaffen würde. Über Werders dritte Mannschaft kam er nie heraus. So formte sich bei Kohfeldt bereits mit 20 der Wunsch, später einmal als Trainer zu arbeiten.

Florian Kohfeldt (M.) war schon unter Viktor Skripnik (l.) Teil des Bremer Trainerteams
Florian Kohfeldt (M.) war schon unter Viktor Skripnik (l.) Teil des Bremer Trainerteams © imago / Hartenfelser

Auch in der Außendarstellung präsentierte sich der 35-Jährige vom ersten Tag an anders als der wortkarge Skripnik oder der emotionale Nouri. Zudem machte er von Beginn an klar, dass er von seiner Mannschaft mutigen Offensivfußball sehen möchte – und zwar unabhängig davon, welcher Gegner dem Team gegenübersteht. Der Weg nach vorne war zuvor unter Nouri komplett verloren gegangen. Als Kohfeldt übernahm stellte Werder mit drei Toren nach zehn Partien die schwächste Offensive der Bundesliga. Da war es auch nur ein schwacher Trost, dass die Bremer Defensive erstmals seit vielen Jahren wieder sehr solide stand.

Nach zwölf Spielen unter dem neuen Trainer kann man konstatieren: Kohfeldt hat Wort gehalten. Werder steht wieder für mutigen Offensivfußball und hat in diesem Zeitraum sehr ordentliche 18 Treffer erzielt. Einzig der FC Bayern übertrifft diesen Wert deutlich. Viel bemerkenswerter ist allerdings, dass Bremen es geschafft hat, die unter Nouri gewonnene defensive Stabilität auch unter Kohfeldt zu konservieren. Seit dem 11. Spieltag mussten nur Bayern München (10) und Bayer Leverkusen (14) weniger Gegentore hinnehmen als der SVW (15).

Europa-League-Platz in der "Kohfeldt-Tabelle"

Und noch viel wichtiger: auch die Punkteausbeute kann sich seit dem Trainerwechsel sehen lassen. Werder steht in der "Kohfeldt-Tabelle" mit 18 Punkten aus zwölf Partien auf einem starken 5. Platz. Auf diesem Platz finden sich die Hanseaten auch in der Rückrundentabelle wieder. Die Gründe für die positive Entwicklung sind vielschichtig, haben aber sehr viel mit Kohfeldts konsequenten Entscheidungen zu tun.

Für seine Vorstellung vom Fußball ist ein sauberer Spielaufbau aus der Viererkette enorm wichtig. Folgerichtig spielt unter Kohfeldt der spielstarke Milos Veljkovic neben dem in dieser Disziplin sowieso herausragenden Niklas Moisander in der Innenverteidigung und nicht der deutlich zweikampfstärkere Lamine Sane. An dieser Entscheidung hielt Kohfeldt auch fest, als Veljkovic in der Rückrunde zunächst schwächelte. Und der junge Serbe zahlte das Vertrauen zurück und machte gegen den VfL Wolfsburg eines seiner besten Bundesliga-Spiele. Inklusive zahlreicher guter Diagonalbälle im Spielaufbau.

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Video: Souveräner Werder-Sieg gegen Wolfsburg

Auffällig ist auch, dass unter Kohfeldt jeder Spieler die Chance bekommt, sich über überzeugende Jokerauftritte auch in die Startelf zu spielen. Das beste Beispiel dafür ist Aron Johannsson, der als Einwechselspieler entscheidenden Anteil am Bremer 2:1-Erfolg auf Schalke hatte, im Pokal in Leverkusen überzeugte und so gegen Wolfsburg erstmals seit über zwei Jahren wieder in einem Bundesliga-Spiel in der Startelf stand.

Kohfeldt lässt Laufwunder Eggestein von der Leine

Die aber wohl bemerkenswerteste Entwicklung hat Maximilian Eggestein genommen. Kohfeldt hat den U21-Nationalspieler buchstäblich von der Leine gelassen. Unter Nouri als Sechser eingesetzt überzeugt Eggestein nun in der Rolle als Achter. Dort geht er unglaublich viele Wege und stößt immer wieder in die Spitze vor. Der 21-Jährige legt regelmäßig die längste Strecke aller Bundesliga-Spieler zurück und lief am 16. Spieltag als einziger Spieler in dieser Saison mehr als 14 Kilometer. Nur im Abschluss fehlt es dem 21-Jährigen desöfteren noch an Präzision.

Eggestein läuft aber nicht nur viel, sondern auch klug. Seine Laufstärke ist einer der Gründe, warum sich auch Max Kruse wieder in bestechender Form befindet. Der Torjäger genießt in der Offensive alle Freiheiten und lässt sich immer wieder ins Mittelfeld zurückfallen. In die entstandene Lücke stoßen dann Bremens Achter hinein. Ohne diese Wege würde das Bremer Offensivspiel nicht so gut funktionieren.

Unter Kohfeldt hat Maximilian Eggestein (r.) zum Eckpfeiler des Bremer Spiels entwickelt
Unter Kohfeldt hat Maximilian Eggestein (r.) zum Eckpfeiler des Bremer Spiels entwickelt © imago / DeFodi

Diese Flexibilität im Angriffsspiel gepaart mit der weiterhin soliden Defensive gibt auch Anlass zur Hoffnung, dass der Bremer Aufwärtstrend diesmal von größerer Dauer ist. In der stärksten Phase unter Nouri, als Werder in elf Spielen in Folge ohne Niederlage blieb (neun Siege), zeichnete das Team vor allem eine gnadenlose Effektivität aus. Diese Effizienz war über einen längeren Zeitraum aber praktisch nicht zu halten. Unter Kohfeldt hat Werder hingegen gerade in den Heimspielen trotz klarem Chancenplus schon einige Zähler liegengelassen. Die Entwicklung wirkt nachhaltiger.

Dietmar Hamann ist ein Kohfeldt-Fan

Durch seine Arbeit hat Florian Kohfeldt schon viele Sympathien gewonnen. So outete sich SKY-Experte Dietmar Hamann unlängst als Fan des Bremer Trainers: "Kohfeldt hat es in wenigen Wochen und Monaten geschafft, ihnen eine Identität zu geben. Davor kann man nur den Hut ziehen", so Hamann. Dabei machte der Ex-Nationalspieler sein Lob ausdrücklich nicht nur an den Ergebnissen, sondern vor allem auch an der Spielweise fest: "Derzeit spielt Bremen mit den Bayern und vielleicht ein, zwei anderen Mannschaften den besten Fußball der Liga", erklärte Hamann weiter.

Ein Satz, der in den letzten Jahren praktisch undenkbar gewesen wäre, findet nun breite Zustimmung. Das allein ist schon eine außergewöhnliche Leistung. Und im Nachhinein wird man vielleicht sagen: "War doch klar, dass es bei Werder mit dem dritten U23-Trainer in Folge hervorragend klappt. Schließlich ist drei Mal ja Bremer recht."

Florian Reinecke