Zum Einstand seines zweiten Engagements bei Borussia Mönchengladbach durfte Hans Meyer gleich einen "Dreier" feiern.

"Mit der Zeit - und wenn die Spieler begriffen haben, was Hans von ihnen will - werden sie sich Schrittchen für Schrittchen und Pünktchen für Pünktchen herausarbeiten", rechnet Jörg Stiel mit einem mittelfristigen Aufschwung bei den "Fohlen".

Stiel glaubt an die Rettung

Der ehemalige Torwart ist noch sehr nah dran an der Borussia und glaubt fest an ein positives Saisonende seines Ex-Vereins, der ihm "sehr am Herzen liegt": "Gladbach wird sich auf jeden Fall retten!"

Im zweiten Teil des bundesliga.de-Interviews äußert sich der Schweizer außerdem positiv über die Konstellation der handelnden Personen, die dem Traditionsclub - angeführt von seinem Freund Meyer - zu mehr Kontinuität verhelfen sollen.

bundesliga.de: Mit dem 1:0-Sieg gegen den Karlsruher SC ist der Einstand von Meyer erst einmal geglückt. Nach neun Spieltagen steht Gladbach dennoch auf Platz 17. Wie bewerten Sie die sportliche Lage?

Jörg Stiel: Die Qualität der Mannschaft ist verglichen mit der Mannschaft zu meiner Zeit viel höher. Bis jetzt haben sie nur noch nicht gemeinsam agiert. Das wird sich unter Hans ändern, die Spieler werden begreifen, dass es nur als Team geht. Ich habe auch mit Max Eberl darüber gesprochen, dass die Einzelspieler im Durchschnitt besser sind als wir es damals waren. Aber sie müssen als Mannschaft zusammenfinden, und das werden sie unter Hans hundertprozentig hinbekommen. Dann werden sie sich langsam unten rausarbeiten, aber der Weg ist schwer.

bundesliga.de: Wann rechnen Sie mit einem Verlassen der Abstiegsränge?

Stiel: Es sind jetzt noch acht Spiele bis zur Winterpause, da kann sich Einiges tun. Aber am Dienstag steht ein schweres Spiel in Wolfsburg an, die zuletzt 2:0 bei Bayern München geführt haben. Innerhalb der nächsten zwei oder drei Wochen wird sich die Borussia nicht endgültig befreien, aber mit der Zeit - und wenn die Spieler begriffen haben, was Hans von ihnen will - werden sie sich Schrittchen für Schrittchen und Pünktchen für Pünktchen herausarbeiten. Den Großen Befreiungsschlag wird es nicht geben, aber ein kleiner Lauf ist immer drin. Das ist ja das Schöne in der Bundesliga: Mit zwei Siegen in Folge kannst du enorm viel bewegen. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, mit Gladbach zwei Mal hintereinander gewonnen haben...(schmunzelt)

bundesliga.de: Was muss sich konkret in der Mannschaft verändern?

Stiel: Das Team ist einfach sehr verunsichert und braucht jetzt schnell diese Strukturen. Es werden sich ein oder zwei Spieler herauskristallisieren, die das relativ schnell umsetzen, auf dem Platz der verlängerte Arm von Meyer sind und anfangen selbst zu organisieren - mit dem System, das sie von ihm vorgegeben bekommen. Jeder Einzelne muss letztlich Verantwortung übernehmen, um gegen den Druck von außen anzukämpfen. Nur gemeinsam ist der Gesamterfolg möglich.

bundesliga.de: Sie haben die Bedeutung von Führungsspielern angesprochen. Fängt der Trainer jetzt bei Null an, so dass auch Spieler wie Oliver Neuville oder Sascha Rösler, die im bisherigen Saisonverlauf Probleme hatten, diese Rolle übernehmen können?

Stiel: Mit Sicherheit. Bevor Hans diese Arbeit angefangen hat, wusste er schon genau, was er machen will und mit wem. Da wird er auch diese verdienten Spieler, die innerhalb der Mannschaft eine wichtige Rolle spielen können, im Kopf gehabt haben. Aber sie müssen wissen, was er von ihnen verlangt, und das dann umsetzen. Wenn sie es schaffen, werden sie wieder auf und neben dem Platz zu Führungsspielern aufsteigen. Hans wird jetzt das Team beobachten, notwendige Retuschen vornehmen und sein Konzept übertragen.

bundesliga.de: In der sportlichen Verantwortung steht Meyer gemeinsam mit seinen Ex-Spielern Eberl, Korell und auch Torwarttrainer Uwe Kamps. Wie sehen Sie diese Konstellation?

Stiel: Der große Vorteil ist, dass die Genannten alle wissen, wie er funktioniert. Max Eberl ist für mich der ideale Sportdirektor. Er verfügt über eine Menge Erfahrung - nicht nur gute. Er weiß auch wie der Fußball ist, wenn es schlecht läuft. Das hat er in seiner Karriere eins zu eins erlebt. Dazu kommt seine überdurchschnittliche Fähigkeit, Dinge zu strukturieren, zu konzeptionieren und letztlich auch die Konzepte umzusetzen. Das hat er gerade in der Jugendarbeit bei der Borussia bewiesen. Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, den Schritt auf den Stuhl des Sportdirektors zu machen. Dieses Gespann Max Eberl und Hans Meyer kann man mit dem Duo Christian Hochstätter und Hans Meyer vergleichen. So eine Zusammenarbeit muss auf Vertrauen basieren, und das ist auf beiden Seiten da. Für Max gab es auch eigentlich nur diesen einen Kandidaten, weil Hans weiß, wie der Verein bis hin in die obere Etage mit dem Präsidium Rolf Königs und Siegfried Söllner funktioniert und umgekehrt. Dadurch spart man sich die Eingewöhnungsphase. Der Trainer ist zwar etwas älter (lacht), und ältere Menschen ändern sich nicht mehr von heute auf morgen, aber er kann innerhalb seines Konzepts flexibel reagieren. Jeder weiß, was er bekommt, wenn er Hans Meyer holt.

bundesliga.de: Christian Ziege ist vom Posten des Sportdirektors auf die Trainerbank gewechselt und nun Co-Trainer. Können Sie diesen Schritt nachvollziehen?

Stiel: Selbstverständlich. Er hatte immer klar kommuniziert, dass er Trainer werden will und nicht Sportdirektor. Manchmal gibt es so Zufälle im Leben wie in dieser Situation, es passte alles wunderbar zusammen. Christian wird von Hans unheimlich viel mitbekommen als Assistenztrainer. Es war ein logischer Schritt. Auch wenn ich nur drei Jahre bei Gladbach war, liegt der Verein mir sehr am Herzen. Ich freue mich daher, dass solche Geschichten zusammenpassen. In dieser jetzt können alle unheimlich viel gewinnen, weil Kontinuität und Konstanz mit diesen Personen gewährleistet ist.

bundesliga.de: Also kehrt mit Meyer wieder eine gewisse Beständigkeit an den Borussia-Park zurück?

Stiel: Hundertprozentig. Es geht nicht nur um ihn, sondern die ganze Konstellation. Alle kennen sich und wissen, was sie voneinander denken und auch erwarten können. Das ist ideal und erleichtert die Arbeit ungemein. Wenn du Hans holst, bekommst du Konstanz. Er wird nicht komisch bei zwei Niederlagen, sondern setzt seine Ziele um. Wer da mitziehen will, wird viel Spaß haben. Wer allerdings meint, er müsse es anders sehen, bekommt richtig Probleme. Er weiß, wie er mit Menschen umzugehen hat und spürt wie kein anderer, was in der Mannschaft passiert. Er beurteilt ziemlich viele Situationen richtig und handelt dementsprechend - beispielsweise in der Halbzeit, damit ein Spiel gewonnen werden kann.

bundesliga.de: Abschließend die Frage, die natürlich auf keinen Fall fehlen darf: Schafft die Borussia den Klassenerhalt?

Stiel: Gladbach wird sich auf jeden Fall retten! Ich will mich nicht genau festlegen, aber letztlich werden sie sich im Mittelfeld wiederfinden.

Das Gespräch führte Tim Tonner

Hier geht's zum ersten Teil des Interviews mit Jörg Stiel!