Frankfurt/Main - Die deutsche Nationalmannschaft blickt auf ein erfolgreiches WM-Jahr 2010 zurück: In Südafrika wiederholte man das gute Ergebnis von 2006 mit dem 3. Platz, in der EM-Qualifikation ist das DFB-Team mit vier Siegen voll im Soll.

Im Interview zieht DFB-Teammanager Oliver Bierhoff eine positive Bilanz, lobt den Stellenwert der Bundesliga und blickt gleichzeitig in die Zukunft. Nicht nur die EURO 2012 in Polen und der Ukraine, auch die WM 2014 in Brasilien steht bereits im Fokus des Europameisters von 1996.

Frage: Oliver Bierhoff, für die deutsche Nationalmannschaft geht ein sehr erfolgreiches Jahr zu Ende. Wie bewerten sie das WM-Jahr 2010?

Oliver Bierhoff: Wir haben sowohl bei der WM als auch in den ersten Spielen der EM-Qualifikation absolut überzeugt. Nicht nur die Ergebnisse, auch das Auftreten der Mannschaft war herausragend. Dabei gab es auch für uns zunächst noch einige Fragezeichen. Wir haben im März gegen Argentinien verloren und wussten nicht genau, wo wir stehen. Dann hatten wir auch noch die schweren Verletzungen samt WM-Absagen von Michael Ballack und einigen anderen Spielern zu verarbeiten. Aber die Mannschaft hat das toll kompensiert.

Frage: Während zahlreiche Nationalspieler in ihren Clubs nach der WM in ein Loch fielen, konnten Lukas Podolski und Co. in der DFB-Auswahl sportlich ihr Leistungsvermögen stets abrufen. Wie schafft es Bundestrainer Joachim Löw, die Nationalspieler stets ständig aufs Neue zu motivieren?

Bierhoff: Jogi ist ein herausragender Trainer. Und er kann auch darauf bauen, dass die Nationalmannschaft für die Spieler stets etwas ganz Besonderes ist. Wir haben auch keine inflationäre Anzahl an Länderspielen, deshalb ist es für Spieler und Fans immer wieder ein Highlight, wenn das Team spielt. Zudem haben wir auch intern eine Atmosphäre geschaffen, die leistungsfördernd ist. Jeder Spieler will bei jedem Länderspiel dabei sein.

Frage: 2011 ist ein turnierfreies Jahr. Wie schaffen Sie es, bei den Spielern die Motivation hoch zu halten?

Bierhoff: Ein Übergangsjahr ist nie leicht. Wir dürfen nicht nachlassen und unseren Vorsprung in der EM-Qualifikation leichtfertig verspielen. Wir werden wach und aufmerksam bleiben und sehr genau überprüfen, wer Leistungsbereitschaft und Willen zeigt. Dabei werden uns sicher die sportlichen Highlights gegen Italien und Brasilien helfen. Zudem werden wir noch ein Testspiel gegen Holland absolvieren, sollten wir uns als Gruppenerster für die EM qualifizieren. Unser Ziel wird es weiterhin sein, Tests mit hochklassigen Gegnern zu besetzen.

Frage: Ein Grund dafür dürfte auch sein, dass in der EM-Qualifikation oftmals Gegner warten, die sich weit jenseits der Top-50 in der Welt bewegen...

Bierhoff: Durch die großen Qualifikationsgruppen kommt es oft vor, dass die Top-Teams gegen die so genannten kleineren Nationen wie Kasachstan oder Aserbaidschan antreten, die natürlich nicht die hohe Strahlkraft haben. Deshalb ist es enorm wichtig, Spiele gegen starke Teams zu bestreiten. Für die Spieler ist das eine große Motivation, und für die TV-Sender und die Sponsoren ein wichtiger Aspekt für ihr Engagement.

Frage: Auch in Sachen Image ist die deutsche Nationalmannschaft weit vorne. Konflikte werden öffentlich kaum ausgetragen. Es hat den Anschein, als herrsche in der DFB-Auswahl fast immer eine heile Welt...

Bierhoff: Wir wollen, dass Konflikte ausgetragen werden. Aber es ist auch falsch zu sagen, alle Spieler müssen streiten oder aggressiv auftreten, damit wir Erfolg haben. Die Mannschaft steht stellvertretend für einen neuen Führungsstil, für echten Teamgeist. Verantwortung wird auf viele Schultern verteilt, der Umgang miteinander ist kollegial und professionell. Schon seit 2004 haben wir den Spielern die entscheidenden Eckpunkte vermittelt, damit sie respektvoll miteinander umgehen. Wir wollen aber keine Ja-Sager und Kopfnicker, seichte Typen. Wir wollen Spieler, die eine Meinung haben und Stellung beziehen.

Frage: Viele Fans blicken schon gespannt in Richtung EURO 2012 in Polen und der Ukraine. Steht schon fest, wo die Mannschaft während des Turniers Quartier beziehen wird?

Bierhoff: Die Tendenz geht deutlich in Richtung Polen, auch wenn wir uns in der Ukraine umschauen werden. Dort ist die Infrastruktur einfach besser und auch die Spielorte insgesamt sind logistisch leichter zu erreichen. Zudem müssen wir wie schon vor Südafrika hellwach sein und auf die anderen Länder schauen, die sich bereits um EM-Quartiere bemühen. Aber ich bin mir sicher, wir werden wieder etwas sehr Gutes finden. Im übrigen beginnt im kommenden Jahr auch schon die Vorbereitung auf die WM 2014, da wir am 30. Juli 2011 nach Brasilien zur Auslosung der WM-Qualifikationsgruppen reisen.

Frage: Das klingt ja fast so, als sei die WM 2014 ein festes Ziel von Teammanager Bierhoff und Bundestrainer Löw. Ihr Vertrag läuft aber nur bis 2012. Ist eine vorzeitige Vertragsverlängerung denkbar?

Bierhoff: Wir brauchen keine Rentenverträge, aber wir haben ja eine professionelle Aufgabe zu erfüllen. Es gibt erst einmal keinen Grund, schon vor der EM 2012 etwas zu unternehmen. Dafür ist die sportliche Brisanz bei so einem Turnier einfach zu hoch und vieles kann sich schnell ändern. Aber es zeigt sich ja auch bei den Bundesligavereinen, dass eine gewisse Kontinuität seine Vorteile hat. Früher waren ja auch die Bundestrainer länger im Amt. Erst im vergangenen Jahrzehnt ist es eher zu einer Projektarbeit geworden, die auf zwei Jahre ausgelegt ist. Der DFB bleibt auf jeden Fall unser erster Ansprechpartner.

Frage: Der Hoffenheimer Luiz Gustavo hat zuletzt erklärt, er würde sich gerne einbürgern lassen und für die DFB-Auswahl spielen. Hat Deutschland nach Cacau bald den nächsten gebürtigen Brasilianer in seinen Reihen?

Bierhoff: Das ist leistungsabhängig und in erster Linie eine Entscheidung des Trainerteams. Wenn sich der Spieler mit dem Land und der Nationalmannschaft identifiziert, dann sollte man sich dem sicher nicht verschließen. Das werden wir dann sehen, wenn es soweit ist. Generell haben wir bewiesen, dass wir Spieler problemlos integrieren können.

Frage: Mesut Özil und Sami Khedira sind im Sommer zu Real Madrid gewechselt. Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm haben sich für die Bundesliga und den FC Bayern entschieden. Ist das die richtige Mischung?

Bierhoff: Ich finde es toll, dass es die Bayern geschafft haben, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger langfristig zu binden. Für den Stellenwert der Liga ist es großartig, wenn dort auch die Topstars spielen. Für die Nationalmannschaft ist es aber auch förderlich, wenn Leistungsträger wie Özil, Khedira oder Jerome Boateng auch bei ausländischen Topclubs Erfahrungen sammeln. Auch 1990 sind wir mit vielen Legionären Weltmeister geworden. Aber aktuell gibt es nur wenige Vereine in Europa, die mit der Bundesliga konkurrieren können. Und wenn wir es geschafft haben, die beste Liga in Europa zu sein, dann werden die deutschen Topspieler alle in der Bundesliga spielen.