Bremen - In Bremen geistert seit einigen Wochen ein Wörtchen ums Trainingsgelände des SV Werder, das mittlerweile schon inflationären Charakter angenommen hat. Ende November, nach dem 3:0-Sieg gegen St. Pauli konnte man es hören, ebenso beim geglückten Rückrundenauftakt gegen Hoffenheim.

Oder am vergangenen Samstag in Mainz, als das kleine Wort abermals die Runde machte. Claudio Pizarro hatte mit seinem Last-Minute-Treffer den 1:1-Ausgleich erzielt, seinem Team damit zumindest einen Punkt gerettet - und es nach Spielende selbst in den Mund genommen.

Skepsis ist angebracht

"Ich glaube, das war die Wende", diktierte der Torschütze in die Mikrophone der Journalisten. Fünf Buchstaben, die nichts besser ausdrücken als den sehnlichsten Wunsch der Werderaner, die Abwärtsspirale möge doch endlich ihr Ende gefunden haben. Doch Sekpsis ist angebracht. Denn die oben erwähnten Erfolgserlebnisse, die ebenfalls zum Anlass genommen wurden, bessere Zeiten anzukündigen, erwiesen sich lediglich als Strohfeuer.

Keine zwei Wochen ist es her, als die Norddeutschen nach dem 2:1-Sieg gegen Hoffenheim voller Selbstvertrauen nach Köln fuhren, um sich dort eine 0:3-Packung abzuholen. Ebenso verhielt es sich nach dem Kantersieg gegen St. Pauli, als man bis zum Ende der Hinrunde keinen einzigen "Dreier" mehr holte.

"Das bringt uns noch nicht so weit"

Zumindest die Führungsetage ist demzufolge vorsichtig mit Prognosen georden: "Dieser eine Punkt bringt uns jetzt noch nicht so weit. Wir werden zulegen müssen, denn teilweise haben wir gespielt, als hätten wir Blei an den Füßen", bilanzierte Manager Klaus Allofs die 90 Minuten von Mainz. Trainer Thomas Schaaf schlug in die gleiche Kerbe: "Die Mannschaft hat zu Beginn so unruhig agiert, weil ihr einfach das Erfolgserlebnis fehlt."

Die nackten Zahlen belegen, dass ein dreifacher Punktgewinn am Sonntag gegen Hannover 96 dringender denn je ist: Ein einziges Pünktchen liegt der eigentliche Champions-League-Kandidat vor dem Relegationsplatz, so dass die Club-Verantwortlichen gar nicht mehr umhinkommen, vom Kampf um den Klassenerhalt zu sprechen.

Problem erkannt, Problem gebannt?

Doch wie soll man Profis ohne Erfahrung im Abstiegskampf die entsprechenden Tugenden mitten in der Saison einimpfen? Jahrelang hatten die Bremer das Luxusproblem, sich "nur" für die Champions League qualifizieren zu müssen - das Wort vom Abstiegskampf suchte man im Werder-Vokabular bislang vergebens. Um sich auf die geänderten Bedingungen möglichst schnell einzustellen, wurde deshalb kurzfristig ein Mental-Trainer engagiert - auf Eigeninitiative der Spieler. Dieser soll die richtigen Strategien vermitteln, mit dem besonderen Druck umzugehen.

Per Mertesacker, Werders Abwehrchef, weiß schon jetzt, mit welchen Mitteln man sich aus dem Schlamassel befreien kann. "Wir haben in Mainz erst sehr spät gemerkt, wie wir doch noch bestehen können, nämlich mit kämpfen und grätschen", sagt der Nationalspieler, der sich bis zum Ende der Saison vom typischen Werder-Stil verabschieden will. "Wir sind ja nun schon längere Zeit unten drin. Mit flüssigem Kombinationsspiel lässt sich da kein Blumentopf gewinnen."

Und so wird es schon gegen die Überraschungsmannschaft aus Hannover darauf ankommen, sämtliche kämpferische Tugenden in die Wagschale zu werfen. Damit das (Un)wort mit vier Buchstaben nicht bald schon wieder hervorgekramt werden muss.

Johannes Fischer