Berlin - Im Höllenlärm aus tosendem Jubel und tausendfachen Pfiffen blieb Mesut Özil ganz ruhig. Ein Augenzwinkern, ein schnelles Abklatschen mit Kollege Thomas Müller - nach seinem Treffer gegen die Türkei verkniff sich der 22-Jährige theatralische Posen. Zusätzliches Öl ins Feuer zu gießen, wollte er sich nicht erlauben.

"Aus Respekt vor dem Land meiner Vorfahren" habe er "nicht groß" gejubelt, sagte der deutsche Nationalspieler, dessen Eltern beide aus dem türkischen Dorf Hisiroglu stammen.

Özil: "Immer noch Schmerzen"

Nach dem Abpfiff konnte er nur noch humpeln. Der linke Knöchel schmerzte nach einem Zusammenprall mit Servet Cetin höllisch, der Einsatz im Duell mit Kasachstan in Astana am Dienstag (ab 18:45 Uhr im Live-Ticker) scheint wegen einer Prellung gefährdet. "Ich habe immer noch Schmerzen. Doch ich vertraue der vorzüglichen Behandlung durch unsere Nationalmannschaftsärzte und Physiotherapeuten. Ich hoffe, dass ich rechtzeitig fit werde und will unbedingt spielen", sagte Özil am Samstag.

Dennoch hatte Özil nach dem Spiel noch einmal auf die Zähne gebissen. Er schleppte sich auf dem Rasen bis zum türkischen Kapitän Emre und sicherte sich dessen Trikot. Die Trophäe wird Mesut Özil immer an ein außergewöhnliches Spiel erinnern. Mit dem 2:0 für die deutsche Nationalmannschaft in der 79. Minute hatte er erheblichen Anteil am 3:0-Sieg in der EM-Qualifikation.

Verständnis vom türkischen Ministerpräsidenten

Das emotionalste Spiel seines Lebens war so oder so schon ein wahres Wechselbad der Gefühle. 40.000 Türken pfiffen Özil bei jeder Ballberührung gnadenlos aus, 30.000 Deutsche huldigten ihm bei der Auswechslung im Stehen. Fan-Plakate mit Aufschriften wie "Diese Fans könnten für dich jubeln, Özil!" zeigten dem Mittelfeldstar von Real Madrid zudem, was die türkischen Anhänger von seiner Entscheidung, für Deutschland zu spielen, auch heute noch halten.

Özil ließ die aufgeheizte Stimmung angeblich kalt. "Ich habe das ausgeblendet und mich allein auf mein Spiel konzentriert", behauptete er am Samstag: "Ich wollte meine Leistung bringen, und das ist mir gelungen. Das Team und unsere deutschen Fans haben mich toll unterstützt. Das freut mich riesig."

Vor dem Spiel hatte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan eine Lanze für Özil gebrochen und Verständnis für dessen Entschluss geäußert. "Ich verstehe ihn sehr gut. Wir sind dafür, dass jeder Spieler für das Land spielt, in dem er lebt. Wir wünschen Mesut alles Gute", sagte Erdogan.

Lob von Löw

Nach verhaltener erster Hälfte, in der Özil bereits eine gute Chance vergeben hatte, steigerte sich der ehemalige Bremer nach der Pause, glänzte zunächst mit Pässen und erzielte nach Vorarbeit von Philipp Lahm ganz cool seinen dritten Treffer im 20. Länderspiel.

"Er hat schon bei der WM gezeigt, dass er sich von außergewöhnlichen Situationen nicht beeindrucken lässt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er mehr angespannt war als sonst auch. Er wurde in der zweiten Hälfte wie auch Toni Kroos immer präsenter und hat sich immer besser bewegt. Beide haben sowohl defensiv als auch offensiv viel getan. Das Tor hat Mesut toll gemacht, das freut mich für ihn", sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Die Sprechchöre aus dem deutschen "Gästeblock" gingen Özil runter wie Öl. "Das war eine tolle Reaktion unserer Fans, die Mesuts Leistung gewürdigt haben", sagte Kapitän Philipp Lahm, der auch für seinen Mitspieler lobende Worte fand: "Sicher war es für ihn ein ganz besonderes Spiel. Er ist aber Profi genug, um eine solche Situation zu meistern, das hat er bewiesen."