Der sportliche Erfolg von 1899 Hoffenheim hat Fußball-Deutschland überrascht. Nach 13 Spieltagen steht der Bundesliga-Neuling punktgleich mit dem Ersten auf Platz 2 der Tabelle.

Lob und Anerkennung erhalten der Verein und die Verantwortlichen aber auch für ihr Konzept, durch das dieser rasante Aufstieg erst möglich wurde.

"Erst am Anfang"

"'Projekt' höre ich nicht so gerne, 'Modell' klingt angemessener. Denn wir befinden uns erst am Anfang einer langfristigen Entwicklung", sagt Jan Schindelmeiser bei bundesliga.de.

Im zweiten Teil des bundesliga.de-Interviews erklärt der Mananger das "Modell" Hoffenheim, die sportliche Philosophie von Trainer Ralf Rangnick und die gezielte Auswahl von Spielern.

bundesliga.de: Nicht nur die Art und Weise, wie Ihre Mannschaft Fußball spielt, begeistert viele in Fußball-Deutschland, sondern auch das "Projekt" Hoffenheim...

Jan Schindelmeiser: Das Wort "Projekt" höre ich nicht so gerne, das klingt so wie: Heute gestartet und demnächst beendet - innerhalb eines definierten Zeitraumes. Was wir vorhaben, soll in den nächsten zwei oder drei Jahren kein Ende finden. Wir befinden uns erst am Anfang einer hoffentlich langfristigen Entwicklung. Dabei ist uns sehr bewusst, wie ambitioniert es ist, die Dynamik der letzten zwei Jahre in die Zukunft zu projizieren. Der Begriff "Modell" klingt angemessener.

bundesliga.de: Was genau zeichnet das "Modell" 1899 Hoffenheim aus?

Schindelmeiser: Jeder Club hat seinen eigenen Fingerabdruck, abhängig von zum Beispiel der Historie, den Erfolgen, der Tradition, vergangenen Spielern, Menschen, die den Verein aktuell prägen, den Rahmenbedingungen - jeder Club ist also höchst individuell. Auf der Basis, die wir hier in Hoffenheim vorgefunden haben, haben wir versucht, unsere konzeptionellen Vorstellungen in die Realität umzusetzen. Als Ralf Rangnick und ich hier im Juni 2006 in der Regionalliga angefangen haben, hatten wir keinen Trainerstab, keine medizinische Abteilung und kein exaktes Bild von der Mannschaft. Wenn man den damaligen Status mit der Situation heute vergleicht, ist das eine unglaublich schnelle Entwicklung. Die Dynamik in diesen fast zweieinhalb Jahren ist nicht zu toppen. Wir haben bewusst versucht, die Schlüsselpositionen mit absoluten Fachleuten zu besetzen, die gleichzeitig auch menschlich sehr gut zu uns passen. Ich glaube, es gibt niemanden bei uns, der sich nicht freut, am nächsten Tag die Kollegen wieder zu sehen. Dieses Klima ist geprägt von gegenseitigem Respekt und Sympathie und ist ausgesprochen angenehm. Gleiches gilt für die Mannschaft. Wir erwarten, dass die Jungs sich trotz des Wettbewerbsdrucks und Konkurrenzkampfs respektieren. Neben der Qualität der Zusammenarbeit ist die Infrastruktur, die wir jetzt an die Bundesliga anpassen, ein wesentlicher Faktor.

bundesliga.de: Damit meinen Sie sicher das neue Stadion in Sinsheim.

Schindelmeiser: Auch. Das neue Stadion ist im Dezember fertig. Im Januar werden wir dort unser erstes Rückrundenspiel gegen Energie Cottbus austragen. Unser neues Trainingszentrum in Zuzenhausen wird voraussichtlich im Herbst 2009 fertig gestellt. Dann sind die infrastrukturellen Bedingungen noch deutlich besser, als wir sie momentan auf unserem Gelände vorfinden. In Deutschland und vielleicht auch darüber hinaus werden wir - zumindest was das Trainingsgelände angeht - dann absolut wettbewerbsfähig sein.

bundesliga.de: Wie genau sieht die sportliche Philosophie von Ralf Rangnick aus?

Schindelmeiser: Wenn wir als gewöhnlicher Aufsteiger in der jeweiligen Liga die Strategie gewählt hätten, uns irgendwie zu behaupten, sprich mit neun Leuten am eigenen Strafraum zu stehen und auf ein Siegtor kurz vor Schluss durch einen Freistoß oder Eckball zu hoffen, hätten wir die Menschen in der Region nicht gewonnen und auch kein Stadion gefüllt. Neben dem Anspruch, erfolgreich zu sein, sind wir bestrebt, die Menschen mit attraktivem Fußball zu begeistern. Das Anforderungsprofil bei potenziellen Neuzugängen umfasst neben den athletischen Voraussetzungen - und hier insbesondere der Schnelligkeit - eine technisch und taktisch gute Grundausbildung, hohe Lernbereitschaft und Eigenmotivation. Die Jungs müssen noch formbar sein. Wir wollen Spieler für uns gewinnen, die auf der gleichen sportlichen Entwicklungsstufe stehen wie wir und sich mit uns Schritt für Schritt weiter nach vorn entwickeln. Das ist ein ambitionierter Anspruch, der auch Gefahren birgt, weil gerade junge Spieler größeren Schwankungen ausgesetzt sind.

bundesliga.de: Überraschend ist auch das sehr junge Durchschnittsalter Ihres Teams. Wollen Sie noch mehr verjüngen?

Schindelmeiser: Es muss nicht bedeuten, dass unser Durchschnittsalter auch künftig bei 22 Jahren liegt. Ich kann mir durchaus auch einen höheren Wert von 26 Jahren vorstellen. Aber dann deshalb höher, weil Spieler, die in jungen Jahren zu uns kamen, ihre Verträge verlängert und uns auf diesem Weg begleitet haben. Dass wir in einem größeren Maße Spieler verpflichten werden, die deutlich älter sind als 24 oder 25 Jahre, kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellen.

bundesliga.de: Im Zusammenhang mit Transfers oder Vertragsverlängerungen kommt immer wieder zur Sprache, dass Hoffenheim einfach mehr Geld zur Verfügung habe als viele Konkurrenten. Was entgegnen Sie diesen Vorwürfen?

Schindelmeiser: Sehe ich nicht so. Niemand kann ernsthaft annehmen, dass 1899 Hoffenheim in Bezug auf den Personaletat im Vergleich mit der ersten Hälfte der Bundesliga-Clubs mehr Geld zur Verfügung steht. Geschweige denn mit den Clubs, die internationale Ambitionen haben. Diese Clubs bewegen einen Etat, der um den Faktor zwei bis fünf höher ist als unserer. Unter den Vereinen, die finanziell mit uns im direkten Wettbewerb stehen, bezogen auf den Personaletat, sehen die Jungs zurzeit wenig Alternativen. Die Spieler wissen mittlerweile sehr genau um ihre Entwicklungschancen bei uns, und dass sie nicht so unter Zeitdruck stehen, weil wir eine mittelfristige Perspektive für das gesamte Gebilde haben. Mit Bayern, Bremen, Schalke, Hamburg, Dortmund, Leverkusen etc. können wir, was die Gehälter angeht, gar nicht im Wettbewerb stehen. Aber die Jungs wollten spielen und nicht bei einem Verein mit der klaren Ambition Champions League in der zweiten Reihe stehen.

bundesliga.de: Also ist der Charakter der Spieler ein entscheidender Punkt bei Verpflichtungen?

Schindelmeiser: Im Kern steht natürlich auch immer die sportliche Qualifikation. Aber die Persönlichkeitsmerkmale haben für uns einen sehr hohen Stellenwert. Wir scheuen uns auch nicht, einen Spieler über einen längeren Zeitraum beim Training zu beobachten, um zu schauen, ob er zu uns passt. Wie geht er mit seinen Mitspielern um? Wie ist das Verhältnis zum Trainer? Bringt er auch den Physiotherapeuten oder Zeugwarten Respekt entgegen? Präsentiert sich jemand mit 18 Jahren schon als kleine Diva? Wir interessieren uns für Spieler, die sehr wohl über das Bewusstsein verfügen, gut zu sein und hohes Potenzial zu haben, die aber Zeit brauchen und ein intaktes Umfeld, um dieses Potenzial zu erschließen. Dafür brauchen wir qualifizierte Mitarbeiter, die in der Lage sind, den Spieler sportlich und in seiner Persönlichkeitsentwicklung zu prägen.

bundesliga.de: Zu Ihnen persönlich: Sie haben selbst die A-Trainer-Lizenz. Reizt Sie der Job als Trainer oder sind Sie lieber Manager?

Schindelmeiser: Unter anderen Umständen hätte der Trainerberuf eine ernsthafte Option sein können. Die unmittelbare Beziehung zu dem Sport, den wir alle lieben, ist in dieser Rolle noch enger. Gleichwohl hat mich die Kombination aus sportlicher und wirtschaftlicher Verantwortung und die eher strategische Ausrichtung persönlich noch stärker fasziniert. Ich kann mir im Augenblick auch keine spannendere Aufgabe vorstellen.

Das Gespräch führte Tim Tonner

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