Köln - Dass Julian Weigl einen Platz im EM-Kader bekommt, war eine der größeren Überraschungen bei der Nominierung von Bundestrainer Joachim Löw. Bisher war der Youngster von Borussia Dortmund bei der EM in Frankreich nur Zuschauer. Ausgerechnet im Halbfinale könnte nun aber Weigls große Stunde schlagen. Bedenken muss Löw nicht haben, sollte er ihn einsetzen.

Wer sich anschaut, was Julian Weigl während der EM bei Twitter postet, der sieht: Da fühlt sich jemand wohl in seiner Mannschaft. Stolz schreibt er nach den Siegen: "Nächste Runde wir kommen", oder "Alle zusammen eine Runde weiter". Bisher durfte Weigl seine Künste in Frankreich aber nur auf dem Trainingsplatz zeigen. Spielzeit hat er in den bisherigen fünf Partien der deutschen Mannschaft nicht erhalten.

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Das könnte sich nun ausgerechnet im Halbfinale gegen Frankreich ändern, das am Donnerstag um 21 Uhr in Marseille ausgetragen wird. Sami Khedira wird aufgrund einer Adduktorenverletzung im Bereich des linken Oberschenkels nicht spielen können und auch Bastian Schweinsteigers Einsatz ist wegen einer Außenbandzerrung im rechten Knie mehr als fraglich.

Die Alternativen im defensiven Mittelfeld sind Emre Can vom FC Liverpool und eben BVB-Profi Weigl. Der Bundestrainer lobte vor dem Duell mit Frankreich beide Spieler: "Emre Can kann man auf vielen Positionen einsetzen, er ist kämpferisch stark. Er wäre ein Spieler, der unserem Spiel gut tun würde. Aber auch Julian Weigl ist ein sehr guter Spieler, mit einem geschickten Positionsverhalten. Er ist sehr sicher am Ball." Für welchen dieser beiden Typen sich Löw entscheiden wird, ist noch offen.

Sorgen müsste es ihm nicht bereiten, den erst 20 Jahre alten Weigl ins kalte Wasser zu werfen. Schließlich ist der auch beim deutschen Vizemeister Borussia Dortmund vom ersten Tag an ohne Scheu aufgetreten und hat sich auf Anhieb einen Stammplatz erkämpft. In 30 Bundesliga-Spielen kam Weigl zum Einsatz, nur Henrikh Mkhitaryan und Pierre-Emerick Aubameyang hatten beim BVB noch mehr (je 31).

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Weigls Werte der vergangenen Saison stimmen ebenfalls: Er lief von allen BVB-Spielern im Schnitt am meisten, spielte nur acht Prozent Fehlpässe und stellte am 34. Spieltag sogar einen Bundesliga-Rekord auf. 216 Mal war er im Spiel gegen den 1. FC Köln am Ball, diesen Wert hat vor ihm noch niemand erreicht.

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Schlägt Weigls große Stunde nun gegen Frankreich? Veränderungen sind unumgänglich, da auch Mario Gomez (Muskelfaserriss) und Mats Hummels (Gelbsperre) fehlen. Löw betont, er habe bei allen Kandidaten für die Startelf "keine Bedenken". Dass er sich nicht scheut, Spieler ins kalte Wasser zu werfen, hat Löw beim WM-Finale 2014 bewiesen, als er überraschend Christoph Kramer in die Startelf beorderte. Ein Einsatz für Weigl am Donnerstag ist daher nicht unwahrscheinlich. Es wäre die Krönung seiner tollen Debütsaison in der Bundesliga.

Tim Müller