Hannover - Hannover 96 spielt bisher eine fabelhafte Saison, nicht nur für einen Aufsteiger. Großen Anteil daran hat auch Waldemar Anton. Der U21-Europameister hat bisher keine einzige Minute verpasst und ist die personifizierte Zuverlässigkeit.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Anton über die Gründe für die starken Leistungen der 96er, über seine Vereinstreue und über Tätowierungen.

bundesliga.de: Waldemar Anton, Anfang September haben Sie in einem Interview gesagt: "Vielleicht sind wir in ein paar Jahren auch ein Top-Club". Nach einem Drittel der Saison steht 96 auf einem Europa-League-Platz.

Waldemar Anton (lacht): Keine Frage: Wir freuen uns über die 18 Punkte. Und es ist schön zu sehen, wo wir im Moment in der Tabelle stehen. Um das zu erreichen, haben wir alle aber sehr viel Arbeit und Zeit investiert. Ich denke, man sieht diese Arbeit unserem Spiel auch an. Trotz alledem bleibt unser Ziel eindeutig der Klassenerhalt. Auf dieses Ziel arbeiten wir von Spiel zu Spiel hin.

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bundesliga.de: Sie sagen, es wurde "viel investiert". Worauf basiert der bisherige Erfolg im Detail?

Anton: Ich denke, dass ein ganz wichtiger Faktor ist, dass wir immer als echtes Team auftreten. Diese Mannschaft gibt nie auf, und jeder Einzelne versucht Woche für Woche hundert Prozent abzurufen.

"Was ich beeinflussen kann, ist meine Leistung – und darauf liegt mein Fokus. Für alles Weitere lautet mein Motto: 'Wenn’s kommt, dann kommt’s'" Waldemar Anton über die Nationalelf

bundesliga.de: Mit dem Erfolg kommt das Selbstbewusstsein, aber die 96-Mannschaft wirkte schon bei Saisonbeginn sehr selbstbewusst. Wie erklärt sich das?

Anton: Entscheidend ist, dass jeder bei uns weiß, dass er sich auf die anderen verlassen kann. Selbst, wenn man mal einen Fehler macht, ist das kein Problem, weil immer einer da ist, der einem hilft. Und dieses Wissen, nie allein dazustehen, das schafft großes Selbstbewusstsein.

bundesliga.de: Beim 4:2-Sieg gegen den BVB haben Sie Ihre beste Saisonleistung gezeigt. War dieses Spiel das Highlight Ihrer bisherigen Karriere, oder ist die U21-Europameisterschaft, bei der Sie aber keinen Einsatz hatten, höher angesiedelt?

Anton: Es ist schwierig, das miteinander zu vergleichen. An erster Stelle kommen für mich immer Hannover 96 und die Mannschaft, mit der ich Woche für Woche auf dem Platz stehe. Selbstverständlich ist die Teilnahme an einer Europa-Meisterschaft, die man sich im Verein erarbeitet hat, aber ein schöner Bonus. Umso mehr natürlich noch, wenn am Ende des Turniers der Europameister-Titel steht.

bundesliga.de: Denken Sie schon mal an die A-Nationalmannschaft?

Anton: Darüber mache ich mir eher wenig Gedanken, sondern lasse das alles einfach auf mich zukommen. Was ich beeinflussen kann, ist meine Leistung – und darauf liegt mein Fokus. Für alles Weitere lautet mein Motto: "Wenn’s kommt, dann kommt’s". Damit bin ich bisher gut gefahren in meiner Karriere.

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bundesliga.de: Sie haben in der Tat in dieser Saison bisher nicht eine einzige Spielminute verpasst. Haben Sie selbst sich das vor der Saison zugetraut?

Anton: Man setzt sich vor einer Saison Ziele. Aber dass es so gut für mich laufen würde, das ist schon etwas Besonderes. Aber ich glaube, dass ich auch sagen darf, dass ich dafür Tag für Tag hart arbeite. Und ich hoffe, dass es sowohl für die Mannschaft wie auch für mich persönlich noch ein bisschen so weitergeht.

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bundesliga.de: Bemerkenswert ist, dass Sie als Defensiv-Spieler in 900 Minuten gerade einmal eine Gelbe Karte kassiert haben. Das ist Mats-Hummels-Niveau...

Anton: Ich glaube, dass zum einen mein Stellungsspiel verhindert, dass ich häufig foul spielen müsste. Zum anderen ist diese Bilanz aber auch der Tatsache geschuldet, dass wir als Mannschaft nur sehr wenige Fehler machen und im Kollektiv sicher stehen.

bundesliga.de: Dabei verlangt Trainer André Breitenreiter gerade von Ihnen persönlich viel. Innenverteidiger oder Sechser – sind die häufigen Positionswechsel kein Problem für Sie?

Anton: Ich habe schon früher häufig zwischen Innenverteidigung und Sechser-Position gewechselt, so dass mich heute diese Variabilität auszeichnet. Ich fühle mich auf beiden Positionen sehr wohl. Letztlich aber spiele ich ohnehin immer auf der Position, die der Trainer für mich vorsieht. Wir beherrschen als Mannschaft viele verschiedene Systeme, sind sehr variabel – auch das macht unser Spiel aus.

"Schon als Kind war es mein Traum, für 96 und irgendwann einmal in diesem Stadion spielen zu dürfen." Waldemar Anton über seinen Verein

bundesliga.de: Sie sind im zehnten Jahr bei 96 und haben Ihren Vertrag nach dem Abstieg 2016 langfristig verlängert. Eine heute eher seltene Vereinstreue…

Anton: Das war für mich aber keine schwierige Entscheidung. Zum einen habe ich immer gespürt, dass man mir hier vertraut und auf mich setzt. Zum anderen bin ich Hannoveraner von klein auf, und schon als Kind war es mein Traum, für 96 und irgendwann einmal in diesem Stadion spielen zu dürfen. Dass ich später tatsächlich einen Vertrag hier unterschreiben durfte, ist wunderbar für mich. Nicht zuletzt, weil auch meine Familie und viele meiner Freunde in Hannover leben.

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bundesliga.de: Sie haben über sich selbst mal gesagt "Ich bin eher ein Denker-Typ". Von der Selbstreflexion zum Grübeln und Sich-selbst-in-Frage-stellen ist es manchmal nicht weit. Wie verhindern Sie negative Gedanken?

Anton: Ich halte nichts von negativen Gedanken. Die bringen nichts, sondern ziehen einen nur runter. (lacht) Im Ernst: Das heißt ja nicht, dass ich nicht auch mal jemanden im Verein oder in der Familie um Rat fragen würde. Trotzdem bin grundsätzlich jemand, der immer eher positiv denkt.

bundesliga.de: Es heißt, dass Sie gläubiger Christ sind. Hilft Ihnen der Glaube auch beim Fußball, oder lassen Sie Gott dort außen vor?

Anton: Ich bin tatsächlich ein sehr gläubiger Mensch. Und der Glaube hilft mir in Momenten, in denen ich Sorgen oder Probleme habe.

bundesliga.de: Sie sollen auch ein Ass in Mathematik sein, haben Abitur, aber keine Tattoos. Gehören die nicht zur Grundausstattung eines jungen Fußball-Profis?

Anton: Es stimmt, dass mir Mathematik schon immer liegt. Ob man wiederum Tattoos möchte oder nicht, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich weiß, dass sie für ihre Träger ganz unterschiedliche Bedeutungen haben können. Das respektiere ich natürlich, auch wenn für mich persönlich Tattoos bisher nicht in Frage kommen. Ob sich das in der Zukunft einmal ändern wird, lasse ich mal offen. Im Moment bin ich aber auch ohne ganz zufrieden. (lacht)

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bundesliga.de: Vertragsverlängerung trotz Abstieg und gläubiger Christ, Mathe-Ass, aber keine Tattoos. Das klingt nach Musterprofi; sehen Sie sich selbst auch so?

Anton: Ich denke, dass jeder, der einen Vertrag als Profi-Sportler unterschreibt, auch gewisse Verpflichtungen eingeht, etwa was das Freizeitverhalten betrifft, etc. Es gehört einfach zum Profi-Dasein, dass man sich professionell verhält, ob gegenüber anderen oder auch gegenüber sich selbst und seinem Körper, zum Beispiel in Sachen Ernährung.

bundesliga.de: Nicht jeder junge Profi lebt das...

Anton: Jeder ist vom Typ her unterschiedlich. Dem einen tut es vielleicht auch mal gut, wenn er keine zusätzlichen Einheiten absolviert, der andere aber braucht gerade dieses zusätzliche Training, um seine Leistung abrufen zu können. Das sollte man akzeptieren.

Das Gespräch führte Andreas Kötter