Dortmund - Die Schalker skandierten in der Kabine lautstark "Derbysieger, Derbysieger", obwohl das so eigentlich gar nicht stimmte. Naldo stammelte immer wieder glückselig "Wahnsinn, einfach nur Wahnsinn" und auf Seiten des BVB war ein dick bandagiert durch den Kabinengang humpelnder Mario Götze das Synonym einer gefühlten Niederlage: Das epische 4:4-Remis zwischen Borussia Dortmund und FC Schalke 04 samt historischer Aufholjagd produzierte ein Revierderby für die Ewigkeit.

Erst zum zweiten Mal in der Bundesliga-Geschichte punktete ein Team nach einem Vier-Tore-Rückstand (bisher nur Bayern 1976 in Bochum, 6:5 nach 0:4).

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So ein Comeback, bei dem man auswärts in einem Derby einen 0:4-Rückstand in der Nachspielzeit noch in ein Unentschieden dreht, das kann schon mal etwas verwirren. "Wir haben heute gewonnen", erklärte Leon Goretzka zufrieden, als er sich nach dem Abpfiff den Interviews stellte - und seinen Versprecher dann selbst grinsend korrigierte. Auf der anderen Seite fiel es den Borussen schwer, die Sprache überhaupt wiederzufinden. Und als Nuri Sahin erklärte, es sei "fatal, dass wir einem Gegner noch ein Stück vom Kuchen geben, der schon am Boden lag", da sprach der traurig-leere Blick Bände.

Schalker Frust und Verzweiflung

Freud und Leid auf einem Bild - für Schalke ist das 4:4 ein gefühlter Sieg © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA

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Eine gute Stunde zuvor war eben jener Sahin beim Torjubel noch freudestrahlend quer über den Platz gesprintet und feiernd in die Arme der kompletten Dortmunder Ersatzbank gesprungen: "In der ersten Halbzeit haben wir die Schalker taktisch komplett zerlegt, da ist unser Plan in jeder einzelnen Szene voll aufgegangen." Binnen 14 Minuten hatte der BVB in neuer 3-4-3-Formation die bislang so sichere königsblaue Defensive pulverisiert, dem Rivalen gleich vier Treffer eingeschenkt und Christian Heidel mächtig ins Grübeln gebracht. "Beim Stand von 0:4 habe ich schon überlegt, wie ich das hinterher verkaufen kann", plauderte der Schalker Manager nach dem Abpfiff aus dem Nähkästchen.

Während Heidel also nachgedacht hatte, fühlten seine Spieler nach dem Dortmunder Tor-Feuerwerk im Kopf eher eine große Leere. "Ich habe jetzt noch nicht richtig verstanden, was da passiert ist – ein Albtraum", gestand Ralf Fährmann, und auch Daniel Caligiuri schüttelte im Nachhinein noch den Kopf: "Das ging so schnell, da kannst du gar nicht mehr richtig nachdenken. Nach 27 Minuten habe ich erstmal auf die Anzeigentafel geschaut."

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Dortmund zunächst wie im Rausch

Wohl eher ungläubig, denn dass die favorisierten Schalker zu diesem Zeitpunkt tatsächlich mit einem 0:4-Rückstand auf eine ihrer bittersten Derby-Niederlagen zusteuerten, war kaum zu fassen. Vier Schüsse, vier Tore. "Jede Chance der Dortmunder war drin", hatte Domenico Tedesco zu diesem Zeitpunkt frustriert festgestellt.

Pierre-Emerick Aubameyang (l.) trifft zur Führung, da ist die Dortmunder Welt noch in Ordnung © imago

Pierre-Emerick Aubameyang hatte den Torreigen nach zwölf Minuten mit seinem sechsten Derbytor eröffnet und sich selbst damit zum treffsichersten Afrikaner der Bundesliga neben Anthony Yeboah befördert. Sahins Freistoß lenkte Stambouli ins eigene Netz, ehe Mario Götze mit seinem ersten Saisontor und Raphael Guerreiro mit einem fulminanten Schuss das Ergebnis in die Höhe geschraubt und das Stadion in ein schwarz-gelbes Tollhaus verwandelt hatten. Glückseligkeit auf den Rängen, nur im Schalker Block leerte es sich in diesem Moment schon zusehends.

Tedesco baut sein Team wieder auf

Alle, die früher den Heimweg angetreten haben, verpassten in der Mutter aller Derbys auch so etwas wie die Mutter aller Aufholjagden. Dass Tedesco dafür noch in der ersten Hälfte die Weichen gestellt hatte, konnte der junge Trainer zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen. Doch der Doppelwechsel des kämpferischen Leon Goretzka und des quirligen Amine Harit für McKennie und Di Santo schon nach 33 Minuten sollte sich später als prägend für Spiel und Ergebnis erweisen.

Domenico Tedesco hielt in der Pause einen Punktgewinn für nicht realistisch © gettyimages / NORBERT SCHMIDT/AFP

Zudem fand Tedesco mit seiner Halbzeitansprache genau die richtigen Worte – der Schlüssel für ein irres Comeback, da waren sich nach dem Abpfiff alle Schalker Profis einig. "Ein Riesenkompliment", lobte Leon Goretzka, "in einer solchen Situation hast du als Trainer zwei Optionen: Du kannst auf die Mannschaft eintreten oder du machst es anders und versuchst sie wieder mit ins Boot zu holen – und das hat er getan."

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Alle hätten in der Kabine eng zusammen gesessen, Tedesco sei vor der Mannschaft auf die Knie gegangen, verriet Ralf Fährmann. Und machte seinem Team dann ganz ruhig eine simple Ansage: Rausgehen, gefühlt bei Null anfangen und wenigstens die zweite Halbzeit gewinnen, lautete die Vorgabe. An einen Punktgewinn habe er da selbst noch nicht geglaubt, gab Domenico Tedesco nach der Partie ganz offen zu: "Man muss sich auch realistische Ziele setzen, und das war in diesem Moment sicher kein 4:4."

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Königsblauer Glaube gegen Schwarz-Gelbe Zweifel

Dass sie aber kämpfen wollten, daran glaubten die Schalker und stachelten sich gegenseitig an, wie Naldo erzählte. Sein Abseitstreffer nach 54 Minuten war so etwas wie eine Initialzündung: "Kommt Männer“, habe er zu seinen Mitspielern gesagt, "wenn wir vielleicht auch nicht vier Tore machen, dann aber zumindest noch eins oder zwei." Der Anschlusstreffer von Burgstaller nach 61 Minuten lief so noch unter der Überschrift Ergebniskorrektur, löste aber bei BVB-Coach Peter Bosz schon Beklemmungen aus: "Ein langer Ball, ein Kopfball – das war zu einfach, das darf nicht passieren."

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Mit Harits Tor vier Minuten später kippten erst bei beiden Teams Überzeugungen und Ängste auf dem Platz – und dann das ganze Spiel. "Beim 2:4 fängst du an zu überlegen. Nach dem 3:4 haben wir dann alle daran geglaubt", schilderte Tedesco seinen Gefühlswandel. Die Dortmunder wiederum haderten mit sich. Die Selbstzweifel krochen nach den schwierigen Wochen minütlich wieder zu Tage. "Wir haben nicht mehr Fußball gespielt", stellte Bosz fest. "Wenn du überlegst und grübelst, ob das wirklich gerade alles passieren kann, dann ist es schon zu spät", suchte Sahin Erklärungen für das Trauma der Borussia.

Erst der Platzverweis für Aubameyang (71.), dann der Treffer von Daniel Caligiuri (86.) – beim BVB war die Unsicherheit jetzt greifbar, nachdem Roman Weidenfeller in seinem 24. Derby (Rekord!) zuvor noch zweimal gerettet hatte.

"Jeder hat offenbar Angst vor dem nächsten Fehler gehabt", spürte Bosz. Schalke hingegen spielte sich in einen Rausch. Auch dank Amine Harit, der sich trotz Verletzung und mehrminütiger Behandlung wieder auf den Platz gequält hatte. "Die letzten Minuten waren hart, ich hatte starke Schmerzen. Aber ich wollte der Mannschaft helfen."

Amine Harit kehrte nach Verletzungspause wieder auf den Rasen zurück © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA

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Naldo: "Wie in einem Traum"

Sieben Minuten Nachspielzeit und einen wuchtigen Kopfball von Naldo später durfte auch Harit jubeln: "Es war wie in einem Traum, kaum zu fassen." Sein Manager hingegen hatte es schon geahnt: "Als wir die Ecke in der 94. Minute hatten, habe ich den Treffer von Naldo vorhergesagt", versicherte Christian Heidel glaubhaft. Der Rest war Jubel, Partystimmung, Gejohle in Königsblau – und Untergangsstimmung auf der anderen Seite.

Konsterniert hatten die Dortmunder noch auf dem Platz das wütende Pfeifkonzert der Fans über sich ergehen lassen müssen, in der Kabine herrschte dann fast Grabesstille. Sehr leise sei es zugegangen, erzählte Nuri Sahin. Alle waren maßlos enttäuscht und ratlos zugleich: "Die zweite Hälfte war katastrophal. Dafür gibt es keine Erklärung." Und auch Bosz räumte ein: "Man fühlt im Körper nur Enttäuschung. Es ist schwer, das zu verkraften."

Naldo sagt: "So ein Spiel habe ich in 35 Jahren noch nicht erlebt. Das war ein Derby für die Geschichtsbücher!" © imago

Die Knappen wiederum feierten sich und ihre Mentalität. "Schalke hat heute bewiesen, dass Schalke Charakter hat", stellte Tedesco stolz fest. Matija Nastasic fand es schlicht "crazy" und Leon Goretzka war sogar ein stückweit überwältigt: "Das sind gerade die chaotischsten Interviews, die ich je gegeben habe. Da war ich mit 16 Jahren in Bochum noch souveräner."

Kein Wunder nach einer Partie, deren Wert treffend der Mann zusammenfasste, der mit seinem Tor den Schlusspunkt unter ein denkwürdiges Revierderby gesetzt hatte. "So ein Spiel habe ich in 35 Jahren noch nicht erlebt", lachte Naldo. "Das war ein Derby für die Geschichtsbücher!"

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte

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