Nach seinem spektakulären Brusttor rannte Andrey Voronin vor die Hertha-Kurve, sank ungläubig in die Knie und riss die Arme in Höhe.

"Das Tor habe ich mit meiner geilen Brust erzielt. Gut, dass ich durchtrainiert bin. Dünnere Spieler hätten den Treffer nicht gemacht", meinte der prächtig gelaunte Torjäger. Mit seinem elften Saisontor zum 1:0 (0:0) besiegte er Bayer Leverkusen nahezu im Alleingang und bescherte dem "Fußball-Märchen" von Berlin ein weiteres Kapitel.

Favre: "Ich war katastrophal"

Als Herthas Spieler samt Voronin nach dem Abpfiff an der Mittellinie ihren obligatorischen Jubelkreis bildeten, musste dieses Mal Trainer Lucien Favre als Vortänzer in die Mitte. "Ich war katastrophal. Aber ich konnte nicht ablehnen", urteilte Favre gewohnt kritisch. Anschließend verlor aber auch der sonst so gefasste Schweizer angesichts der Stimmung für einen Augenblick die Fassung: "Es gibt eine kleine Euphorie im Umfeld. Man spürt das in der Stadt."

Herthas Höhenflug nimmt ungeahnte Ausmaße an. Nach dem zehnten Heimsieg in Folge festigte der Hauptstadt-Club, der letztmals 1931 Deutscher Meister war, seinen Vier-Punkte-Vorsprung an der Spitze. Durch die Länderspielpause ist die "Alte Dame" auf jeden Fall bis Anfang April Tabellenführer. Die Fans feierten noch 20 Minuten nach Schlusspfiff mit den Spielern und sangen immer wieder: "Hey, was geht ab, wir holen die Meisterschaft."

Der Glaube an die Meisterschaft reift

"Der Traum geht weiter. Ich würde lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass wir Deutscher Meister werden können. Noch nie war es so einfach", sagte Kapitän Arne Friedrich. Josip Simunic rechnete bereits laut vor: "Es sind noch zehn Spiele. Davon müssen wir sechs gewinnen. Dann sind wir Meister." Und selbst Bayer Leverkusens Trainer Bruno Labbadia musste anerkennen: "Mit so einer Ruhe wird man Deutscher Meister."

Perfektionist Favre war fast rundherum zufrieden, nur am Tor von Voronin hatte er etwas auszusetzen. "Andrey hätte das Tor im ersten Versuch erzielen müssen", meinte der Coach. Doch den Schuss des Ukrainers in der 50. Minute konnte Leverkusens Keeper Rene Adler noch abwehren. Den Abpraller bekam Voronin auf die Brust, und von dort sprang der Ball ins Tor. "Wir haben lange auf unsere Chance gewartet und dann eiskalt zugeschlagen. Das war ein intelligenter Sieg und kein Sieg für Genießer", sagte Herthas Manager Dieter Hoeneß.

Voronin trifft und trifft

Fast schon surreale Züge nimmt die Rolle an, die Voronin bei Berlins Höhenflug spielt. Der Ukrainer erzielte nun acht Tore in den vergangenen sechs Spielen. Kein Wunder, dass er spätestens bis Ende März Klarheit haben will, ob Hertha den "Leihspieler" vom FC Liverpool kauft. "Wir arbeiten daran. Das hätten wir auch gemacht, wenn er heute nicht getroffen hätte", sagte Hoeneß zur Zukunft des Torjägers an der Spree.

Voronin selbst blieb gelassen. "Ich kann nicht unbedingt behaupten, dass ich noch nie so gut war wie zurzeit", sagte der Ukrainer, der bereits beim 1:0-Sieg im Hinspiel gegen seinen Ex-Club Leverkusen den entscheidenden Treffer erzielt hatte. Auch an die Champions League wollte der Zopfträger noch nicht denken. "Erst wenn wir den UEFA-Cup-Platz sicher haben, beschäftigen wir uns mit der Champions League."

Bayer-Profis enttäuscht

Sichtlich geschockt schlichen Leverkusens Spieler aus dem Olympiastadion. "Wir wollten hier nicht ins offene Messer laufen, doch wir hatten zu viele einfache Ballverluste", klagte Labbadia.

"Ich habe keine Erklärung für unsere Leistung. Wir waren nicht schlechter, trotzdem hat viel zum Sieg gefehlt. Wenn man weiter oben steht, nutzt man seine Chancen wohl eher", sagte Patrick Helmes. Und Simon Rolfes fügte an: "Es war heute so wie immer. Wir haben wieder mit hohem Aufwand gespielt. In der entscheidenden Phase konnten wir aber nichts mehr hinzusetzen."