Nach einem wahren Kraftakt blieb Bayer 04 Leverkusen auch im letzten Spiel der Hinrunde unbesiegt. Der 3:2-Heimsieg gegen Borussia Mönchengladbach bescherte der "Werkelf" nach 2001 die zweite Herbstmeisterschaft der Vereinsgeschichte.

Das große Werk war soeben vollbracht, die Feierlichkeiten von Spielern und Fans waren gerade beendet, da wurde es in der BayArena noch einmal richtig laut. Per automatischer Durchsage wurden alle Stadionbesucher dazu aufgefordert, die Arena umgehend zu verlassen. Doch es war zum Glück nur falscher Alarm. Ein Außengrill hatte zu nah an einem Feuermelder gestanden und den Feueralarm versehentlich ausgelöst.

Leverkusen dreht den Spieß um

Es war nicht die einzige Schrecksekunde für den Spitzenreiter an diesem Nachmittag. Zuvor hatte bereits der Mönchengladbacher Innenverteidiger Dante mit seinem Tor zur zwischenzeitlichen 2:1-Führung der Gäste kurze Zeit für die Feierlaune der Bayer-Fans getrübt.

Doch zu den neuen Qualitäten der "Werkself" in der Saison 2009/2010 gehört, dass sich die Elf von Trainer Jupp Heynckes auch von Rückständen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Nur sechs Minuten währte der Spuk, dann hatte Eren Derdiyok ausgeglichen und Toni Kroos kurze Zeit später mit seinem zweiten Tor die Weichen sogar auf Sieg gestellt.

Keine Hektik trotz Rückstands

"Wir haben gezeigt, dass wir ein Team sind", gab sich Gonzalo Castro nach dem Spiel selbstbewusst: "So ein Rückstand hat uns nicht gestört, sondern nach vorne gebracht. Man hat gesehen, dass wir eine Klassemannschaft und den Willen haben, das Spiel zu gewinnen."

Bayer kann so schnell nichts mehr erschüttern. Die Mannschaft bleibt auch in kritischen Situationen geduldig und verliert nicht die Nerven. Wie schon letzte Woche in Berlin, als die Rheinländer erst nach 75 Minuten zum Ausgleich kamen, verfällt niemand in Hektik.

Aura der Unbesiegbarkeit

Das Team agiert mit dem Selbstbewusstsein einer Truppe, die nach wie vor ungeschlagen ist und fest an die eigenen Stärken glaubt. Auch an Tagen, an denen nicht alles mit der spielerischen Leichtigkeit läuft, mit der man Gegner wie Freiburg (5:0), Nürnberg, Frankfurt und Stuttgart (jeweils 4:0) in Grund und Boden spielte.

Auch wenn Abwehrspieler Manuel Friedrich moniert, dass Bayer zu viele Unentschieden auf dem Konto bilanziert und er statt zweier Remis beispielsweise lieber einen Sieg und eine Niederlage verbuchen würde. Beim Gegner bewirkt diese Aura der Unbesiegbarkeit sicher mehr Unbehagen als zwei oder drei Punkte mehr auf der Habenseite des Tabellenführers.

"Wir haben ein zeichen gesetzt"

"Der Sieg gegen die Borussia war eine Bestätigung für eine gute Vorrunde", freut sich Bayer-Torjäger Stefan Kießling (12 Saisontore): "Wenn wir wieder nur Zweiter oder Dritter gewesen wären, dann hätten wieder alle gesagt: eine gute Vorrunde von Bayer, aber wieder im Großen und Ganzen das gleiche Bild wie immer."

Diesmal ist es anders. Bayer hat die Drucksituation gemeistert, das Spiel gewinnen zu müssen, um als Spitzenreiter zu überwintern. Offiziell misst in Leverkusen niemand der Herbstmeisterschaft eine besondere Bedeutung zu. Dennoch ist es natürlich etwas Besonderes. "Schalke und Bayern haben aufgeholt. Aber wir haben ein Zeichen gesetzt, dass wir oben bleiben wollen", meint Gonzalo Castro.

Grundlage ist die stabile Defensive

Der Bayer-Erfolg der Vorrunde hat viele Väter. Aber vor allem vier Namen werden immer wieder bei der Würdigung der guten Resultate genannt. Jupp Heynckes, Sami Hyppiä, Toni Kroos und Stefan Kießling.

Jupp Heynckes, weil er als Trainer dank seiner beeindruckenden Titelsammlung eine absolute Autoritätsperson ist, die offensichtlich den Spielern das Erfolgsdenken eingeimpft hat und vor allem die Philosophie, dass eine stabile Defensive die Grundlage aller Erfolge ist. Dafür verpflichtete Bayer den 36-jährigen Routinier Sami Hyppiä, ein absoluter Transfervolltreffer.

Gutes Omen für Leverkusen

Toni Kroos zieht im Mittelfeld die Fäden und glänzt als Vollstrecker in den letzten Wochen sogar noch mehr als als Vorbereiter. Schon sechs Weitschusstore gelangen dem 19-jährige Ausnahmetalent, dessen Zukunft bei Bayer sich erst im Frühling klären wird.

Und Stefan Kießling spielt das beste Jahr seiner Karriere. Für Rudi Völler ist "Kies" sogar ein bisschen Bayers Spieler der Vorrunde. "Wer mit so großen Vorsprung die Torschützenliste anführt, ist schon absolute Topklasse. Er ist auch wieder in der Nationalmannschaft zurück. Man kann ihn unter vielen richtig guten Spielern ein bisschen herausstreichen", lobt der Sportchef.

Statistisch gesehen stehen Bayers Chancen auf die Deutsche Meisterschaft gut. Zwei Drittel aller Herbstmeister holten am Ende den Titel. Und auch die beiden Mannschaften, die es vor Leverkusen schafften, eine ganze Vorrunde ohne Niederlage zu absolvieren (der Hamburger SV und Bayern München), standen am Ende ganz oben. Deutscher Meister Bayer Leverkusen oder wieder nur falscher Alarm? Es bleibt spannend.

Aus Leverkusen berichtet Tobias Gonscherowski