An den ersten sechs Bundesliga-Spieltagen werden sie sich beim FC Bayern wohl einige Male ein bisschen geärgert haben. Einerseits, weil die eigenen Ergebnisse zunächst nicht stimmten, andererseits wegen Ze Roberto.

Obwohl in der - zugegebenermaßen durchwachsenen - Vorsaison einer der Leistungsträger beim Rekordmeister, ging man in Anschluss getrennte Wege. Der Grund: Der FC Bayern hatte dem Brasilianer einen neuen Ein-Jahres-Vertrag angeboten, doch dieser wollte einen längerfristigeren Kontrakt.

Den bekam er beim Hamburger SV. Der HSV ließ sich in der Sommerpause nicht lange bitten und schlug zu: Der 35-Jährige erhielt an der Elbe einen Zwei-Jahres-Vertrag. Seitdem erlebt der viertälteste Feldspieler im "Oberhaus" seinen und mit ihm die "Rothosen" in der Bundesliga einen Höhenflug, der auch den Bayern gefallen würde.

"Das wird ein besonderer Moment"

In allen sechs Bundesliga-Spielen der Hanseaten stand Ze Roberto in der Startelf. Weil ihm das allein nicht reichte, machte er als Torjäger von sich reden: 16 Torschüssen, sieben Torschussvorlagen und vor allem drei Treffer sind seine Bilanz - von wegen Altersschwäche.

Der HSV kletterte nicht zuletzt auch seinetwegen mit vier Siegen und zwei Unentschieden an die Tabellenspitze und empfängt am Samstag den FCB (ab 18 Uhr im Live-Ticker / Liga-Radio).

Erster gegen Dritter, aber neben der Tabellenkonstellation ist der Nord-Süd-Gipfel natürlich für Ze Roberto diesmal einer mit persönlicher Note. "Das wird ein besonderer Moment. Ich hatte sechs schöne Jahre bei Bayern", sagte er im Vorfeld der "Bild". Kontakt zu den ehemaligen Kollegen besteht nicht. "Nein, jeder macht seinen Job. Wir treffen uns vor dem Spiel kurz, und vielleicht reden wir noch etwas nach dem Abpfiff." Die Jahre 2002 bis 2006 und 2007 bis 2009 an der Säbener Straße waren nicht nur schön, sondern auch überaus erfolgreich: Stolze vier Mal holte er das nationale Double aus Meisterschaft und Pokalsieg - kein Spieler schaffte das vor ihm.

Fitness, Disziplin, Glaube

Schon zu Saisonbeginn hatte Ze Roberto nun auch in der Hansestadt quasi weitere große Taten angekündigt. "Ich bin topfit und weiß, dass ich noch zwei Jahre auf hohem Niveau Fußball spielen kann." Genau diese exzellente körperliche Verfassung ist wohl eine der großen Stärken des Routiniers. "Er ist ein absolutes Vorbild und fit wie ein 25-Jähriger", lobt Marcell Jansen die Power seines Kollegen. Und Piotr Trochowski nennt ihn sogar "eine Maschine". Aber was genau ist jetzt sein Erfolgsgeheimnis?

Vielleicht sein disziplinierter Lebensstil. "Auch ich war jung und habe viel ausprobiert. Aber ich habe auch herausgefunden, was gut für mich ist", sagt Ze Roberto selbst im "kicker": "Ich trinke keinen Alkohol, ernähre mich sehr gut und schlafe viel." Da hat man von brasilianischen Ballkünstlern durchaus schon anderes gehört...

Vielleicht hilft auch sein "Draht nach oben". Neben seiner Familie - Ehefrau Luciana und die drei Kinder Endrik, Mina und Isabell sind bei ihm in Hamburg - hilft dem Ausnahme-Fußballer offensichtlich auch der Glaube dabei, seinen Beruf so exzellent auszuüben. Nach jedem Tor geht der Blick zuerst in Richtung Himmel als Dank an Gott. Und für die Zeit nach der aktiven Laufbahn hat er auch schon einen Plan: "Ich kann mir gut vorstellen, dass ich nach meiner Karriere Pastor werde."

Titel und "Selecao" im Blick

Aktuell richtet Ze Roberto den Blick rein auf das Sportliche, zunächst mit einem Auge auf den HSV. "Unsere Mannschaft hat große Zukunft", sagt der Mittelfeldstar und fügt an: "Mein Ziel ist es, mit dem HSV Meister zu werden." Kann er auch noch werden, denn seit Mittwochabend ist lediglich die Chance auf den Triumph im DFB-Pokal passé - bleibt noch die Titeljagd in Meisterschaft und Europa League. An ihm soll es zumindest nicht liegen: "Hier in Hamburg habe ich im Moment die Form meines Lebens."

Mit dem anderen Auge allerdings schielt der 83-malige Nationalspieler, der nach der WM 2006 aus der "Selecao" zurückgetreten war, aber auch wieder in sein Heimatland. "Der Rücktritt war der größte Fehler meines Lebens", sagt er: "Wenn mich Nationaltrainer Dunga ruft, bin ich da. Es wäre mein größter Traum, noch eine WM für Brasilien zu spielen. Ich will Weltmeister werden."

Ganz kurzfristig würde es ihm wahrscheinlich erstmal reichen, wenn die Bayern sich auch nach dem 7. Spieltag wieder ein bisschen ärgern würden…

Tim Tonner