Köln – Der Exportschlager aus Fernost boomt im deutschen Fußball wie nie zuvor. Mit aktuell zwölf Spielern stellen die Japaner in der Bundesliga hinter der Schweiz, Österreich und Brasilien die viertgrößte Fraktion unter den Legionären. Dabei galten sie einst als Exoten.

Dieser Artikel ist Teil der Serie "Japaner in der Bundesliga", die am Montag begonnen hat.

In Köln war das Erstaunen doch einigermaßen groß, als der Club im Sommer 1977 einen gewissen Yasuhiko Okudera vorstellte. Ein Amateur, der von der japanischen Werksmannschaft Furukawa Electric zum ambitionierten Bundesligisten an den Rhein wechselte - und zugleich der erste Japaner in der Bundesliga war.

Erst belächelt – dann Double-Gewinner

Von den Kiebitzen zunächst noch belächelt, gehörte Okudera aber schnell zum Stammpersonal. "Er hat eine großartige Ausdauer", lobte FC-Trainer Hennes Weisweiler seinen Neuen. Gleich in seiner Premieren-Saison gelang Okudera mit den Geißböcken das Double aus Meisterschaft und Pokalsieg. Für Köln und ab Anfang der Achtziger-Jahre dann für Werder Bremen brachte es der Linksaußen auf stolze 234 Bundesligaspiele und 26 Tore.

Vom Okudera-Transfer beeindruckt, schielte schließlich auch Arminia Bielefeld Richtung Fernost und holte mit Kazuo Ozaki 1983 den zweiten Japaner in die Bundesliga. Der Stürmer kam auf neun Tore in 62 Bundesliga-Spielen. Doch dann wurde es langsam still um die Japaner und so sollten viele Jahre ohne deren Legionäre in Deutschlands Eliteliga vergehen.

Wegbereiter Takahara

Junichi Inamoto

Den Ball ins Rollen brachte erst wieder Naohiro Takahra 2003,  zu jener Zeit Japans Fußballer des Jahres und absolute Tormaschine. Er unterschrieb beim Hamburger SV, der nicht zuletzt auch den lukrativen Markt in Asien erschließen wollte. Allein beim Probetraining waren rund 50 japanische Journalisten und mehrere Kamerateams aus Fernost anwesend.

An seine sensationelle Torquote aus der J-League konnte Takahara in der Bundesliga zwar nicht mehr anknüpfen, doch immerhin lief er für den HSV und Eintracht Frankfurt 135 Mal auf, traf dabei 25 Mal – stets begleitet von großem

Medieninteresse aus seinem Heimatland. Und so gilt Takahara heute als Wegbereiter für die erste Welle der Japan-Legionäre in den späten 2000er-Jahren, mit Junichi Inamoto bei Eintracht Frankfurt, Shinji Ono beim VfL Bochum, und Makoto Hasebe beim VfL Wolfsburg übrigens alle auch Schlüsselspieler der Nationalmannschaft.

Kagawa Superstar

Für den ersten großen Superstar dauerte es aber bis 2010. Borussia Dortmund hatte dem japanischen Zweitligisten Cerezo Osaka eine verhältnismäßig überschaubare Ausbildungsentschädigung von 350.000 Euro für einen gewissen Shinji Kagawa überwiesen. Dass der kleine Dribbler einschlagen würde wie eine Bombe und den BVB als Spielgestalter zu zwei Meisterschaften und einem DFB-Pokalsieg führen sollte, das hatten sie sich in Dortmund wohl selbst in ihren kühnsten Träumen nicht ausgemalt. In zwei Spielzeiten Bundesliga traf Kagawa, wohlgemerkt als Mittelfeldspieler, 21 Mal ins Netz und legte 13 Treffer auf.

Hajime Hosogai

Inzwischen hatten auch viele andere Bundesligisten auf dem Transfermarkt zugeschlagen. Der VfB Stuttgart sichert sich beispielsweise die Dienste von Shinji Okazaki und Gotoku Sakai, Hannover 96 holte dessen Namensvetter Hiroki Sakai, Schalke den schnellen Außenverteidiger Atsuto Uchida, Hiroshi Kiyotake wechselte aus Japan zum 1. FC Nürnberg, später dann zu Hannover und Hajime Hosogai kam über die Stationen Bayer Leverkusen und FC Augsburg schließlich zu Hertha BSC.

"Sie sind sehr beweglich, können auf engstem Raum agieren und haben eine sehr gute Technik, das ist im Moment gefragt", 

begründete Japan-Experte Pierre Littbarski im Interview mit bundesliga.de die steigende Nachfrage nach Spielern aus Fernost. "Dazu kommt ein sehr großes Engagement und ein Hang dazu, alles perfekt machen zu wollen. Und sie sind sehr trainingsfleißig und diszipliniert." Skandale abseits des Platzes sind nicht bekannt, die meisten Legionäre schafften die Anpassung an die Bundesliga schnell und gehören zu den regelmäßigen Akteuren in der Startformation. Einzig der vom FC Bayern München verpflichtete Takashi Usami blieb hinter den Erwartungen zurück und kehrte nach nur drei Spielen für den Rekordmeister und einer kurzen Leihe nach Hoffenheim wieder in seine Heimat zurück.

Sprungbrett 2. Bundesliga

Inzwischen ist aber auch die 2. Bundesliga ein gutes Sprungbrett für Japaner geworden. So nutzen beispielsweise Takashi Inui (jetzt Eintracht Frankfurt) und Yuya Osako (1. FC Köln) ihre Engagements beim VfL Bochum bzw. 1860 München eindrucksvoll, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Auch Kazuki Nagasawa, in der Winterpause nach Köln gewechselt, machte in der Rückserie der Aufstiegssaison mit tollen Leistungen auf sich aufmerksam.

In der Bundesliga hat sich zuletzt vor allem Shinji Okazaki hervorgetan, der nach seinem Wechsel vom VfB Stuttgart zu Mainz 05 noch einmal einen Karriereschub bekam. Inzwischen von der Außenposition ins Sturmzentrum gerückt, hat Okazaki nun auch den legendären Okudera nach Toren eingeholt und ist mit dem einstigen Pionier gleichgezogen (jeweils 26 Tore). 2013/14 traf der Mainzer 15 Mal – so oft wie kein anderer Japaner zuvor in einer Spielzeit. Den alleinigen Titel als japanischer Rekordtorschütze kann ihm derzeit höchstens noch Shinji Kagawa streitig machen, der nach zwei durchwachsenen Jahren bei Manchester United unter großem Jubel wieder zu Borussia Dortmund zurückgekehrt ist.

Karol Herrmann