München - Mit seinem Namen ist der spektakuläre Titelgewinn des VfL Wolfsburg im Jahre 2009 verbunden: Grafite. Zusammen mit Edin Dzeko erzielte der Brasilianer in der Meisterschaftssaison sagenhafte 54 Tore - davon besorgte er 28 selbst und räumte nebenbei noch die Torjägerkanone ab.

Noch lange in Erinnerung bleiben wird sein Zaubertor zum 5:1-Endstand gegen den FC Bayern, als er die Münchener Abwehrspieler umkurvte wie Slalomstangen und schließlich per Hacke sein Fußballkunstwerk vollendete. "Das 5:1 ist definitiv das schönste Tor, das ich jemals geschossen habe", sagte Grafite hinterher.

In der vergangenen Spielzeit wurde es ein bisschen ruhiger um Grafite - doch wie es scheint, hat der Brasilianer nun wieder zu alter Stärke zurückgefunden. Sieben Tore in zwölf Spielen stehen in der aktuellen Saison bislang zu Buche.

Doch wer genau ist eigentlich dieser Grafite, der seit Ende August 2007 beim VfL Wolfsburg dem runden Leder nachjagt? bundesliga.de hat Wissenswertes rund um den Brasilianer gesammelt.

Mülltütenverkauf

Grafite kennt beileibe nicht nur die Sonnenseiten des Lebens. Der 1979 in Campo bei Sao Paulo geborene Stürmer hat eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. Als Jugendlicher trug er durch den Verkauf von Mülltüten zum Lebensunterhalt der Familie bei. Als 13-Jähriger geht er in seinem Heimatort von Tür zu Tür und bringt die Ware an den Mann - acht Jahre lang ist das seine Einnahmequelle. "In Brasilien wird fast alles an der Haustür verkauft", erzählt Grafite, "das ist praktisch, man muss nicht rausgehen als Käufer". Und: "Die Mülltüten sind wirklich gut, die dort angeboten werden."

Vorbild

Grafites großes Vorbild ist der brasilianische Fußballer Rai, der mit vollem Namen Raímundo Souza Vieira de Oliveira heißt. Rai führte die brasilianische Nationalelf 1994 als Kapitän zur Weltmeisterschaft in die USA. In den Jahren 1992 und 1993 gewann er mit dem FC Sao Paulo jeweils die Copa Libertadores sowie den Weltpokal. Europäische Fußballfans kennen Rai zudem durch seine Zeit bei Paris St. Germain (1993-98). Auch dort feierte der Brasilianer viele Erfolge: 1994 wurde er Meister, 1995 und 98 Pokalsieger und 1996 gewann er mit PSG den Europapokal der Pokalsieger.

Grace Kelly

Im Fernsehsender "SWR" gibt es eine Sendung mit dem Titel "Ich trage einen großen Namen". Darin geht es um die Nachkommen berühmter Persönlichkeiten. Bei Grafites Ehefrau ist der Sendungstitel wörtlich zu nehmen: Sie heißt wie die berühmte US-Schauspielerin und spätere Fürstin von Monaco: Grace Kelly. So schön wie ihr Name ist, so hart kann sie auch mit ihrem Ehemann sein: Nach Roten Karten spricht sie zwei Tage kein Wort mit ihrem Gatten.

Erfolg mit Josue

Grafite und Josue verbindet ein ganz besonderer sportlicher Erfolg. Denn im Jahr 2005 gewannen die beiden die begehrteste und wichtigste Trophäe im südamerikanischen Vereinsfußballwettbewerb: die Copa Libertadores. Sie ist vergleichbar mit der europäischen Champions League. Das Kunststück gelang den beiden mit dem FC Sao Paulo. Beim VfL wünscht man dem Duo sicherlich einen ähnlichen Erfolg - auch wenn es bis zur nächsten Teilnahnme an der "Königsklasse" noch ein weiter Weg sein dürfte...

Tor des Jahres

"Unglaublich, Wahnsinn, sensationell!!!! Grafite erhöht mit einem Traumtor auf 5:1!!!! Irre!!!! Was für ein Ding! - Der Brasilianer zieht über links in den Strafraum, lässt Ottl, Lell und Rensing aussteigen und schiebt den Ball aus sechs Metern mit der HACKE ins linke Eck! Da fehlen einem die Worte!" Schon die Torbeschreibung des bundesliga.de-Live-Tickers lässt dem Fußball-Fan bereits das Wasser im Mund zusammemlaufen. Die Wahl zum Tor des Jahres war anschließend nur eine Formsache...

Emily und die anderen Mädels...

Die Familie ist vor allem den Brasilianern sehr wichtig. So beherbergt zum Beispiel Dortmunds Dede immer einen Großteil seiner Verwandten in den eigenen vier Wänden. Bei Grafite sind die Angehörigen nicht ganz so zahlreich, aber dafür muss sich Grafite gleich gegen vier weibliche Mitbewohner durchsetzen. Ehefrau Grace Kelly, Töchter Marie Cecilia und Marie Luisa sowie seine Katze Emily sind mit Grafite von Le Mans nach Wolfsburg gekommen.

Frankreich

Anfang 2006 wechselte Grafite vom FC Sao Paulo zu Le Mans UC 74 in die französische Ligue 1. Mit seinen Toren schoss er sich in die Herzen der Fans. In 51 Partien traf er insgesamt 17 Mal für die Franzosen. Henry Legarda, der Präsident von Le Mans, verkündete, dass er um Grafite ein erfolgreiches Team aufbauen wolle. Aber nur wenig später unterschrieb der Stürmer bei den "Wölfen". Übrigens: Sergiu Radu, der bis Ende 2007 noch beim VfL Wolfsburg aktiv war, spielte in der Saison 2003/04 ebenfalls in Le Mans.

Selecao

Grafite hat drei Einsatz in der brasilianischen Nationalelf bestritten. der erste erfolgte bereits am 27. April 2005, als Romario seinen Abschied aus der "Selecao" in einem Freundschaftsspiel gegen Guatemala gab. In der 39. Minute kam Grafite für Romario in die Partie, als die Brasilianer durch Tore von Anderson und Romario schon 2:0 führten. Grafite war es aber, der in der 66. Minute den 3:0-Endstand besorgte. In Südafrika durfte er beim 0:0 gegen Portugal insgesamt fünf Minuten WM-Luft schnuppern.

Künstlername

Edson Arantes do Nascimento kennt man schon eher als Pele, Zico wurde als Artur Antunes Coimbra geboren, im Pass von Ronaldinho steht Ronaldo de Assis Moreira. Auch Grafite ist ein "Künstlername". Den bekam er mit 21 Jahren verpasst. Bei einer Bezirksmeisterschaft in São Paulo im Sommer 2001 ist ein alter, erfahrener Trainer für die Zusammenstellung der Teams verantwortlich, und als er den großen Stürmer sieht, gibt er ihm den Namen "Grafite", weil er ihn an einen anderen Spieler dieses Namens erinnert - für Edinaldo Batista Libanio die Geburtsstunde seines "Namens".

Glaube statt Glamour

Grafite weiß den eigenen Erfolg richtig einzuschätzen: "Wenn es läuft, kann man sich vor Zuspruch kaum retten. Du wirst behandelt wie ein Gott." Erst in der Tiefphase habe er genau gesehen, wer zu ihm steht. "Familie und Freunde sind wichtig, nicht diese Glamourwelt, sondern dass ich nach Hause komme und die Kinder mich begrüßen. Darum geht es im Leben." Der Stürmer betet vor jedem Spiel, "damit ich, meine Kollegen und die Gegner nicht verletzt werden. Ich bete zu Gott, dass alle genauso das Feld verlassen, wie sie es betreten haben."