Mönchengladbach –  Borussias Stadionsprecher hat einen guten Riecher. Während der Halbzeitpause hatte Torsten Knippertz im Presseraum bereits vorausgesagt, ein Tor von Oscar Wendt ansagen zu dürfen. Zwar war es nicht - wie zunächst prophezeit - der Siegtreffer in der Schlussphase, dafür aber der Auftakt zu einer denkwürdigen Viertelstunde, in der Gladbach den FC Bayern München mit drei Treffern entzauberte.

Mit seinem vermeintlich schwachen rechten Fuß überwand eben dieser Oscar Wendt  bereits in der 54. Minute Nationaltorwart Manuel Neuer und leitete damit Bayerns erste Saisonpleite sowie die erste Hinrunden-Niederlage überhaupt unter Pep Guardiola ein. "Wenn ich nah genug am Tor stehe, dann geht es auch mit rechts ganz gut", meinte der Außenverteidiger schmunzelnd.

Dank der taktischen Variante von Trainer Andre Schubert, der den Gegner mit einer Dreier-Abwehrkette und zwei offensiven Außenverteidigern überraschte (Hintergrund: Borussia Mönchengladbach in der Taktik-Analyse), schaltete sich Wendt unermüdlich in die Angriffsaktionen auf der linken Außenbahn ein und krönte seine starke Leistung mit seinem zweiten Saisontreffer. "Das Tor war unglaublich wichtig und hat bei uns nochmal eine Menge Energie freigesetzt", befand er hinterher.

Gute Laune in ganz Gladbach

Als die Bayern auf den schnellen Ausgleich drängten, schlug Gladbach erneut eiskalt zu und ließ dem 2:0 durch Lars Stindl (66. Minute) 120 Sekunden später sogar das vorentscheidende 3:0 durch Fabian Johnson folgen. Kein Wunder, dass der Borussia-Park in diesem Moment endgültig komplett bebte und die Fans ihr Glück kaum fassen konnten. Während die Anhänger ihre Mannschaft noch lange nach Abpfiff für den 3:1-Erfolg feierten, gab es in den Katakomben eine Menge Gesprächsstoff. Zum Beispiel das überraschende Startelf-Debüt von Nico Elvedi, der sich als einer von drei Innenverteidigern Bayerns Mega-Offensive mit Robert Lewandowski, Thomas Müller und Kingsley Coman mutig entgegenstellte.

Während der 19 Jahre alte Schweizer, der die Vorlage zum 2:0 gab, den Journalisten Eindrücke von einem "super Erlebnis" in die Blöcke diktierte, schlich sich der verletzte Ibrahima Traore von hinten heran und drückte dem Youngster einen Kuss auf die Wange, um danach mit einem lauten Jubelschrei in die Kabine zu entschwinden.

Ebenfalls bestens gelaunt attestierte Trainer Schubert seiner Mannschaft eine "sensationelle Leistung", die möglich war, "weil wir absolut am Limit gespielt haben". Wohl wissend, dass eine solche Gala jetzt wohl "nicht jedes Mal möglich sein wird". Auch Elvedi habe seine Sache sehr gut gemacht, auch wenn Coman, ebenfalls 19 Jahre alt, "der einige Male mit 800 km/h auf ihn zukommt", ihn vor einige Probleme gestellt habe.

Sensation? Xhaka: "Für mich nicht"

Nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" war die Marschrichtung der Fohlenelf von Beginn an klar: Bloß nicht hinten einigeln und darauf hoffen, kein Tor zu bekommen. Schließlich verfügt die Borussia über die nötigen Qualität sowie die taktischen Fähigkeiten, um auch hochkarätige Gegner unter Druck zu setzen.  "Wir spielen mutig nach vorne und verstecken uns nicht. Viele stellen sich gegen Bayern nur hinten rein. Wir haben unser Spiel gespielt. Das zeichnet uns im Moment aus und wird am Ende auch belohnt", sagte Fabian Johnson im Interview. Seit Schuberts Amtsantritt hat Borussia Mönchengladbach in zehn Spielen 26 Punkte gesammelt, einen mehr als die Bayern in diesem Zeitraum (Topdaten zum Spiel).

Dennoch machten in den Katakomben Begriffe wie "Wunder" oder "Sensation" die Runde. "Für mich ist es das nicht", sagte Granit Xhaka. "Das sind auch normale Menschen mit zwei Beinen und zwei Händen, mit Stärken und Schwächen. Man muss eben daran glauben, sie schlagen zu können und sie unter Druck setzen", sagte der mittlerweile heisere Kapitän, dem die lautstarke Führung seines Teams auf die Stimme geschlagen war. "Wir spielen geilen Fußball, wir laufen und kämpfen füreinander und stehen nicht umsonst da, wo wir stehen", meinte Gladbachs Stratege, dessen Team mit 122,1 km über sechs Kilometer mehr lief als der Tabellenführer (115,9 Kilometer).

Bereits am Dienstag wartet in der Champions League bei Manchester City das nächste große Kaliber. Mit einem Sieg könnte die Schubert-Elf im letzten Gruppenspiel aus eigener Kraft die Qualifikation zur Europa League klarmachen. Genügend Selbstbewusstsein hierfür ist durchaus vorhanden.  Auf die Bemerkung eines Reporters, "wenn man die Bayern geschlagen hat, dann könne man auswärts doch wohl auch Manchester City schlagen", antwortete Xhaka trocken: "Da gebe ich Ihnen recht." In Gladbach macht eben nicht nur der Stadionsprecher die Ansagen.

Aus Mönchengladbach berichtet Markus Hoffmann