München/Bremen - Drei Siege aus vier Spielen, die zweitbeste Offensive der Bundesliga, Platz 3: Werder Bremen ist nach der schweren letzten Saison, in der das Team fast ausschließlich gegen den Abstieg kämpfte, prächtig aus den Startlöchern gekommen.

Dass es die absolut richtige Entscheidung der Verantwortlichen war, auch in harten Zeiten an Trainer Thomas Schaaf festzuhalten, bewies das Werder-Urgestein mit dem Klassenerhalt und dem furiosen Saisontart eindrucksvoll. Und er sieht noch Luft nach oben. "Wir sind in einem Prozess, müssen uns nach der letzten Saison Sicherheit und Selbstvertrauen zurückerarbeiten", sagt Schaaf.

Vor allem durch die im Vergleich zur Vorsaison entspannte Personalsituation bieten sich dem Coach wieder mehr Möglichkeiten. So hat er im Sturm mit Marko Arnautovic und Markus Rosenberg gleich zwei treffsichere Partner für Claudio Pizarro in der Hinterhand.

Allerdings: Mit Per Mertesacker verabschiedete sich der Kapitän kurz vor Transferschluss Richtung Arsenal London. "Einerseits sind wir traurig, weil wir mit Per noch viel erreichen wollten. Andererseits wissen wir, wie sehr ihn die englische Liga reizt", gönnt Schaaf seinem Abwehrrecken den Wechsel.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der 50-Jährige über den Sieg in Hoffenheim und seine Luxusprobleme im Sturm. Außerdem verrät er die Chancen auf eine baldige Rückkehr von Naldo und blickt auf das Nord-Derby gegen den HSV voraus.

bundesliga.de: Herr Schaaf, Werder ist Dritter, punktgleich mit Bayern und Schalke davor. Hat Bremen endlich wieder zu alter Stärke zurückgefunden - oder ist das lediglich eine schöne Momentaufnahme?

Thomas Schaaf: Der Saisonstart war gut. Sehr gut wäre er gewesen, wenn wir bisher alle Spiele gewonnen hätten und das war möglich. Doch in Leverkusen hat die letzte Überzeugung gefehlt, um auch dort erfolgreich zu sein. Daran hat man gesehen, dass wir momentan in einem Prozess sind, müssen uns nach der letzten Saison Sicherheit und Selbstvertrauen zurückerarbeiten. Aber jedes Spiel und vor allem jeder Sieg hilft dabei, uns weiter zu festigen.

bundesliga.de: Kommt die Länderspielpause zur Unzeit, wo ihr Team doch gerade so erfolgreich spielt?

Schaaf: Wir arbeiten immer gerne mit dem kompletten Kader. Wenn man Erfolg hat, dann möchte man diesen Rhythmus gerne beibehalten und sich weiter verbessern und wenn es nicht so gut läuft, dann wünscht man sich den gesamten Kader, um an Sachen, die nicht gut waren, zu arbeiten.

bundesliga.de: Das 2:1 in Hoffenheim war etwas glücklich, auch das 5:3 über Freiburg hätte anders ausgehen können. Hat Werder jetzt wieder das Quäntchen Glück, das in der letzten Saison fehlte?

Schaaf: Ich glaube nicht, dass der Sieg in Hoffenheim glücklich war. Glück war es, dass wir die Anfangsphase ohne Gegentreffer überstanden haben, danach haben wir die Partie zunehmend kontrolliert und ein gutes Spiel entwickelt. Deshalb haben wir immer an den Erfolg geglaubt.

bundesliga.de: Nach dem Spiel meinten Sie, Ihnen sei in der Anfangsphase "angst und bange" gewesen. Was läuft noch nicht rund, gerade in der Defensive?

Schaaf: In der Anfangsphase mussten wir einige brenzlige Situationen überstehen. Da hat Hoffenheim in einer unglaublichen Art und Weise nach vorne gespielt und wir haben es nicht geschafft, den Gegner zu stellen. Das haben wir aber nach 15 bis 20 Minuten verbessert und standen in der Defensive - insbesondere in der zweiten Halbzeit - sehr sicher und haben kaum Chancen zugelassen.

bundesliga.de: Zuletzt trafen sowohl Markus Rosenberg als auch Marko Arnautovic, Sie bewiesen ein glückliches Händchen. Wen sehen Sie im Moment vorne?

Schaaf: Jeder Spieler muss seine Leistung nachweisen. In den ersten Spielen haben wir mit der Sturmreihe Rosenberg und Thy gespielt, weil ihnen das in der Vorbereitung am besten gelungen ist. Diese Leistungen müssen aber immer wieder bestätigt werden, dass ist Markus Rosenberg zuletzt nicht so gut gelungen, deshalb hat Marko Arnautovic in Hoffenheim die Möglichkeit bekommen, sich zu beweisen. Das heißt aber nicht, dass alles weggewischt wird. Es entscheidet immer die Leistung.

bundesliga.de: Marko Marin trumpfte in den letzten Spielen in der Zentrale auf. Sehen Sie das als mögliche Dauerlösung? Viele Experten hätten Neuzugang Mehmet Ekici dort auf lange Sicht erwartet.

Schaaf: Marko Marin hat seine Sache bisher gut gemacht. Bei Mehmet ist es so, dass er in der Vorbereitung in einer Phase gefehlt hat, in der es einerseits darum ging, körperlich fit zu werden und andererseits sich einzuspielen und die Positionen zu finden. Bei Mehmet waren in den letzten Spielen schon Fortschritte erkennbar und ich sehe ihn als Spieler, der ein Spiel lenken kann. Wir werden noch viel Freude an ihm haben.

bundesliga.de: Die Werder-Fans hoffen natürlich auf eine große interne Verstärkung: Wie weit ist Naldo, wann läuft er endlich wieder in der Bundesliga auf?

Schaaf: Naldo hat 15 Monate nicht gespielt. Wenn man nach so einer langen Zeit zurückkommt, dauert es, bis man wieder das volle Leistungsvermögen abrufen kann. Diese Zeit werden wir Naldo geben. Aber auch bei ihm wird es immer besser und wir gehen davon aus, dass er wieder zu seiner alten Stärke zurückfinden wird.

bundesliga.de: Im Vergleich zur letzten Saison haben Sie in dieser Spielzeit ja Luxusprobleme, fast alle Spieler sind fit. Um wie viel einfacher macht das Ihren Job? Und wird es zwangsläufig zu Härtefällen kommen?

Schaaf: Grundsätzlich ist Konkurrenzkampf etwas Belebendes. Es besteht aber natürlich auch immer die Gefahr, dass sich jemand hängen lässt, der im Moment nicht in erster Reihe steht, in so einem Fall wäre es schlecht. Das beobachte ich derzeit aber nicht.

bundesliga.de: Jetzt geht es als nächstes gegen den HSV, als Tabellendritter sind sie gegen den Letzten natürlich auf dem Papier der Favorit. Auch auf dem Platz?

Schaaf: Es interessiert mich nicht, wer Favorit ist. In erster Linie kommt es auf uns selbst an. Wir müssen in jedem Spiel unsere Leistung abrufen, dann können wir auch erfolgreich sein.

bundesliga.de: Ist der HSV gerade jetzt ein unangenehmer Gegner? Clemens Fritz meinte beispielsweise, die angeschlagenen Gegner seien die schwersten.

Schaaf: Es ist ein Derby. Diese Spiele sind immer etwas Besonderes. Egal in welcher Situation sich die Mannschaften befinden.

Die Fragen stellte Christoph Gschoßmann