Gelsenkirchen - Mitte der zweiten Halbzeit feierten die Stuttgarter Fans ihren VfB euphorisch, am Ende standen sie so konsterniert in ihrem Block wie die Profis auf dem Rasen. So dramatisch wie diese 90 Minuten auf Schalke präsentiert sich auch der Abstiegskampf für die Schwaben. Aber die Hoffnung auf ein Happy End in der Liga lebt – trotz der erneuten Niederlage.

Keine Frage, der VfB Stuttgart ist die Drama-Queen dieses Bundesliga-Endspurts. Wieder war der Club drauf und dran, mit einem ganz wichtigen Auswärtsdreier einen Big Point im Kampf um den Klassenerhalt zu machen. Und wieder belohnte man sich nicht, sondern steht am Ende nach einem Last-Minute-Gegentor und einer 2:3-Niederlage sogar mit komplett leeren Händen da. "Wir verschlafen den Anfang, sind dann klar die bessere Mannschaft, gehen in Führung, haben den Gegner am Boden und verpassen es einfach, den Sack zuzumachen", fasste Martin Harnik die Partie auf Schalke ebenso kopfschüttelnd wie treffend zusammen (Stimmen zum Spiel).

Achterbahnfahrt der Gefühle

Anhänger, Trainer, Sportdirektor, Spieler – sie alle erleben nicht nur in diesen Wochen, sondern auch in den entscheidenden 90 Minuten auf dem Patz eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle. Harnik etwa hatte nach 22 Minuten und einem coolen Heber noch sein achtes Saisontor feiern können, am Ende blieben bei ihm vor allem Enttäuschung und auch Wut: "Wir spielen nicht wie ein Absteiger, aber wir stehen uns so häufig selbst im Weg."

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Mit der 2:1-Führung im Rücken hätten die Stuttgarter in Gelsenkirchen mehrfach für die Vorentscheidung sorgen können. Schalke war verunsichert, das Publikum murrte mit der Heimmannschaft und feierte lieber Huub Stevens, der VfB machte Druck und die Kontermaschine lief auf Hochtouren – allein das dritte Tor wollte nicht fallen. "Wenn wir da das 3:1 machen, dann wären wir als Sieger nach Hause gefahren", war hinterher nicht nur der Trainer überzeugt. Aber mal agierte Stuttgart zu unkonzentriert, mal zu hastig. "Wir spielen das nicht gut aus und stehen am Ende wieder mit leeren Händen da", ärgerte sich Daniel Ginczek.

An der mangelnden Chancenverwertung aber will der VfB sein Punkte-Dilemma nicht festmachen "Zwei Tore auf Schalke müssen auch mal genügen. Was wir abstellen müssen, sind die Gegentreffer", fordert Harnik. Gefragt ist mehr denn je das alte Stevens-Motto, das der Trainer einst im Ruhrpott geprägt hatte: Die Null muss stehen – und damit eine stabilere Defensive.

Immer wieder individuelle Fehler

Genau da aber tut sich Stuttgart schwer, und auch das nicht ohne Drama. Immer wieder sind es individuelle Fehler, mit denen sich die Schwaben selbst um den Lohn ihrer Arbeit bringen. "Woche für Woche machen wir unsere Fehler", kann Huub Stevens nur fassungslos feststellen. Gerade im Endspurt dieser Saison "bestrafen wir uns damit brutal", meint auch Sportdirektor Robin Dutt.

Und immer wieder gibt der VfB so Punkte aus der Hand, die er eigentlich schon sicher hat. Wie in der Partie beim FC Augsburg, die man dominierte, bis man sich eine Viertelstunde vor dem Abpfiff noch einen Gegentreffer einfing. Oder wie im letzten Heimspiel gegen den SC Freiburg, als Stuttgart einen 2:0-Vorsprung fahrlässig hergab und am Ende mit einem mageren Punkt leben musste. Und wie eben jetzt auf Schalke: Ein  Aussetzer von Georg Niedermeier hatte die frühe Führung der Gastgeber ermöglicht, am Ende hatte Florian Klein einen Boateng-Schuss unhaltbar für Sven Ulreich abgefälscht. "Das ist alles mehr als unglücklich", haderte Robin Dutt nach dem erneuten Nackenschlag. "Wir haben wieder mal selbstverschuldet die Punkte liegen lassen."

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Stabile Defensive als Trumpfkarte

Zugleich steckt hier aber auch die Hoffnung. Schafft man es endlich, hinten stabiler zu stehen, ist auch der Klassenerhalt möglich. "So wie wir spielen, schießen wir vorne immer ein, zwei Tore", ist Martin Harnik überzeugt, der selbst auf Schalke im fünften Spiel in Folge einen Scorerpunkt verbuchte. "Wie wir spielen, Chancen kreieren und Tore machen, da ist nicht viel zu beanstanden." Das sieht auch Robin Dutt so, der schon unmittelbar nach der Partie einen Appell an die Mannschaft gerichtet hatte: "Wir haben es noch in der eigenen Hand, aber dazu müssen wir jetzt über 90 Minuten voll konzentriert sein. Es ist völlig alternativlos, jetzt nach vorne zu schauen!"

Auf drei Punkte ist der Rückstand auf den Relegationsrang zwar angewachsen. Bei drei noch ausstehenden Partien ist das aber machbar, zumal der VfB Stuttgart jetzt zunächst zwei Mal in Folge gegen Mainz und Hamburger zuhause antreten darf. Im letzten Spiel muss man dann zum SC Paderborn und man ahnt, was das bis zur letzten Sekunde für Stuttgart bedeuten könnte: Drama, Baby!

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte