Böse Zungen gibt es allerorten. Sie sind allgegenwärtig, aber dann doch unsichtbar. Sie sprechen das aus, was viele denken.

Meist sind es aber nur Vorurteile. Inhaltlose Denkprozesse, die in Worte gefasst werden. Böse Zungen behaupten gerne - und viel. Beispiele gefällig? Hertha BSC ist Tabellenführer - warum, weiß keiner. Oder: Herthas Tabellenführung ist doch nur Glück.

Hertha wird ernst genommen

Die Verantwortlichen des Hauptstadtclubs lachen darüber. Auch die Konkurrenz nimmt Hertha BSC inzwischen sehr ernst. Wenn Bayern Münchens Uli Hoeneß die Berliner als "Titelkandidaten" bezeichnet, dann nicht aus Liebe zu seinem Bruder Dieter.

Wenn Hertha BSC in der Bundesliga die wenigsten Gegentore nach Schalke 04 verbucht, darf das nicht als Zufall abgestempelt werden. Genauso wenig, dass die "Alte Dame" nach Borussia Dortmund die wenigsten Niederlagen (4) und mit Hoffenheim und Hamburg (je 12) die meisten Siege hat.

Hoeneß, Favre und Co. haben etwas aufgebaut

Wenn die Herthaner früher vom "schlafenden Riesen" gesprochen haben, wurden sie in den vielen Jahren sportlichen Durchschnitts belächelt, inzwischen lachen sie selbst in Berlin. Denn Dieter Hoeneß, Lucien Favre und Co. haben etwas aufgebaut, auf das die Hauptstadt stolz sein darf. Der gute Lauf kommt an, die Stimmung im Olympiastadion war zuletzt prächtig. Eine Stadt verliebt sich neu. Die Telenovela "Verliebt in Berlin" wird inoffiziell fortgesetzt.

Der Vorsprung auf einen Platz, der nicht die Teilnahme am Europapokal berechtigt, liegt schon bei sieben Punkten. "In der nächsten Saison werden einige Mannschaften um die internationalen Plätze kämpfen. Wir möchten dazu gehören", sagte Trainer Favre vor dem Saisonstart im Interview mit bundesliga.de. Hertha ist inzwischen mittendrin. Akribisch baute der Schweizer an seiner Mannschaft, ließ Nebengeräusche aus dem Umfeld nicht eindringen und schaffte eine Basis, die seiner Mannschaft jede Menge Sicherheit gibt.

Stammspieler fallen aus - kein Problem!

Wenn wie vor dem Gipfeltreffen mit Bayern München wichtige Spieler wie Gojko Kacar, Cicero, Marko Pantelic und Sofian Chahed ausfallen, bricht keine Panik aus. Die Ersatzkräfte fügen sich ein und lassen die vermeintlichen Stammspieler nicht vermissen. Zurückzuführen ist das auch auf die gesunde Personalpolitik. "Wir haben sehr gut eingekauft", sagt Trainer Favre.

Dabei wurde nicht nur darauf geachtet, ob die neuen Spieler einen guten Schuss haben, besonders gut im Kopfball oder stark im Zweikampf sind. Auch der Charakter spielte eine große - wenn nicht sogar eine größere - Rolle. "Bei uns dreht jetzt keiner durch", sagt Manager Hoeneß. Vom Titel spricht trotz Platz 1 keiner - das war zu früheren Zeiten sicher mal anders.

Klinsmann: "Hertha kann Meister werden!"

Es bleibt abzuwarten, wie lange sich die Herthaner in der Spitzengruppe halten. Sollte er aber zum Schlussspurt die Favre-Elf immer noch ein Wort um die Meisterschale mitreden dürfen, greifen sie selbstverständlich an. "Hertha kann Meister werden", so Jürgen Klinsmann in der "BZ" - vor dem 1:2 der Bayern im Olympiastadion wohlgemerkt.

Insgeheim wollen die Berliner die Tabellenführung natürlich behaupten. Wie das geht, weiß Lucien Favre genau, wurde er doch mit dem FC Zürich zwei Mal Schweizer Meister. Wenn er wissen will, wie das bei Hertha BSC geht, kann er die Herren Christian Mangraviti, Jürgen Haddenbrock und Murat Celik fragen.

Frag' nach bei den Boxern

Die Herren sind Trainer der Boxabteilung des Hauptstadtclubs, deren Schützlinge so eben die Tabellenführung in der deutschen Box-Bundesliga verteidigt haben. Da halten selbst die bösen Zungen still...

Fatih Demireli