"Zahlen lügen nicht." - Mathematiker verleitet diese bekannte Feststellung grundsätzlich zu leidenschaftlichem Kopfnicken. Karl-Heinz Rummenigge, das dürfte mittlerweile nicht nur Ottmar Hitzfeld bekannt sein, ist kein Freund der Arithmetik. Schließlich hat der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München das Copyright auf seine ganz persönliche Feststellung: "Fußball ist keine Mathematik!"

Der Nord-Süd-Gipfel zwischen dem VfB Stuttgart und Werder Bremen scheint Rummenigges Aussage auch irgendwie bestätigt zu haben.

Ballbesitz ist noch kein Reichtum

Die Hanseaten hatten mit 58 Prozent mehr Ballbesitz als die Hausherren. Auch wenn Werder mit 14 Torschüssen den Ball sechs Mal seltener auf die gegnerische Bude schickte als Stuttgart, ist dies für eine Gastmannschaft doch ein ordentlicher Wert.

50 Prozent gewonnene Zweikämpfe am Ball war bei beiden Teams eine identische Bilanz. Auch das Eckenverhältnis hielt sich mit jeweils sechs Ausflügen an die Fahne die Waage. Mit 26 Flanken schlug Bremen nur vier Bälle weniger als der VfB in den gegnerischen Strafraum. 82 Prozent aller Pässe kamen bei Werder an den Mann. Stuttgart war dagegen nur in 75 Prozent aller Zuspiele präzise.

Sieger auf einem Blatt Papier

Unter dem Strich dieser mathematischen Zahlengleichung müsste Werder also als besseres Team ausgewiesen werden. Besser und engagierter. Schließlich spielten die Gäste 21 Mal Foulspiel, der VfB Stuttgart brachte dagegen nur zwölf Fouls auf dem Statistikzettel unter. Bremen präsentierte sich kämpferisch, ballsicher und offensiv. Sagt die Statistik. Und genau in diesem Freiraum der Zahlen-Interpretation ist dann doch eine Menge Platz für "Lügen".

Denn natürlich war der VfB das deutlich bessere Team. "Wir müssen kämpfen, denn in unserer momentanen Verfassung können wir keinen Gegner ausspielen", hatte Stuttgarts Trainer Armin Veh vor dem Duell gegen Werder noch in die Mikrofone und Blöcke der Journalisten diktiert.

Und tatsächlich wurde Werder nicht mit spielerischen Mitteln auseinander genommen. Stuttgart kam über Einsatz und Leidenschaft. Mit äußerst aggressivem Forechecking ließ die Offensivabteilung der Schwaben der Gästeabwehr kaum Zeit für einen klaren Gedanken. Über Dinge wie kontrollierten Spielaufbau zum Beispiel. Die erste Verwarnung der Partie erhielt mit Mario Gomez bezeichnenderweise ein Stürmer der Heimmannschaft nach einem defensiven Zweikampfduell.

Mit viel "Wir" gegen "Die"

Gomez war es auch, der nach dem Abpfiff umgehend die korrekte Spielanalyse in Kurzform parat hatte: "Heute war es eine Willenssache. Die Mannschaft war heiß, weil wir nach oben den Anschluss schaffen wollten. Deshalb ist heute jeder Einzelne jedem Ball nachgegangen. Als Mannschaft haben wir unser bislang bestes Spiel abgeliefert und auch verdient gewonnen."

Tatsächlich war nach den zuletzt schwachen Auftritten der Schwaben eine neue "Musketier-Mentalität" zu erkennen. Laufen, grätschen, kämpfen. Einer für alle und alle für einen. "Stuttgart hat es heute gut gespielt", bestätigte Bremens Kapitän Frank Baumann anerkennend. "Jeder hat alles für den anderen gegeben."

Veh zieht blank

Armin Veh hatte diese Mannschaftsdienlichkeit im Vorfeld eingefordert. Nach dem Sieg zog er mit dem Wissen um eine gelungene Umsetzung den Hut vor seinem Team: "Wir haben heute ein Klassespiel abgeliefert. Wir waren von der ersten Minute an diszipliniert, zweikampfstark und aggressiv. Dies war unser bislang bestes Saisonspiel. Mit einer komplett starken Mannschaftsleistung, bei der es keinen Ausfall gab. Hut ab vor der Leistung der Truppe."

Der Stuttgarter Trainer hat nun also die Wahl, ob er das Video mit der Partie im vereinsinternen Lehrfilmarchiv nun unter "K" wie "Kampf" und "Kollektiv" oder "L" wie "Leidenschaft" und "Laufbereitschaft" archivieren will. Diese Sorgen hätte sein Trainerkollege wohl nur allzu gerne.

Besser als beim letzten Mal…

Aber Thomas Schaaf wird sich beeilen, das Erlebte zügig von der neuronalen Festplatte zu löschen: "Das war heute ein Spiel, das man am Besten ganz schnell wieder vergisst. Wir haben nichts auf die Reihe gekriegt und die grundlegenden Dinge nicht erfüllt. Wir haben alles vermissen lassen, was uns in den letzten Wochen stark gemacht hat. Und dann sieht es so aus, wie es heute ausgesehen hat. Glückwunsch an den VfB."

Dabei war Werder doch eigentlich vorgewarnt. Bereits in der vergangenen Saison wurde im Schwabenland nicht mit Toren gegeizt. Mit 6:3 waren die Norddeutschen damals abgebügelt worden. Frank Baumann hatte sich im Vorfeld nur ungern erinnern wollen: "Für uns sollte nur das Ergebnis besser als im letzten Jahr sein, denn damals sind ja ziemlich viele Tore gefallen."

Als Zyniker könnte man nun resümieren, dass wenigstens dieser Bremer Wunsch beim 1:4 in Erfüllung gegangen ist.

Michael Wollny