Erst nahmen sie die Festung des Deutschen Meisters VfL Wolfsburg im Sturm, dann wurden die Profis des Hamburger SV vom gegnerischen Trainer zum Titelkandidaten ernannt.

"Die Meisterschaft läuft in diesem Jahr über den HSV. Das ist eine richtig gute Mannschaft", meinte VfL-Coach Armin Veh, nachdem sein Team von den Hanseaten besiegt worden war. 4:2 (2:0) hieß es am Ende für die Hamburger, die sich im Klassement nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz hinter Spitzenreiter Bayer Leverkusen einreihen mussten.

"Es geht immer noch besser"

Mit Hingabe, Spielwitz und unbedingtem Verlangen nach Erfolg beendete der HSV in Galaform Wolfsburgs Heimserie von 20 Spielen ohne Niederlage. Für Hamburgs Trainer Bruno Labbadia führte das Lob seines Kollegen dennoch ein wenig zu weit.

"Mit seiner Aussage hat Armin den Druck schön weitergegeben. Das würde ich an seiner Stelle genauso machen. Mir geht das aber alles zu schnell. Das war ein ordentlicher Start in die Bundesliga - mehr nicht", sagte der Coach der Hanseaten und schob hinterher: "Gerade unsere erste Halbzeit war sehr gut, aber wir haben da nicht genug aus unseren Torchancen gemacht. Es geht immer noch besser."

Labbadia wollte den Ball bewusst flach halten, für die Konkurrenz dürften seine Worte jedoch wie eine Drohung geklungen haben. Zumal Stürmer Mladen Petric ergänzte: "Wenn wir noch 31 solcher Spiele machen, stehen wir am Ende oben." Auch Abwehrchef Joris Mathijsen gab zu bedenken: "Wenn wir so weitermachen, sind wir nur ganz schwer zu schlagen."

Erstes Pflichtspieltor für Elia

Schon vor dem Seitenwechsel hätte der HSV in Wolfsburg fünfmal ins Schwarze treffen können. Da Paolo Guerrero jedoch zweimal unbedrängt an VfL-Keeper Diego Benaglio scheiterte und Piotr Trochowski die Latte des Wolfsburger Tores im Weg war, blieb es bei zwei Toren - allerdings innerhalb der ersten sieben Minuten.

Erst profitierte Guerrero nach einem Pfostenschuss vom Pech Benaglios, dem der Ball an den Nacken und von dort ins Netz prallte (3.). Dann legte Zugang Eljero Elia mit seinem ersten Pflichtspieltor für den HSV nach (7.).

Veh unzufrieden

"Besonders in der ersten Halbzeit war unsere Leistung desolat. Wir mussten uns bei Diego bedanken, dass es nur 0:2 stand", meinte VfL-Spielmacher Zvjezdan Misimovic. Sein Trainer sah das ähnlich. "In der ersten Halbzeit waren wir fast nicht auf dem Platz. Das hatte mit Bundesliga nichts zu tun. So kann man nicht bestehen", sagte Veh, für den es die erste Pflichtspiel-Niederlage auf Wolfsburgs Trainerbank war: "Die Favoriten sind jetzt erst einmal andere."

Auch das zwischenzeitliche Aufbäumen seines Teams hatte an Vehs Laune nichts ändern können. Immerhin war Misimovic (52.) und Obafemi Martins bis zur 56. Minute der Ausgleich gelungen. Doch gegen die Offensivstärke des HSV war an diesem Abend kein Kraut gewachsen. Petric (75.) und Joker Romeo Castelen (90.) schlugen zurück.

"Da braucht man keinen Sauerstoff"

"Dass wir nach dem 2:2 noch einmal zurückgekommen sind, spricht für die Moral der Mannschaft", lobte Labbadia und freute sich besonders über Castelens 4:2. Für den eingewechselten Niederländer war es schließlich ein ganz besonderer Treffer. 617 Tage hatte der Flügelflitzer aufgrund zweier Knieoperationen auf seinen insgesamt 14. Bundesliga-Einsatz warten müssen. Nun gelang dem 26-Jährigen beim Comeback sogar sein erster Bundesliga-Treffer.

"Als nach meinem Tor plötzlich alle Mitspieler auf mir lagen, bekam ich überhaupt keine Luft mehr. Aber man kann sich gar nicht vorstellen, wie glücklich ich in diesem Moment war. Da braucht man keinen Sauerstoff", meinte Castelen.

Während der HSV einen perfekten Tag feierte, richteten die Wolfsburger den Blick schnell nach vorn. Am Samstag geht es für den VfL zum Rekordmeister Bayern München. "Wir haben gegen eine große Mannschaft verloren und müssen nun normal weiterarbeiten. Wir wissen, dass es auch bei den Bayern schwierig wird", sagte Torschützenkönig Grafite.