Die Holländer mischen derzeit die Bundesliga auf. Auf dem Platz und an der Seitenlinie. In München brilliert Arjen Robben als Offensivwirbelwind, als Dribbler, Vorbereiter und Torschütze. Das ganze Bayern-Starensemble um Mannschaftskapitän Mark van Bommel hat inzwischen die Philosophie von Startrainer Louis van Gaal verinnerlicht und sie in den letzten zwölf Pflichtspielen siegreich umgesetzt.

Beim Hamburger SV sorgt Ruud van Nistelrooy nicht nur wegen seiner beiden Tore beim VfB Stuttgart für Furore. Zusammen mit seinen Landsleuten Joris Mathijsen und Eljero Elia muss "Van the Man" mit dem HSV am Donnerstag gegen den niederländischen Tabellenführer PSV Eindhoven antreten.

bundesliga.de hat den früheren Schalker "Eurofighter" Youri Mulder im exklusiven Gespräch um seine Einschätzung zum Spitzenspiel der Europa League und zu den Oranje-Stars der Bundesliga gebeten. Der 40-Jährige war bis zum Ende der vergangenen Saison Co-Trainer auf Schalke und arbeitet derzeit als Fußballexperte für einen niederländischen TV-Sender.

bundesliga.de: Am Donnerstag kommt es im Topspiel der Europa League zum Duell zwischen der PSV Eindhoven und dem HSV (ab 20:50 Uhr im Live-Ticker). Was erwarten Sie von den Spielen?

Youri Mulder: Ich habe Eindhoven am Wochenende gesehen. Wenn sie so gegen den HSV spielen, haben sie keine Chance. Sie haben schlecht gespielt, aber gegen Almelo 1:0 gewonnen. Eindhoven ist eine spielerische Mannschaft, die das Kurzpassspiel beherrscht, deren Qualität aber bei dem Wetter und den Platzverhältnissen leidet. Sie spielen eine starke Saison und haben erst ein Spiel verloren. Sie müssen sich aber gegen den HSV kämpferisch steigern. Der HSV hat eine starke Mannschaft mit guten, schnellen Stürmern, die in jedem Spiel für ein Tor gut sind. Das wird ein schwerer Brocken für die PSV, da wird er Schwierigkeiten bekommen. Das Problem der PSV ist, dass er in der Liga viele Partien nur knapp mit 1:0 gewinnt.

bundesliga.de: Einer von den guten Stürmern beim HSV ist Ruud van Nistelrooy. Wie wurde sein Wechsel nach Hamburg in den Niederlanden aufgenommen?

Mulder: Das ist eine lustige Geschichte. Wir haben das verfolgt, wie die Deutschen sich darüber freuen, dass ein großer Spieler wie van Nistelrooy in die Bundesliga wechselt und sie aufwertet. Und die Holländer haben sich darüber gefreut, dass sich die Deutschen freuen. Wir sind sozusagen stolz darauf, dass wir die Deutschen stolz machen. Ich finde gut, dass Ruud beim HSV spielt. Wir haben in Holland nicht so viele gute Stürmer und brauchen für die WM starke Angreifer.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass van Nistelrooy noch zur WM fährt?

Mulder: Ich denke schon. Die Tür ist offen. Ruud van Nistelrooy ist zwar aus der Nationalelf zurückgetreten, aber das war wegen des damaligen Bondscoachs Marco van Basten. Ruud muss nur den aktuellen Trainer Bert van Marwijk anrufen und sagen, dass er zur WM möchte.

bundesliga.de: Und der nimmt ihn dann mit?

Mulder: Wenn Ruud fit ist und seine Tore macht, muss er ihn mitnehmen. Die beiden haben keine Probleme miteinander. Wenn ich mir angucke, wie van Nistelrooy in Stuttgart seine Tore gemacht hat, kann ich nur sagen: Das war absolute Klasse, sehr lässig und technisch höchst anspruchsvoll.

bundesliga.de: Mit Arjen Robben sorgt ein weiterer Holländer in der Bundesliga für Furore.

Mulder: Das ist die gleiche Geschichte wie bei van Nistelrooy. Von seinem Wechsel in die Bundesliga profitieren alle: Bayern München, die Nationalelf und Robben selbst. In Holland lieben wir solche Spieler wie Robben, Elia vom HSV oder den Schalker Farfan. Die sind superschnell, technisch perfekt und dribbelstark. Und sie bekommen in der Bundesliga von den Außenverteidgern viel Platz. In der Bundesliga spielen die meisten Teams mit einer Viererkette, die sich meistens nach innen orientiert und nicht nach vorne. Aber man darf einen Robben nicht mit dem Ball am Fuß auf sich zustürmen lassen. Er kann sich im Dribbling durchsetzen und sich so selbst frei spielen. Er spielt einen sehr guten Pass, hat einen Superschuss. Robben ist für die Bayern Gold wert.

bundesliga.de: Und er hat mit Mark van Bommel einen Landsmann an seiner Seite, der ihm das Einleben in München leicht gemacht haben dürfte.

Mulder: Van Bommel war in München ja schon fast auf dem Abstellgleis, nachdem die Bayern Anatoliy Tymoshchuk geholt haben. Er hat nach seiner Verletzung ein paar Spiele gebraucht, ist aber jetzt der Leader auf dem Platz. Das passt im Wechsel mit Schweinsteiger perfekt. Mark verteilt die Bälle, coacht die Mannschaft auf dem Platz und ist die rechte Hand von Trainer van Gaal. Er hat die Fähigkeit, dazwischen zu hauen und wichtige Sachen geradeaus anzusprechen. Van Bommel ist ein Gewinnertyp.

bundesliga.de: Bei allem Hype um die Holländer darf man nicht vergessen, dass Bayern-Trainer Louis van Gaal im Herbst auf der Kippe stand, als die Ergebnisse ausblieben. Waren Sie überrascht, dass es so lange gedauert hat, bis die Bayern-Spieler seine Philosophie umsetzen konnten?

Mulder: Das war eine ähnliche Entwicklung wie in Schalke in der vergangenen Saison mit Fred Rutten. Der Verein hat sich bewusst für den Trainer entschieden, dafür, dass er die Mannschaft weiterentwickelt. Dann muss der Verein aber auch ruhig bleiben, dem Trainer Zeit geben und ihn nicht gleich wegschicken, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Natürlich hat kein Trainer endlos Zeit. Ich bin überrascht, dass es nach der langen Anlaufzeit dann auf einmal so schnell ging. Aber van Gaal brauchte Zeit. Er musste Disziplin reinkriegen und den Spielern ihre Lässigkeiten austreiben. Und wenn er von den Spielern verlangt, dass sie zusammen frühstücken, muss sich auch ein Luca Toni daran halten. Das sind ja auch Maßnahmen des Teambuildings. Er achtet auf kleine Dinge, auf die Details. Damit hatte Toni Probleme. Jetzt ist er weg.

bundesliga.de: Wenn man den deutschen und niederländischen Fußball vergleicht, gibt es ja eine Menge Klischees. Von den Deutschen heißt es, sie bolzen nur Kondition und Kraft und setzen auf Disziplin, während die Niederländer nur Wert auf Taktik und Technik legen. Wie haben Sie es erlebt?

Mulder: Die holländische Liga ist im Vergleich eher eine Micky-Maus-Liga. Da werden die Topteams doch nicht so gefordert wie in der Bundesliga. In Deutschland musst Du topfit sein. So austrainierte Athleten wie Jermaine Jones oder Heiko Westermann kennt man in Holland gar nicht. Diese Klischees stimmen nicht. Und gerade die holländischen Trainer wie Huub Stevens, Fred Rutten oder Louis van Gaal setzen total auf Disziplin.

bundesliga.de: Abschlussfrage. Wer wird Meister, Leverkusen oder Bayern?

Mulder: Schalke 04. Ganz im Ernst. Die haben die Bayern noch zuhause. Und Schalke hat die Fähigkeit, in der Defensive keine Tore zuzulassen. Das gibt ihnen eine Menge Vertrauen, weil sie vorne immer ihr Tor machen. Felix Magath will wieder aus der Verfolgerrolle zuschlagen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski