Nürnberg - Louis van Gaal schien schon unmittelbar nach dem Spiel zu ahnen, dass er gerade sein letztes Spiel als Bayern-Trainer kommentieren würde. Mit dem rechten Arm knetete er bei der Pressekonferenz fast unmerklich den linken Ellenbogen.

Während er sprach, suchte der Blick Halt bei bekannten Gesichtern im Raum. Er schien zu ahnen, dass dieses 1:1 in Nürnberg sein vorzeitiges Ende bei den Bayern bedeuten würde. Zu mutlos war sein Team vor allem im zweiten Durchgang aufgetreten, zu wenig hatte die Mannschaft gezeigt, dass sie mit ihrem Trainer Platz 3 behaupten will.

Jonker übernimmt von van Gaal

Nun beendeten die Bayern-Verantwortlichen das Arbeitsverhältnis mit dem Niederländer. Nachfolger van Gaals wird sein bisheriger erster Assistent Andries Jonker (48), der bereits in Nürnberg die Pressekonferenz als Zuhörer besucht hatte und vom Trainer der Reserve, Hermann Gerland (56) unterstützt wird. Torwarttrainer wird Walter Junghans, der bisherige Torwartcoach Frans Hoek wurde genauso freigestellt wie Video-Analyst Max Reekers und Trainingsphysiologe Jos van Dijk.

Einer der ganz wenigen Spieler, der sich an diesem tristen Nachmittag bis zum Schlusspfiff gegen den drohenden Verlust von zwei Punkten stemmte, war Arjen Robben. Doch ausgerechnet der beste Bayern-Spieler des Tages fing sich eine Rote Karte ein - nach dem Schlusspfiff. Wenige Minuten danach trat er deshalb vors Mikrofon und gab zu, dass ihm mindestens ein unpassendes Wort zu viel herausgerutscht war, als er sich am Mittelkreis an Schiedsrichter Knut Kircher abarbeitete. "Ich habe ihm meine Entschuldigung angeboten. Ich war frustriert über unsere Leistung."

"Im ersten Durchgang haben wir den Gegner beherrscht"

Philipp Lahm betonte, "auf so einen Spieler" könne man "in so einer Situation nicht verzichten." Wohl wahr. Nach dem 1:1 im 182. Derby gegen den 1. FC Nürnberg belegt jetzt wieder Hannover 96 Platz 3 - ein Team, das man eigentlich längst abgehängt zu haben glaubte. Auch die Bayern-Bosse sahen von der Tribüne aus kaum etwas, das sie davon überzeugt hätte, dass dieses Team unter diesem Trainer das wichtige nächste Spiel gegen Leverkusen gewinnen könnte. Offenbar nutzte es am Schluss van Gaal auch nichts mehr, dass sein Team in der ersten Halbzeit die bessere Mannschaft gewesen war, wie auch Bastian Schweinsteiger fand. "Im ersten Durchgang haben wir den Gegner beherrscht".

"Wir haben nicht viele Chancen zugelassen", ärgerte sich der Coach: "die größte war das Tor. Und das haben wir selbst verschuldet." In der Tat hatten sich die Bayern nach der frühen Führung von Thomas Müller (5.) den Ausgleich selbst zuzuschreiben. Als die Nürnberger nach der Pause mit Macht auf den Ausgleich drängten, verloren die Münchner aber den Faden. Stattdessen spielten sie so lange Quer- und Rückpässe, bis sie irgendwann nur noch in der Defensive waren.

Krafts folgenschwerer Fehler

Keeper Thomas Kraft hatte immer größere Schwierigkeiten, das Spielgerät bei einem Mitspieler unterzubringen. Bereits im ersten Durchgang hatte er ein Mal über den Ball geschlagen, auch zwei Abschläge landeten im Aus oder beim Gegner. Doch der gravierendste Patzer sollte noch folgen. In der 60. Minute war Kraft weit herausgelaufen und leitete unter Bedrängnis das Spielgerät zu Lahm. Robert Mak ging jedoch dazwischen und legte auf Christian Eigler ab. Was folgte, war ein gekonnter Heber ins leere Tor.

Ob Kraft auch am kommenden Sonntag gegen Leverkusen im Tor steht, wollte van Gaal noch am Samstag von dessen "Reaktion" im Training abhängig machen. "Ich muss Vertrauen geben, aber das hat eine Grenze." So scheinen es auch die Bayern-Verantwortlichen zu sehen. Sie haben die Grenze gezogen. Ob Kraft seinen Stammplatz verliert, wird nun van Gaals Nachfolger entscheiden.

Christoph Ruf