Uruguay feiert die neue "Hand Gottes", doch für Afrika war es die Hand des Teufels. Nach dem Viertelfinal-Drama von Johannesburg fühlte sich der ganze Kontinent um eine historische Nacht betrogen, Montevideo dagegen startete ein riesengroßes Fest in Himmelblau. "Handballer" Luis Suarez war hier ein Nationalheld, dort ein Schurke.

"Das war die Parade der WM. Jetzt habe ich die Hand Gottes", sagte der Torjäger von Ajax Amsterdam, der in der 120. Minute wie ein Weltklasse-Torhüter auf der Linie das 2:1 für Ghana verhindert hatte. Er flog vom Platz, wird das Halbfinale gegen seine Wahlheimat Niederlande verpassen - und war doch überglücklich. Vor allem auch deshalb, weil der Weltverband FIFA ihn nur für ein Spiel sperrte. Im Finale oder im Spiel um Platz drei kann er wieder mitwirken.

Wechselbad der Gefühle

Soccer City, Freitagabend, 23:01 Uhr: Rote Karte. Suarez schreit, weint, Entsetzen spiegelt sich in seinen Augen wider. Er reißt an seiner Hose, beißt in das Trikot, er ist dem Wahnsinn nahe. 23:03 Uhr: Asamoah Gyan verschießt den Handelfmeter. Suarez springt, schreit, hofft, jubelt. 23:15 Uhr: Uruguay gewinnt das Nervenspiel. 4:2 im Elfmeterschießen, Suarez flippt aus vor Freude. Uruguay ist erstmals seit 1970 im Halbfinale.

"Uruguay, Geschichte, Wahnsinn! Ein ganzes Volk spielt verrückt", titelte die Tageszeitung "El Pais" aus Montevideo am Samstagmorgen. Auf der Straße des 18. Juli und am zentralen Platz der Unabhängigkeit nahm die Nacht kein Ende. "Viele Leute, die nun feiern, haben so etwas noch nie erlebt. Es gab viele frustrierende Jahre. Nach 40 Jahren hoffe ich, dass sie jetzt drei oder vier Tage lang feiern", sagte Trainer Oscar Tabarez.

Der "Tag, der Uruguay für immer verändert" (El Pais), hatte historische Dimensionen. "Die einzigen, die mehr als dieses Team erreicht haben, sind unsere Weltmeister von 1930 und 1950", sagte Tabarez. "Sie sind längst in die Geschichte eingegangen und unsere Idole. Aber dann kommen wir. Unglaublich!"

"Wir haben ganz sicher nicht betrogen"

Die Diskussion um Luis Suarez war eine Diskussion der Verlierer. Für Uruguay ist klar: Der Stürmer mit den gigantischen Reflexen war der Retter. "Das war der absolute Wahnsinn. Wir haben gelitten. Bei jedem Elfmeter dachte ich, ich würde gleich ohnmächtig werden. Luis hat das Spiel für uns gewonnen", sagte Diego Forlan.

Tabarez kam auch nicht auf die Idee, dass es unfair gewesen sein könnte: "Wir haben ganz sicher nicht betrogen. Es gab eine Rote Karte und den Elfmeter. Ihn Betrüger zu nennen, ist dumm. Wir können nichts dafür, dass Ghana anschließend im Elfmeterschießen nicht alle Schüsse verwandelt hat."

"El Loco" ganz abgebrüht

Dies schaffte auch die "Celeste" nicht, dank zweier Paraden des "echten" Torhüters Fernando Muslera und der Kaltschnäuzigkeit von Sebastian Abreu reichte es aber, um eine ganze Nation vom dritten WM-Stern träumen zu lassen. "Manche nennen es verrückt. Ich dagegen nenne es Klasse", sagte Tabarez, nachdem Abreu den letzten Elfmeter lässig ins Tor der "Black Stars" gechippt hatte.

"So schieße ich halt. Ich bin mir bei der Ausführung sicher. Das Team unterstützt mich und gibt mir das Selbstvertrauen dafür", sagte Abreu. Beim wieder einmal überragenden Forlan klang das aber ein wenig anders: "Mein Gott! Ich habe ihm hinterhergebrüllt, es zu lassen, nicht zu lupfen, sondern das Ding einfach reinzuhauen." In Uruguay heußt Abreu übrigens "el loco" - der Verrückte.

Der Retter kann nur Tipps geben

Die heimischen Medien überschlugen sich. Psychologen der großen Universitäten wurden bemüht, die sogleich analysierten, Uruguay habe seinen Stolz zurück. Man sei jetzt wieder wer am Rio de la Plata, es sei bitter nötig gewesen nach der Wirtschaftskrise von 2002. Flaggen und Trikots sind ausverkauft.

Nun aber geht es gegen die Niederlande, eine ganz schwierige Aufgabe. Wie gut ist es da, einen Experten im Team zu haben: Luis Suarez von Ajax Amsterdam, Torschützenkönig der Ehrendivision. "Ich werde dem Trainer über alle Stärken und Schwächen berichten", sagte der 23-Jährige. Nur den Retter geben, das kann er diesmal nicht. Der Held wird auf der Tribüne sitzen.