Frankfurt am Main - Als am Samstag im Frankfurter Stadion dann alles vorbei war, ging’s erst richtig los: Ein Einpeitscher aus der Eintracht-Kurve positionierte sich zwischen Fünf-Meterraum und Elfmeterpunkt und schrie eine Motivationsrede ins Mikrofon, die an die Profis von Eintracht Frankfurt gerichtet war, die an der Strafraumgrenze standen. Und auf dem Zaun vor der Kurve war ein Plakat zu sehen, auf dem zu lesen war: „Vergesst, was war! Gewinnt das Finale und werdet unsterblich!!!“

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Die Saison in der Bundesliga war mit dem 2:2 gegen RB Leipzig gerade zu Ende gegangen, aber ganz Frankfurt stimmte sich da bereits auf das Pokalfinale gegen Borussia Dortmund am kommenden Samstag in Berlin ein. Die Fans hatten ein gutes Gespür, was die Spieler nach einer schwachen zweiten Saisonhälfte (die Eintracht ist mit 13 Punkten die schlechteste Mannschaft der Rückserie) nun vor dem großen Finale brauchen: Unterstützung ohne Ende. Der Vorstand hatte die Aktion der Fans nach dem Spiel gegen Leipzig unterstützt, 30 000 Eintracht-Anhänger werden in Berlin gegen den BVB im Stadion sein. Vorstand Axel Hellmann weiß: „Ein Pokalsieg  wird nicht am Rückenwind der Fans scheitern.“

Spannung aufbauen

Der Blick geht nur nach vorne, am Wochenanfang ist Durchatmen angesagt, dann wird Trainer Niko Kovac die Spannung bis zum großen Finale „sukzessive aufbauen“. Der Saisonabschluss in der Liga geriet dabei zum hilfreichen Mutmacher: Nach einem 0:2-Rückstand schafften die eingewechselten Jesus Vallejo (83.) und Danny Blum (90.) noch den vielumjubelten Ausgleich. „Das war wichtig für die Moral, für die Fans, ja für die ganze Woche“, freute sich Rechtsverteidiger Timothy Chandler. Doch noch viel mehr in Euphorie als die gelungene Aufholjagd versetzte den Anhang die Rückkehr des lange verletzten Innenverteidigers Vallejo sowie die des Stürmers Alexander Meier auf den Rasen.

Genau zum richtigen Zeitpunkt kann die Eintracht wieder auf zwei ihrer Besten zurückgreifen. „Jesus hat sogar ein Tor gemacht - Wahnsinn“, jubelte Torwart Lukas Hradecky: „Und dass unser Fußballgott wieder dabei war, hat schon auch eine Bedeutung.“ Als Meier in der 71. Minute eingewechselt wurde, schrie ein ganzes Stadion beschwörend nach dem Nachnamen den Spitznamen des Eintracht-Routiniers: „Fußballgott!“

"Das ist mein Beruf"

Dabei hatte es Trainer Kovac Meier überlassen, ob er überhaupt spielen wolle. Statt zur Beerdigung seiner Großmutter zu fahren, entschied sich Meier nach Rücksprache mit seiner Familie für den Einsatz bei der Eintracht: „Das ist mein Beruf“, sagte der 34-Jährige, der seit 13 Jahren bei der Eintracht spielt und 2006 schon im letzten Pokalfinale gegen den FC Bayern (0:1) dabei war. Nun sagt er: „Berlin - das wird etwas ganz Besonderes.“ 

Erstmals nach dem DFB-Pokalsieg 1988 kann die Eintracht wieder einen Titel gewinnen, die schwache Rückserie spielt keine Rolle mehr, der Blick geht nur nach vorne - hin zum Pokalfinale gegen den BVB. „Die Kräfte sind schon leer, wir müssen noch mal zur Tankstelle gehen und tanken“, sagt Torwart Hradecky augenzwinkernd. Die Rückkehr von Vallejo und Meier beflügelt dabei noch einmal und stärkt das Selbstvertrauen der Frankfurter. Vallejo erklärt beschwingt: „Das ist das wichtigste Spiel meiner Karriere.“ Und Chandler sagt: „Wir haben die Chance, etwas Riesiges zu reißen. Für die meisten von uns ist es das Spiel des Lebens. Wir wollen es mit jeder Faser unseres Körpers gewinnen.“

Tobias Schächter

Video: Owo meets Timothy Chandler