München - Die Bilanz ist alarmierend, für den erfolgsverwöhnten FC Bayern in dieser Form nicht hinnehmbar. Direkt nach den großen Turnieren 2006, 2008 und 2010 holte der deutsche Rekordmeister nicht einen einzigen Titel. Fakt ist: Auch bei der EM 2012 stellte kein Verein der Bundesliga mehr Nationalspieler ab als die Münchner. Zwölf Spieler weilten in Polen und der Ukraine.

Die Saisonvorbereitung wird dadurch wieder einmal erheblich erschwert, im Gegensatz zu anderen Clubs fehlt den Bayern rund ein Monat intensives Training mit dem gesamten Kader. Doch ist das Problem derart groß, dass die Ziele nicht zu erreichen sind? Ein Vergleich.

Vorbereitung 2010/11: Die Bayern waren wieder wer. Im ersten Jahr unter Trainer Louis van Gaal gewann der Branchenprimus in beeindruckender Manier das nationale Double und scheiterte erst im Endspiel der Champions League. Der Niederländer hatte dem Verein eine neue spielerische DNA eingeimpft, zog die heutigen Nationalspieler Holger Badstuber und Thomas Müller in die Startelf. Die nachfolgende Weltmeisterschaft in Südafrika verkam für die Bayern-Spieler hingegen zur Enttäuschung. Zwar erzielten die deutschen und niederländischen Nationalspieler gute Ergebnisse, in den entscheidenden Momenten versagten aber die Nerven. Ernüchtert und von der langen Saison mit bis zu 60 Spielen mental und körperlich noch erschöpft , hatte van Gaal seinen Kader lediglich 19 Tage komplett zusammen. "Ich kann keine gute Vorbereitung machen", klagte der Coach. Die Aussagen waren nachvollziehbar, allerdings bewegten sich die Spieler dadurch in einer von van Gaal geschaffenen Komfortzone. In den ersten sieben Spielen gewannen die Bayern lediglich zwei Partien und kassierten acht Gegentore. Der Rückstand auf die Tabellenspitze betrug bereits 13 Punkte - das frühzeitige Ende aller Meisterschaftsansprüche.

Vorbereitung aktuell: Die Bundesliga startet für die Bayern am 25. August, Jupp Heynckes hat seinen gesamten Kader ab dem 22. Juli an Bord. Eine ordentliche Vorbereitung auf die neue Spielzeit ist gesichert. Jedoch muss der Coach neben der spielerischen Komponente besonders im psychologischen Bereich arbeiten. Die traumatische Niederlage im Champions-League-Finale hat eine tiefe Narbe hinterlassen. Selbst Heynckes, der seit fast 50 Jahren im Geschäft ist, hatte "lange Zeit damit zu tun." Anders als van Gaal beschwert sich der 67-Jährige aber nicht, sondern übt Druck auf seine Spieler aus: "Wenn ich sehe, dass es nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle, werde ich auch wechseln. Wir müssen cleverer, robuster, erfolgsorientierter werden."

Neuzugänge 2010/11: Die Mannschaft wirkte ausgewogen, der Erfolg der Saison 2009/10 gab dem FC Bayern Recht. Van Gaal verzichtete darauf, Hochkaräter zu verpflichten und sie in sein anspruchsvolles System zu integrieren. Edson Braafheid, Breno, Andreas Ottl und Jose Ernesto Sosa kehrten von Ausleihen zurück und agierten in der Saison 2010/11 nicht auf dem erhofften Niveau. Einzig der von Leverkusen zurückgekehrte Toni Kroos avancierte zu einer echten Option und wies am Ende der Saison 37 Einsätze auf. Durch die wenigen Alternativen auf der Ersatzbank entstand kein Konkurrenzkampf, wieder konnten sich die Etablierten ihrer Stammplätze sicher sein.

Neuzugänge aktuell: Geht die erste Elf des FC Bayern an ihre Leistungsgrenze, gehört sie zu den besten in Deutschland und Europa. Allerdings hatten die Münchner in den letzten Jahren einen zu großen Leistungsabfall zwischen den Stammspielern und der Bank. Mit Claudio Pizarro, Xherdan Shaqiri, Dante und Mario Mandzukic wurde der Kader mit hungrigen Spielern aufgefüllt - Konkurrenzkampf vorprogrammiert. "Die Neuzugänge müssen und werden den etablierten Spielern Feuer unterm Hintern machen", sagte Heynckes.

Ausblick: Nach der Saison 2009/10 hatten die Münchner keinen Grund, die Posten im sportlichen Bereich neu zu besetzen. Auf nationaler Ebene schien der deutsche Rekordmeister der Konkurrenz enteilt, in Europa hatte sich der Verein eindrucksvoll zurückgemeldet. Zwei Jahre später haben die Bayern mit Borussia Dortmund den wohl stärksten Konkurrenten seit Jahrzehnten, auf internationaler Ebene fehlt der letzte Killerinstinkt. Mit der Verpflichtung von Matthias Sammer als neuen Sport-Vorstand haben die Oberen des Clubs ein deutliches Zeichen gesetzt. "Mia san Mia" soll nicht nur auf den Trikots der Spieler gestickt sein, sondern von allen gelebt werden. Enttäuschungen und persönliche Schicksale interessieren Sammer dabei nicht: "Selbstmitleid ist fehl am Platze, Alibis werden nicht geduldet. Da müssen wir vom ersten Tag an klar die Richtung vorgeben." Jupp Heynckes weiß um die Schwere der Aufgabe, kann den Spielern aber mit seinem Erfahrungsschatz weiterhelfen. Als er bei der WM 1974 das Finale aufgrund einer Verletzung verpasste, sei er den kompletten Sommer deprimiert gewesen, aber "danach habe ich die beste Saison meiner Profikarriere absolviert".

Sebastian Schramm