Bruno Labbadia muss sich in diesen Tagen manchmal ein bisschen wie im Paradies gefühlt haben: Kein Pflichtspiel, keine Länderspielabstellung, keine neuen Verletzten. Und jetzt winkt auch noch die Tabellenführung.

Erstmals nach langer Zeit hatte der Coach seinen kompletten Kader um sich versammelt, konnte Laufwege und Automatismen einüben. An intensives Training war dennoch nur eingeschränkt zu denken. Nach dem kräftezehrenden Spielen in der Europa League gegen Celtic und am vergangenen Sonntag auf Schalke wurde vor allem Regeneration groß geschrieben an der Elbe.

"Das Pensum, das die Mannschaft in den letzten Tagen und Wochen absolviert hat, war schon klasse. Jetzt war endlich einmal die Zeit zum Wunden lecken, zum Kraft tanken und zum Erholen", war Labbadia froh.

Personelle Situation bessert sich

Und das scheint Früchte zu tragen. Vor dem Heimspiel gegen die Borussia aus Mönchengladbach am Samstag (ab 15 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio) muss der Trainer erstmals seit Wochen nicht eine Elf zusammenbasteln, sondern kann sich sogar auf Alternativen freuen.

Zwar steht mit Innenverteidiger David Rozenahl nach seinem Platzverweis ein weiterer Ausfall fest. Dafür drängt Marcell Jansen wieder in die Startelf. Und Jerome Boateng und Guy Demel sind nicht nur einsatzfähig, sondern auch fit. "In Schalke", meint Labbadia, "hätten beide eigentlich gar nicht auflaufen dürfen."

Mussten sie aber, weil die Personalnot der Hamburger im Spitzenspiel ihre Grenzen erreicht hatte. Und Labbadia auch als Psychologe und Mutmacher gefordert war: "Nach den vielen Ausfällen war es in den letzten Wochen meine Hauptaufgabe, die Mannschaft hoch zu halten."

Mit Teamgeist gegen Widrigkeiten

Dabei fordert der Trainer immer wieder Teamgeist ein, um die vielen Ausfälle im Kader zu kompensieren. Und genau das habe seine Mannschaft nahezu perfekt gemacht, lobt Labbadia: "Viel enger, als wir in Schalke zusammengerückt sind, geht kaum noch. Dafür muss ich meinen Spielern ein Riesenkompliment machen."

Der Lohn: Der HSV ist auch nach zehn Spieltagen noch unbesiegt und kann mit einem Sieg über Gladbach und Patzern der Konkurrenz an diesem Wochenende die Tabellenspitze übernehmen. Zumal die Hamburger sich und der Liga bewiesen haben, dass auch jenseits der vermeintlich ersten Elf Alternativen auf hohem Niveau vorhanden sind.

Berg schießt sich ins Rampenlicht

Das gilt vor allem für den Sturm, wo sich nach den Verletzungen von Guerrero und Petric zuletzt Marcus Berg ins Rampenlicht geschossen hat. Im Spitzenspiel in Gelsenkirchen hatte der Schwede gleich doppelt eingenetzt und seinem Trainer damit auch ein Stück weit Genugtuung verschafft. "Wir waren immer sicher, dass er großes Potenzial hat. Und wir geben ihm die nötige Zeit, die er braucht."

Zugleich brach Labbadia damit eine Lanze für die jungen Spieler, zu denen im HSV-Kader auch Torun (19) oder Arslan (19) zählen. Es könne nicht sein, findet der Coach, dass Trainer aufgrund des kurzfristigen Erfolge nur noch auf gestandene Profis setzen. "Wir lassen uns das nicht diktieren. Und wir gehen mit unseren Spielern unser Tempo!"

Zu viel Gegentore mit dem Kopf

Bei allem Lob in diesen Tagen hat Labbadia es aber auch nicht versäumt, Fehler anzusprechen, "weil wir damit nicht fahrlässig umgehen dürfen". Bestes Beispiel: Sechs seiner elf Gegentore kassierte der Hamburger SV in dieser Saison per Kopfball - eines davon zuletzt auch gegen den FC Schalke, als Demel gegen Kuranyi zu spät kam.

Nicht zufällig standen daher in dieser Woche auch Standardsituation auf dem Trainingsprogramm der HSV-Profis. "Wir haben kopfballstarke Spieler, aber sie müssen dieses Potenzial auch nutzen", stellt Labbadia klar. Und das, fordert der einstige Stürmerstar, gelte nicht nur defensiv, sondern auch offensiv. Am besten schon am Samstag gegen Mönchengladbach.

Dietmar Nolte