Fußball paradox in Leverkusen. Da stellt Bayer 04 Leverkusen einen neuen Rekord in der 47-jährigen Bundesliga-Geschichte auf, doch richtig freuen kann sich darüber niemand. Vom Saisonstart weg ist die "Werkself" nun in 24 Begegnungen ungeschlagen geblieben. Aber die Enttäuschung über das 0:0 im rheinischen Derby gegen den 1. FC Köln überwog.

13 Siege, elf Unentschieden und keine Niederlage weist die Bilanz von Bayer Leverkusen nach 24 Spieltagen aus. Doch die Tabellenführung ist dahin, weil der FC Bayern München am Sonntag den Hamburger SV schlug.

Zwei Punkte Rückstand auf die Bayern

Die Schützlinge von Trainer Jupp Heynckes sind noch in keinem einzigen Bundesliga-Spiel richtig in Bedrängnis oder an den Rand einer Niederlage gekommen, lediglich in Berlin lag der Club einmal nach 75 Minuten noch in Rückstand.
Trotzdem haben sie nun zwei Punkte Rückstand auf den Rekordmeister aus München.

Bayer 04 schaffte es in drei wichtigen Partien nicht, einen Vorsprung ins Ziel zu retten. In Schalke, Berlin und Bremen kassierte René Adler jeweils unmittelbar vor dem Schlusspfiff Gegentore, die zu drei 2:2-Unentschieden führten. Und auch einen erzwungenen Last-Minute-Sieg sucht man in der Bayer-Chronik 2009/2010 vergeblich.

"Wir müssen das Risiko nicht erhöhen"

Der neue Rekord nutzt nichts, wenn die Heynckes-Elf wichtige Punkte liegen lässt und ungeschlagen aus dem Tritt kommt. Jedenfalls nicht, wenn der Verein die Meisterschaft anpeilt. Noch scheut die Mannschaft das totale Risiko, um ein Spiel auch einmal mit der Brechstange zu gewinnen. Zu sehr hat die Truppe verinnerlicht, sich im Zweifel auch mit einem Remis zu begnügen.

"Wir müssen das Risiko nicht erhöhen", sagt Bayers Innenverteidiger Manuel Friedrich: "Dann laufen wir in einen Konter und stehen ohne Punkt da. Wir werden nicht von unserem Weg abweichen, aus eine kontrollierten Defensive heraus zu versuchen, die Spiele zu gewinnen. Wenn dann einmal ein Spiel wie gegen Köln dabei ist, in dem der Ball nicht rein will, dann ist es halt so. Aber wir werden nicht auf Teufel komm raus nach vorne rennen."

Heynckes macht sich keine Sorgen

Diese Herangehensweise ist sicher legitim, so lange Bayer sein offizielles Saisonziel noch nicht erreicht hat. Die Qualifikation für den europäischen Wettbewerb wurde vor der Saison als Vorgabe proklamiert und in der Winterpause sogar etwas nach oben korrigiert: Jetzt wird die Teilnahme an der Champions League gewünscht.

Das Ziel Meisterschaft ist nach wie vor tabu und wird nicht ausgerufen. Immerhin sagt Rudi Völler: "Wir wollen um den Titel mitspielen und werden bis zum Ende alles geben." Jupp Heynckes ist sich sicher, dass die Punktverluste gegen Bremen und Köln für die Psyche seiner Spieler folgenlos bleiben.

"Wir haben jetzt gepatzt", sagt der erfahrene Coach: "Aber das werden wir wegstecken. Da habe ich überhaupt keine Bedenken. Allerdings ist uns etwas die Leichtigkeit abhanden gekommen."

Kießling stark, aber glücklos

Dieser Zustand zieht sich schon durch die gesamte Rückrunde. Gegen Mainz (4:2) und Freiburg (3:1) agierte Bayer nicht immer souverän, gegen Wolfsburg (2:1) profitierte die "Werkself" von dicken Torwartpatzern des Gegners.

Der fehlerfreie Fußball, den die Elf bei ihren Gala-Auftritten der Hinrunde (beispielsweise gegen Nürnberg, Stuttgart, Frankfurt) zeigte, ist ein bisschen verflogen. Bei allerdings immer noch bemerkenswert hohem Niveau.

An Stefan Kießling lassen sich Bayers Rückrundenleistungen stellvertretend am besten ablesen. Der überragende Stürmer der Vorrunde (zwölf Tore) spielt immer noch stark, traf in der Rückserie allerdings bislang nur ein einziges Mal.

"Mund abputzen und besser machen"

Trotzdem gibt es keinen Grund Trübsal zu blasen. "Um ganz oben anzuklopfen, haben wir einige Unentschieden zu viel. Aber im Club redet niemand von der Meisterschaft", sagt Bayer-Keeper René Adler. "Für unser primäres Ziel Europa sind wir auf einem guten Weg. Wir müssen uns nun den Mund abputzen und es nächste Woche in Nürnberg besser machen."

Dort erwartet Bayer 04 ein ähnliches Spiel wie bei der Nullnummer gegen Köln. Mit einer extrem defensiven Spielweise hatte der Club vor zwei Wochen den Bayern einen Punkt abgetrotzt. Die Leverkusener können jetzt zeigen, dass sie es besser können.

Aus Leverkusen berichtet Tobias Gonscherowski