Wolfsburg - Es genügen die drei Minuten einer kuriosen Nachspielzeit beim Spiel in Wolfsburg, um Borussia Dortmund im Jahr eins nach der Ära Jürgen Klopp widerzuspiegeln.

Mit Glück und Geschick hatte der Tabellen-Zweite die Schluss-Offensive der Wölfe überstanden und seine 1:0-Führung durch Marco Reus (32.) bis in die 90. Minute gerettet, da reißt ein Pfiff die BVB-Spieler aus ihren Träumen.

Nach Ausgleich wieder nach vorn

Nach Foul von Lukasz Piszczek an André Schürrle entscheidet Schiedsrichter Tobias Stieler auf Strafstoß für die Gastgeber. Dass Roman Bürki den Schützen Ricardo Rodriguez aus gemeinsamen Zeiten bei der Schweizer Nationalmannschaft bestens kennt, hilft dem BVB-Keeper wenig. Bürki ahnt die Ecke, aber Rodriguez hatte zu gut gezielt.

Statt nun die Uhr ablaufen zu lassen, legen die Borussen den Hebel um und suchen die Entscheidung. Mit Erfolg: Der eingewechselte Shinji Kagawa trifft 118 Sekunden nach dem Ausgleich zum 2:1-Endstand für die Westfalen.

"Können hoch verteidigen, können tief verteidigen"

Unentschieden ist keine Option für den BVB! Unter Klopp-Nachfolger Thomas Tuchel endeten nur drei von 26 Pflichstspielen mit Beteiligung des BVB ohne Entscheidung, 21 entschieden die Schwarz-Gelben zu ihren Gunsten. Lediglich beim FC Bayern (1:5), in Hamburg (1:3) und in der Europa League in Krasnodar (0:1) standen sie am Ende mit leeren Händen da.

"Wir können hoch verteidigen, und wir können tief verteidigen. Das kommt auf die Situation an", hatte Tuchel auf die Frage nach seiner Taktik für das Spitzenspiel beim Tabellen-Dritten gesagt.

Zweimal Aluminium

Begonnen haben seine Spieler sehr hoch. 15 Minuten schnürten sie die Wölfe am und um den eigenen Strafraum ein, und die VfL-Anhänger unter den 30.000 in der ausverkauften Volkswagen Arena musste sich eine weitere Viertelstunde gedulden, bis sie den ersten Torschuss ihrer Mannschaft erleben durften.

Nach drei Minuten verhinderte Aluminium bei einen Freistoß von Ilkay Gündogan den ersten Saison-Gegentreffer für die Gastgeber aus einem ruhenden Ball, und nur kurze Zeit später traf Sven Bender aus gut zwei Metern die Latte.

Wenn Aubameyang mal nicht trifft...

Eine Minute nach dem ersten Torschuss der Wölfe war es dann Reus, der den verdienten Führungstreffer für den BVB erzielte. Pierre-Emerick Aubameyang ging in der Autostadt zum dritten Mal in dieser Bundesliga-Saison leer aus.

Trifft Dortmunds Topstürmer mit 25 Pflichtspieltreffern nicht, springen Reus und Henrikh Mkhitaryan ein. Beide haben bisher 13 Mal in Pflichtspielen getroffen. Darüber hinaus haben sich acht weitere BVB-Stars in die clubinterne Torschützenliste eingetragen.

Ruhe bei den Reservisten

Und auf der Bank herrscht Ruhe. Weltmeister Roman Weidenfeller akzeptiert seine Reservistenrolle ebenso lautlos wie Kagawa in Wolfsburg oder einer der "alten Helden", Neven Subotic, der bis zum Spiel gegen Wolfsburg seit dem 4:0 in Ingolstadt am zweiten Spieltag in der Bundesliga nicht mehr im Einsatz war, immerhin in der Europa League durfte er Anfang Oktober einmal über 90 Minuten ran.

Wenn es dann darauf ankommt, sind die Ersatzspieler voll da. In Wolfsburg bildete Subotic mit Bender die Innenverteidigung und war mit seiner Leistung richtig zufrieden. "Dafür, dass wir da noch nie zusammengespielt haben, war das doch ganz gut", freute sich der serbische Nationalspieler.

"Zu viele einfache Fehler gemacht"

Einziges Manko beim Gastspiel beim "verdienten Pokalsieger und Vize-Meister der Vorsaison", wie Tuchel nicht ohne Stolz die Qualität des Gegeners hervorhob, war die Konter-Ausbeute. Dass sie auch tief verteidigen können, stellten sie beim Wolfsburger Sturmlauf in Durchgang zwei unter Beweis, aber die offenen Räume wussten die Borussen nicht zu nutzen, um den einen oder anderen gefährlichen Konter zu setzen.

"Ich schaue jetzt auf die 50 bis 55 Minuten, die wir gelitten haben in Wolfsburg, auf die vielen, vielen einfachen Fehler, die wir gemacht, die vielen Chancen, die wir zugelassen haben", so Tuchel. "Damit sind die nächsten Schritte vorgegeben."

"Bayern-Jäger" kein Thema

Schritte, die den BVB wieder ganz nach oben führen sollen. Denn da thront der FC Bayern München. Auch wenn der Rekordmeister beim Namensvetter des BVB in Mönchengladbach Punkte ließ und der Vorsprung auf die Borussen auf fünf Punkte schrumpfte, ist das nicht nur für BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke nicht mehr als eine "Momentaufnahme".

Von einem kurzen und knappen "klares Nein", wie von Reus, bis zu ausführlichen Erklärungen, warum "Bayern kein Thema sind" (Bender), wurde der Begriff "Bayern-Jäger" von allen Dortmundern zurückgewiesen.

Fünf Spiele bis zur Winterpause

"Auf die Tabelle schaue ich erst am letzten Spieltag", so Bender auf die Frage, wie er den Saisonstart der Borussia mit bereits neun Punkten Vorsprung auf Nicht-Champions-League-Platz fünf beurteilt. "Wir tun gut daran, uns auf uns allein zu konzentrieren. Wir wollen in der kommenden Saison Champions League spielen." Und da sind die Borussen auf einem guten Weg. Unentschieden werden auch in den letzten Partien vor Weihnachten am Donnerstag in der Europa League gegen PAOK Saloniki, in der Bundesliga gegen die Remis-Spezialisten Frankfurt und Köln, die in der aktuellen Saison beide bereits fünfmal unentschieden gespielt haben, sowie im DFB-Pokal beim FC Augsburg keine Option sein.

Aus Wolfsburg berichtet Jürgen Blöhs