Dortmund - 90 Minuten lang konnte Kevin Großkreutz Anlauf nehmen. Ein Nasenbeinbruch hatte den Ur-Borussen für außer Gefecht gesetzt. Aber mit dem Abpfiff war er da und gab wie im Vorjahr den Meistertakt an: Dortmund erlebte nach einem Jahr die Rückkehr von Großkreutz, dem Feierbiest: "Und schon wieder Deutscher Meister, BVB!"

Euphorisiert ohne Ende tobte der 23-Jährige wie seine Kollegen über den Rasen, genoss jeden einzelnen Tropfen der ungezählten Bierduschen. "Bambule, Randale, Dortmund hat die Schale!" Und der waschechte Dortmunder ließ es sich natürlich nicht nehmen, selbst wieder zum Mikrofon zu greifen und vor der imposanten Südtribüne die Fan-Gesänge persönlich anzustimmen. Seine Gefühle brachte er gewohnt knackig auf den Punkt: "Das ist so genial! Das Geilste, was es gibt in Deutschland! Wir haben alle den Titel verdient."

"Diese Mannschaft überrascht einen immer wieder"



Mit derselben Leidenschaft und Begeisterung, mit der die Mannschaft durch die Saison gezogen ist und dabei eine Serie von nun 26 Spielen ohne Niederlage hingelegt hat, mit der feierte sie jetzt auch. Gewöhnungseffekt? Fehlanzeige! Fast noch ausgelassener als im Vorjahr tollten die Spieler umher und BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke lieferte auch gleich die passende Erklärung: "Für einen Dortmunder ist es nicht selbstverständlich, Deutscher Meister zu werden. Aber diese Mannschaft überrascht einen immer wieder. Darum kann man diese Titelverteidigung gar nicht hoch genug einschätzen."

Und gar nicht ausgelassen genug feiern. Mats Hummels trug die "Fußballhauptstadt Dortmund" auf der Brust und funktionierte mit Moritz Leitner noch auf dem Rasen die Meister(papp)schale zum Torero-Tuch um. Patrick Owomoyela wiegte seinen Nachwuchs zum Takt des BVB-Walzers. Trainer Jürgen Klopp, triefend vor Bier, drehte den Spieß herum und machte Kuba ordentlich nass. Und Sebastian Kehls Sohn Luis (5) zeigte dem Papa, wie man Tore schießt, bevor ein stolzer Spielführer die Meisterraupe zur Südtribüne anführte: "Es hat wieder Spaß gemacht, in dieser Mannschaft zu spielen und ihr Kapitän zu sein!"

Dickel macht den Vorsänger



Angesichts der Meistersause konnte Ilkay Gündogan nur staunen. Er erlebte erstmals live die "schwarz-gelbe" Ekstase mit und war einfach nur glücklich: "Wahnsinn, was hier abgeht. Dann noch mit einem Sieg Meister zu werden, besser geht es nicht." Und weil es in Dortmund so viel Spaß macht, Meister zu werden, war auch Mohamed Zidan wieder mittendrin, der erst im Winter zum 1. FSV Mainz 05 gewechselt war und jetzt im Meistershirt mit den alten Kollegen feierte.

Gesungen wurde das volle Programm und Nobby Dickel machte eine erstaunliche Karriere vom Stadionsprecher zum Schlagerstar. "Borussia, schenk mir die Schale", hatte die Pokal-Ikone erst vor wenigen Tagen als CD eingesungen - jetzt sang das ganze Stadion mit. Und die Fans bewiesen Feingefühl. Florian Kringe, Dauerreservist ohne Murren, wurde mit einer eigenen La Ola gefeiert. Und Zehntausende sangen "Dortmunder Jungs, Dortmunder Jungs, wir sind alle Dortmunder Jungs…!"

"Wo gibt es das denn noch?"



Die Spieler gaben erst auf dem Rasen dem XL-Chor den Takt vor, dann sangen sie selbst laustark in der Kabine weiter. Für Roman Weidenfeller auch ein Beweis, wie sehr sich die ganze Mannschaft mit diesem Verein identifiziert. "Wo gibt es das denn noch, dass die Spieler in der Kabine Vereinslieder singen und jeder Spieler den Text kann", fragte Borussias Keeper nicht ohne Stolz in die Runde.

Später stand in den Katakomben ein überglücklicher Shinji Kagawa nur noch in kurzer Hose vor der versammelten japanischen Journalistenschar und sprach über "die größte Freude, die ich je erlebt habe. Darüber geht im Moment eigentlich gar nichts. Wir haben es geschafft, weil wir eine große Einheit sind." Jola Zorc zog mit Ulla Klopp im Schlepptau singend durch die Gänge, während ihr Ehemann noch leiden musste. Erst gab es für Michael Zorc eine Bierdusche nach der anderen, dann wurde er im Entmüdungsbecken ordentlich unter Wasser gesetzt.

Zorc nass, aber glücklich



Als der Sportdirektor später mit knallroten, dick geschwollenen Augen, aber immerhin wieder trocken vor die Presse trat, gab s statt Schelte aber nur Lob für seine Mannschaft: "Das war überragend gemacht. Die Partie gegen Gladbach war ein Spielgeldbild der ganzen Saison. Wir sind mit dem Druck gut umgegangen, haben immer gut gespielt. Es gab selten einen verdienteren Meister als Borussia Dortmund in dieser Saison!"

Und auch der Präsident zollte diesem Team, das dem Verein den zweiten Meisterstern auf dem Trikot gesichert hat, höchsten Respekt. "Wer zwei Mal in einer Saison den Zweiten und den Dritten schlägt und wer zudem gegen den Vierten einen Sieg und ein Unentschieden holt, der ist verdientermaßen Deutscher Meister", stellte Dr. Reinhard Rauball klar.

Großkreutz ist "immer noch hungrig"



Kevin Großkreutz bekam das nicht mehr mit, weil er es eilig hatte. Der Mann, der sich die Silhouette seiner Heimatstadt auf die Wade hat tätowieren lassen, wollte vor dem offiziellen Meisteressen beim Nobel-Italiener noch mit seinen Jungs von der Südtribüne feiern. Vorher schickte er aber noch einmal schöne Grüße an die Konkurrenz: "Wir haben allen gezeigt, was diese Mannschaft ausmacht. Und wir haben mit der Titelverteidigung ein Zeichen gesetzt, dass wir immer noch hungrig sind."

Hört sich ganz so an, als plane Großkreutz schon jetzt "Feierbiest reloaded, Teil 3".

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte