Wolfsburg - Eine halbe Stunde spielten sich Bundesliga-Rückkehrer Diego und Torjäger Edin Dzeko in einen wahren Rausch, doch am Ende einer spektakulären Aufholjagd schlichen die beiden Superstars des VfL Wolfsburg mit einem riesengroßen Kater vom Platz. In ihren Gesichtern spiegelte sich die Fassungslosigkeit über eine Niederlage wider, die in die Geschichtsbücher einging.

Nach einer 3:0-Führung gegen den FSV Mainz 05 fiel der Meister von 2009 im Gefühl des sicheren Sieges in eine kaum zu erklärende Lethargie und verlor noch sensationell mit 3:4 (1:3). Während bei den Mainzer Stehaufmännchen verfrühte Karnevalsstimmung ausbrach, stellte sich bei den nach zwei Spielen punktlosen Wölfen die Charakterfrage.

"Eine 'Dr. Jekyll und Mr. Hyde'-Vorstellung"

Wolfsburgs Trainer Steve McClaren war nach der Partie fassungslos: "Das war eine 'Dr. Jekyll und Mr. Hyde'-Vorstellung von uns. Wir haben wieder zwei Gesichter gezeigt", sagte der erste englische Coach der Bundesliga und knöpfte sich mit leisen, aber unmissverständlichen Worten seine Spieler vor: "Wenn man nach einer 3:0-Führung noch verliert, dann sind mentale und charakterliche Probleme offensichtlich. Ich habe noch nie zuvor einen so dramatischen Qualitätsverlust gesehen."

In der Bundesliga verspielte zuletzt vor fast 20 Jahren ein Team einen Drei-Tore-Vorsprung. Am 31. Mai 1991 gelang Fortuna Düsseldorf ebenfalls das "Kunststück", beim 3:4 gegen den VfL Bochum ein 3:0 nicht über die Zeit zu retten.

Diego hat keine Erklärung

Zu jener Zeit begann der Brasilianer Diego gerade mit dem Fußballspielen. Kein Wunder, dass er für die Schmach keinen Vergleich und schon gar keine Erklärung fand. "Ich kann nicht sagen, warum uns das passiert ist. Wir müssen jetzt genau hinhören, was der Trainer uns zu sagen hat", meinte Diego.

Der erst am Donnerstag von Italiens Rekordmeister Juventus Turin verpflichtete Spielmacher ließ sich von seinen neuen Teamkollegen anstecken und tauchte in der zweiten Halbzeit ab. Im ersten Spielabschnitt hatte der ehemalige Bremer noch geglänzt und in Abwesenheit von Zvjezdan Misimovic, der nicht im Kader stand, sofort die Chefrolle übernommen und sogar das 3:0 (30.) erzielt.

Außerdem harmonierte er anfangs prächtig mit Stürmerstar Edin Dzeko, der dank seines "Doppelpacks" (23. und 27.) mit nun 59 Treffern die alleinige Führung als VfL-Rekordtorschütze übernahm. Doch auf den Traumeinstand des Zauber-Duos folgte der Albtraum.

"Das war eine Frage der Einstellung"

VfL-Manager Dieter Hoeneß stieß in die selbe Kerbe wie Trainer McClaren: "Das war eine Frage der Einstellung. Die war nach dem 3:0 bei uns mangelhaft."

Ganz anders die Mainzer, die sich aufgrund ihres kämpferisch wie spielerisch überzeugenden Auftrittes den Sieg verdienten. "In der Mannschaft herrscht ein ungewöhnlicher Geist, den sich jeder Trainer wünscht", sagte FSV-Coach Thomas Tuchel voller Stolz und verriet: "In der Halbzeit habe ich nicht wild rumgeschrien, sondern der Mannschaft mein Vertrauen ausgesprochen und Ruhe ausgestrahlt."

Fulminante Aufholjagd

Nach dem 1:3-Anschlusstreffer durch Neuzugang Morten Rasmussen (39.) noch vor dem Halbzeitpfiff drehten der überragende Elkin Soto (48.) sowie die eingewechselten Andre Schürrle (58.) und Adam Szalai (86.) die Partie für die Gäste, die mit der Maximalausbeute von sechs Punkten einen sensationellen Start hinlegten. Am kommenden Sonntag empfangen die Rheinhessen den ebenfalls optimal gestarteten Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern zur Top-Begegnung am Bruchweg.

"Das ist zumindest auf dem Papier ein Spitzenspiel - und so gehen wir es auch an", sagte Mainz-Manager Christian Heidel: "Aber wir schnappen jetzt nicht über. Unser erstes Ziel bleibt, den Vertrag mit der Bundesliga um ein Jahr zu verlängern."