Holger Hieronymus, Geschäftsführer Spielbetrieb der DFL Deutschen Fußball Liga GmbH, bezieht im Interview Stellung zum Streit um die drohenden Abstellungen von Bundesliga-Spielern für die U-20-WM in Ägypten (25. September bis 16. Oktober) und wehrt sich gegen die ligainterne Kritik.

Frage: Herr Hieronymus, in der Liga rumort es. Für Aufregung sorgt derzeit die Diskussion um die Abstellung von Bundesligaprofis für die im August anstehende U-20-WM in Ägypten. Bayer Leverkusen will Toni Kroos nicht freigeben, Bayern-Manager Christian Nerlinger hat Holger Badstuber eine Teilnahme gar verboten. Wie sieht die DFL die Situation?

Holger Hieronymus: Die U-20-WM findet zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt statt. Auch der DFB ist damit alles andere als glücklich. Offenbar wurde von der FIFA der September und Oktober als Termin gewählt, da man in Ägypten im Juli witterungsbedingt nur schwer spielen kann und das Turnier zudem zu nahe am Confed Cup gelegen hätte. Das hätte möglicherweise zu Doppelabstellungen von Spielern geführt, die für beide Teams infrage kommen. Natürlich sehen wir als DFL die Probleme, die für die Vereine damit in Verbindung stehen. Das haben wir frühzeitig beim DFB hinterlegt.

Frage: Warum hat die DFL nicht früher reagiert und eine Protestnote in Richtung FIFA verfasst? Andere Ligen sind schließlich auch betroffen und dürften ebenfalls kein Interesse daran haben, dass potenzielle Stammspieler ihren Clubs rund einen Monat nicht zur Verfügung stehen. Bayer Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser monierte bereits, die DFL habe sich nicht genügend für die Bundesliga-Clubs eingesetzt. Ist die Kritik berechtigt?

Hieronymus: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass wir von der DFL bei FIFA-Präsident Blatter anrufen können, um mit ihm Termine zu diskutieren. FIFA und UEFA setzen sich über Ligainteressen hinweg, das ist ein Problem.

Frage: Die FIFA hat den Termin aber nicht in den offiziellen Kalender aufgenommen...

Hieronymus: Auch damit tut die FIFA uns keinen Gefallen. Wie schon bei den Olympischen Spielen überlässt man die Frage den nationalen Verbänden und beschwört damit einen möglichen Konflikt herauf.

Frage: Also müssen DFL und DFB in Zukunft gemeinsam versuchen, Einfluss auf den internationalen Terminkalender zu nehmen?

Hieronymus: Wir sind der Interessensvertreter der Clubs, aber in erster Linie müssen die Nationalverbände in den FIFA-Gremien ihren Einfluss geltend machen. Deshalb kann das nur über den DFB laufen. Wir erwarten vom DFB, dass er bei der FIFA die Interessen der Liga den internationalen Kalender betreffend vertritt. Das ist der einzige Weg, um in der Zukunft solche Terminkollisionen zu vermeiden.

Frage: Der Termin im September und Oktober wurde vom DFB und allen anderen Nationalverbänden abgenickt. Eine Abstimmung mit den Bundesligisten hat es offenbar nicht gegeben. Nun wollen die Vereine nur ihre Ersatzspieler zur U-20-WM schicken, damit die Spielpraxis sammeln können. Ein Spieler wie Kroos soll dem DFB vorenthalten werden, der Verband will aber den Titel gewinnen. Das ist doch ein kaum zu lösendes Dilemma, oder?

Hieronymus: Es kann natürlich nicht im Sinne der Clubs sein, wenn Stammspieler vier Wochen nicht zur Verfügung stehen. Auf der anderen Seite will der DFB natürlich eine schlagkräftige Truppe zur WM schicken. Ich habe Gespräche mit den Clubs und den betroffenen Spielern angeregt und stelle mir das so vor, dass beide Seiten zu Zugeständnissen bereit sind. Eine Möglichkeit wäre, dass pro Verein nur eine bestimmte Anzahl von Spielern abgestellt werden muss. Auch wir wollen keine Wettbewerbsverzerrung.

Frage: Profitiert nicht auch die Liga davon, wenn die U-Nationalmannschaften des DFB wie zuletzt geschehen einen Titel nach dem anderen gewinnen? Die EM-Titel der U 17, U 19 und U 21 haben schließlich gezeigt, dass sowohl das Förderprogramm des DFB als auch die Nachwuchsleitungszentren der Bundesligisten Früchte tragen.

Hieronymus: Keine Frage, die Titelgewinne der Junioren haben zuletzt einen mächtigen Eindruck in der Fußball-Welt hinterlassen. Grundsätzlich muss man sehen, dass so ein Turnier der Entwicklung eines jungen Spielers hilft. Es kann ihm allerdings dann schaden, wenn er dadurch seinen Stammplatz im Club verliert.

Von Marc Schmidt (sid)