München - Drei Siege, ein Remis, zwei Niederlagen - der Mainzer Trainer Thomas Tuchel hat gegen den Rekordmeister Bayern München eine positive Bilanz. Dabei hat Tuchel keineswegs ein klassisches "Bayern-System" als Universallösung in der Schublade - sein Erfolg bringender Trumpf gegen die Bayern ist vielmehr seine taktische Flexibilität gepaart mit der Gunst des Augenblicks.

In der vergangenen Saison blieben Tuchels Mainzer gegen den FC Bayern ungeschlagen. Das mit 3:2 (Video) und das endete torlos (Video). Für den Sieg am 14. Spieltag der vergangenen Spielzeit bot Tuchel eine 4-4-2-Formation mit Doppelsechs und Andreas Ivanschitz als hängender Spitze auf. Im bisher letzten Aufeinandertreffen in der Allianz Arena führte die gleiche taktische Ausrichtung zum Punktgewinn.

Mainz in der Hinrunde top



Auffällig an der Bilanz der Mainzer gegen den FC Bayern ist die Stärke der 05er in den jeweiligen Hinrunden einer Saison. So gelang den Mainzern in den vergangenen drei Jahren vor der Winterpause immer ein Sieg gegen den FCB. Allerdings spielten bei diesen Siegen auch immer die Begleitumstände bei den Bayern eine wichtige Rolle.

In der Hinrunde 2011/12 fehlten den Münchnern mit Bastian Schweinsteiger und Anatoliy Tymoshchuk wichtige Stabilisatoren im defensiven Mittelfeld - obendrein hatte der Rekordmeister in der Woche zuvor 0:1 gegen Dortmund verloren. Ähnlich lief es im Jahr zuvor beim der 05er (Video): Bayern hatte mit nur zwei Siegen in fünf Spielen einen durchwachsenen Saisonstart hingelegt, während Mainz mit dem Selbstvertrauen von fünf Siegen in den ersten fünf Begegnungen anreiste.

Auch das Duell mit den Bayern in der Saison 2009/10 konnten der 39 Jahre alte Tuchel und sein Team für sich entscheiden. Der Rekordmeister war damals im dritten Spiel unter Louis van Gaal noch ohne Sieg angereist und kassierte eine (Video). FSV-Manager Christian Heidel deutete bereits damals - nach Tuchels drittem Bundesliga-Spiel als Trainer - dessen taktische Flexibilität an. "Man sieht, dass Thomas ein taktisches Konzept an den Tag legt", sagte Heidel. In engem Zusammenhang mit Tuchel wurde seitdem der Begriff "Matchplan" populär.

Eigeninitiative statt Konterfußball



In der Tat präsentierte Tuchel bei allen drei Siegen gegen die Bayern eine andere taktische Ausrichtung - jeweils angepasst an die momentane Situation beim Kontrahenten. Den ersten Sieg im August 2009 fuhren die Mainzer im 4-1-4-1-System (Analyse) mit dem jetzigen Augsburger Aristide Bance als Speerspitze ein, der Erfolg in München in der darauffolgenden Spielzeit gelang im 4-4-2 mit Mittelfeldraute sowie Sami Allagui und Adam Szalai als echten Spitzen. "Der Trainer sucht sich für jeden Gegner die passenden Spielertypen zusammen", sagte Szalai im Anschluss an diesen, bislang letzten Mainzer-Sieg in München.

Auf Konterfußball setzte der FSV-Coach dabei weniger - unter Tuchel resultierte keines der Tore gegen die Bayern aus einem schnellen Gegenangriff. Mainz igelte sich also nicht ein, um dann schnell zu zuschlagen, sondern setzte die Bayern bei den Siegen weit vom eigenen Tor entfernt unter Druck und störte somit effektiv den Spielaufbau des Gegners. Der Mainzer Mittelfeldakteur Ivanschitz erklärte nach dem 3:2-Sieg in der Vorsaison diese taktischen Vorgaben Tuchels. "Wir haben die Bayern immer wieder früh angelaufen und sie zu Rückpässen zum Torwart gezwungen, das waren immer wieder kleine Punktsiege. Genau das hat uns der Trainer vorher gesagt", sagte der Österreicher.

Auch mit umgekehrten Vorzeichen erfolgreich?



Den Mainzern gelang es, bei ihren Siegen jeweils früh in Führung zu gehen und so die Bayern zu beeindrucken. Im ersten Aufeinandertreffen im Jahre 2009 stand es nach 37 Minuten bereits 2:0, bei der letzten Münchner Heimniederlage gegen die Mainzer schoss Allagui in der 15. Minute die Führung und beim 3:2-Erfolg in der Vorsaison traf Ivanschitz gar schon in der zehnten Minute. "Wir haben alle Tugenden gezeigt, die uns auszeichnen: Leidenschaft, Laufbereitschaft und Emotion. Und wir haben aufmerksam und schlau verteidigt", sagte Tuchel hinterher.

Insgesamt sind alle drei Siege von Tuchels Mainzern gegen die Bayern verdient zustande gekommen. Neben der taktischen Flexibilität spielte bei all diesen Erfolgen auch das jeweilige Momentum eine nicht unerhebliche Rolle, so dass Tuchel immer dann punkten konnte, wenn die Bayern mit Problemen zu kämpfen hatten.

Vor dem Duell am Samstag allerdings sind die Vorzeichen umgekehrt. Die Mainzer sind mit nur einem Punkt nach zwei Spielen nicht optimal in die Saison gestartet, während die Bayern mit zwei souveränen Siegen in Topform sind. Aber vielleicht hat Tuchel ja auch für diese Situation ein passendes taktisches Rezept parat.

Maximilian Lotz