Sinsheim - Wenn selbst der Trainer der unterlegenen Mannschaft von einem „tollen Nachmittag“ und „einem überragenden Spiel“ spricht, dann muss etwas Besonderes passiert sein. Dieter Hecking, der Trainer von Borussia Mönchengladbach, wollte trotz der 3:5-Niederlage bei der TSG 1899 Hoffenheim seine Begeisterung über den Auftritt der beiden Mannschaften nicht verbergen. Warum auch? Das Acht-Tore-Spektakel war ja auch ein Spiel, „wie es die Leute in der Bundesliga sehen wollen“, wie Hecking richtig feststellte. Der Gewinner war der Sport am Samstag in der ausverkauften Arena.

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Trotz der Niederlage konnte auch Heckings Borussia durch einen starken eigenen Auftritt (und die Niederlagen der Konkurrenz) zuversichtlich in den Endspurt um die Europa-League-Teilnahme blicken.

Endspiel am 32. Spieltag?

Hoffenheim war der doppelte Gewinner: Drei Punkte und ein begeistertes Publikum füttern das Selbstvertrauen, die beste Saison der Vereinsgeschichte zu krönen. Die Europapokal-Teilnahme ist den Hoffenheimern kaum mehr zu nehmen. Bei elf Punkten Vorsprung auf Platz fünf geht es für die TSG im Prinzip nur noch darum, ob sie sich als Tabellendritter direkt für die Champions-League qualifiziert, oder ob sie als Vierter in die Qualifikation muss. Derzeit besitzen die Badener als Dritter einen Zähler mehr als Borussia Dortmund, am 32. Spieltag könnte es also beim BVB zu so etwas wie einem Finale um den direkten Einzug in die Champions League kommen. Das sei noch weit weg, sagt Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann, aber man werde natürlich auch versuchen, in Dortmund zu gewinnen - auch wenn der Gegner noch einen Tick besser sei. „Aber“, stellte Nagelsmann klar, „wir haben die Chance auf Platz drei.“

Fast alles, was dieser Trainer anfasst, gelingt. Auf sein Gespür, wann er welchen Spieler in welcher Konstellation von Beginn an oder während eines Spiels ins Rennen schickt, kann er sich verlassen. Dabei folgt Nagelsmann keinen Eingebungen („Das klingt mir zu galaktisch“), sondern seinen Trainingsbeobachtungen, dem erforderlichen Matchplan für den jeweiligen Gegner und natürlich auch ein bisschen seiner Intuition, die aber auf nachvollziehbare  Überlegungen fußt.

Vertrauen zahlt sich aus

Besonders in der Offensive verfügt dieser Trainer über eine Vielzahl von Alternativen: Die beiden bulligen Mittelstürmer Sandro Wagner und Adam Szalai, den unberechenbaren Mark Uth, den dribbelstarken Andrej Kramaric und den laufstarken Marco Terrazzino. Auch taktisch eröffnen diese unterschiedlichen Typen viele Möglichkeiten. Gegen Gladbach entschied sich der Trainer für die Zweispitzen-Lösung Wagner/Szalai, Kramaric agierte dahinter. Und Szalai zahlte das Vertrauen des Trainers wieder einmal zurück und machte die ersten beiden Tore zum frühen 2:0 - sein bereits dritter Doppelpack in dieser Rückrunde, sein siebtes Tor im 17. Einsatz. Dabei stand Szalai vor Beginn der Saison vor dem Abschied aus Hoffenheim, blieb aber und bekommt von Nagelsmann, der keinen Spieler abschreibt, wegen seiner „überragenden Trainingsleistungen“ und seiner positiven Einstellung längst verdiente Einsatzzeiten.

Die bekommt nach einer langen Verletzungspause nun auch wieder Uth. Gegen Gladbach wurde der schnelle Linksfuß früh für Wagner (63.) eingewechselt und hämmerte den Ball in der 75. Minute aus 25 Metern zum zwischenzeitlichen 4:2 in den Winkel. Bei keiner Mannschaft der Liga treffen die Einwechselspieler so oft wie bei der TSG. Nagelsmann hat dazu eine Theorie, er sagt, man müsse früh wechseln, um den Eingewechselten die Möglichkeit zu geben, etwas zu bewirken. Durch die vielen Optionen bleibt Unberechenbarkeit ein wichtiges Mosaik im Erfolgsbild der Hoffenheimer. Einzig der Mut des Trainers ist berechenbar (Nagelsmann: „Mut ist mein Lieblingswort“), aber im Vergleich zu vielen Kollegen ist dieser Wesenszug eher unkonventionell.

"Ich denke immer Offensiv"

Rückschläge werfen die Elf schon lange nicht mehr aus der Bahn, gegen Gladbach wurde aus einem 2:0 ein 2:2 und auch nach Uths 4:2 kam der VfL noch einmal auf 3:4 heran. Doch die Nagelsmänner spielten in der Schlussphase auf ein fünftes Tor, statt sich hinten einzuigeln. „Mit Mauern hat Hoffenheim in den letzten Jahren nicht die beste Erfahrung gemacht. Ich denke immer offensiv“, sagt Nagelsmann, der Spieler besser macht. Demirbay zum Beispiel erzielte gegen Gladbach zum ersten Mal zwei Tore in einem Bundesligaspiel, jüngst hatte der Trainer den Techniker aufgefordert, zielstrebiger zu agieren.

Video: Trainer-Wunderkind Nagelsmann

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Das Spektakel gegen Gladbach war ganz nach dem Geschmack des 29-Jährigen, Nagelsmann sagte: „Mir ist so ein Spiel tausendmal lieber, als wenn alles nur verhindert wird. Ich finde, es gehört sich, dass man versucht, Unterhaltung zu bieten. Wenn man auf ein Konzert geht, will man ja auch nicht die langweiligste Musik hören.“ Am Samstag brachten Hoffenheim und Gladbach eine Aufführung auf die Bundesligabühne, die niemand im Stadion auf den Sitzen hielt. 

Aus Sinsheim berichtet Tobias Schächter