Zusammenfassung

  • Vincenzo Grifo kehrt nach drei Jahren zur TSG Hoffenheim zurück
  • Trainer Nagelsmann war einer der Hauptgründe für seinen Wechsel aus Gladbach ins Kraichgau
  • Grifo spricht im Interview auch über seine Position, seinen Mentor Christian Streich und die italienische Nationalmannschaft

Sinsheim - Vincenzo Grifo spielte bereits zwischen 2013 und 2015 für die TSG 1899 Hoffenheim, konnte sich in seiner ersten Zeit im Kraichgau aber nicht durchsetzen. Seinen Bundesliga-Durchbruch schaffte er erst anschließend beim Sport-Club Freiburg. Nun kehrt der 25-Jährige als gestandener Spieler an alte Wirkungsstätte zurück. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht er über Trainer Julian Nagelsmann, die Dreifachbelastung mit der Champions League, seine Karriere als Spätstarter und die Nationalmannschaft.

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bundesliga.de: Herr Grifo, Sie kehren nach drei Jahren zur TSG Hoffenheim zurück. Julian Nagelsmann war aber nie Ihr Trainer in Ihrer ersten Hoffenheimer Zeit, oder?

Vincenzo Grifo: Frank Kramer war mein Trainer in der U 23, dann war Markus Babbel mein erster Proficoach. Als dann Marco Kurz geholt wurde, rückte Julian in den Trainerstab der Profis auf - und blieb das dann auch, als Markus Gisdol übernahm, und die Rettung in Kaiserslautern gelang.

bundesliga.de: Sie sagten, Julian Nagelsmann wäre ein Hauptgrund gewesen für Ihren Wechsel diesen Sommer von Mönchengladbach zurück zur TSG. Was ist das Besondere an seiner Arbeitsweise?

Grifo: Julian ist ein junger, hungriger Trainer, der immer Perfektion anstrebt, der die Spieler immer weiter fördern will und dabei bis ins letzte Detail geht. Er schaut schon sehr genau, dass alles nach bestimmten Richtlinien geht. Aber er gibt dir auch die Freiheit auf dem Platz, die du brauchst. Er steht immer unter Dampf und hatte in den letzten Jahren großen Erfolg - das spricht für ihn. Hoffenheim hat einen total geilen Weg zurückgelegt mit Julian. Und den wollen wir in diesem Jahr weitergehen.

"Julian Nagelsmann strebt Perfektion an und geht bis ins letzte Detail, er gibt dir aber auch die Freiheiten auf dem Platz"

bundesliga.de: Viele Neuzugänge erzählen, dass die Umstellung auf das Training von Nagelsmann eine Herausforderung ist. Spüren Sie das auch?

Grifo: Julian ist in der Trainingsarbeit sehr kreativ, man muss immer genau zuhören und viele Regeln befolgen. Manche Trainer lassen viele Dinge einfach so laufen, das ist bei Julian nicht so. Man ist ständig neuen Spielformen und Details ausgesetzt. Am Anfang ist das natürlich nicht so einfach. Aber ich denke, wenn man zwei, drei Monate dabei ist, hat sich das endgültig im Kopf eingespeichert.

bundesliga.de: Setzen Sie sich vor einer Saison genaue Ziele über ihre Trefferquote?

Grifo: Nein, das mache ich nie. Ich habe mir auch beispielsweise damals in meiner ersten Saison mit Freiburg nicht eine bestimmte Anzahl an Toren und Vorlagen vorgenommen. Aber jede Saison und jedes Spiel ist anders, man muss sowieso in jeder Situation versuchen, das Beste abzurufen.

© gettyimages / Christian Kaspar-Bartke

bundesliga.de: Hoffenheim schloss die letzte Bundesligasaison als Dritter ab und will in der kommenden Runde das Erreichte toppen - wie realistisch ist das?

Grifo: Man will natürlich immer besser abschließen. Sich hinzustellen und zu sagen, wir wollen nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben, wäre ja fatal. Die Jungs haben letzte Saison mit dem dritten Platz die Champions League erreicht. Warum sollte man nicht versuchen, diese Platzierung zu toppen? Wir wollen uns immer so puschen, damit das Beste am Ende herauskommt.

bundesliga.de: Sie spielen Ihre erste Europapokal-Saison. Haben Sie sich mit Ihren Kollegen bei der TSG darüber ausgetauscht, für viele war die Belastung ja in der vergangenen Runde mit Hoffenheim auch Neuland?

Grifo: Ja, wir tauschen uns da aus. Es ist natürlich eine Umstellung wegen der Reisestrapazen, darauf hat das Trainerteam auch die Vorbereitung ausgelegt. Aber dennoch: Die Vorfreude, in der Champions League zu spielen, ist viel größer, als die Bedenken wegen der höheren Belastung. Jeder Spieler wartet sein ganzes Leben darauf, sich mit den Besten zu messen. Dann darf man sich auch nicht darüber beklagen, weite Reisen zu machen. Man sollte das genießen. Wenn man die Herausforderungen genießt, dann springt auch das Beste heraus.

Video: Media Days bei Hoffenheim

bundesliga.de: Vor drei Jahren wechselten Sie zum Zweitligisten FSV Frankfurt, nun spielen Sie Champions League.

Grifo: Ja, das ist schon krass. Ich glaube, so richtig realisiert man das erst, wenn man auf dem Platz steht und die Champions-League-Hymne hören darf. Ich habe immer daran geglaubt, das zu schaffen. Ich glaube immer an das Bestmögliche. Ich habe auch immer meiner Familie gesagt, dass ich das irgendwann erreichen will, da können Sie bei meiner Familie ruhig nachfragen. (lacht) Schon als kleiner Junge mit zehn Jahren wollte ich nichts anderes werden als Fußballer.

"Die Jungs haben letzte Saison mit dem dritten Platz die Champions League erreicht. Warum sollte man nicht versuchen, diese Platzierung zu toppen?"

bundesliga.de: Ihre Leistungsexplosion kam aber erst spät, mit 22 in Freiburg.

Grifo: Ich habe immer an mich und meine Qualitäten geglaubt und wusste: Wenn ich die Chance bekomme, dann bin ich bereit. Und nach dem Wechsel zum SC Freiburg war ich auch bereit. Freiburgs Trainer Christian Streich hat auf mich gesetzt, das hat mir eine breite Brust gegeben. Das Selbstvertrauen stieg und ich machte dann auch gleich zwei Tore in den ersten Spielen. Wenn du dann einen Lauf hast und die Fans dich pushen, dann beflügelt das.

bundesliga.de: Sie sind ein Spätstarter, spielten in der Jugend nie badische Auswahl und wechselten erst mit 18 aus ihrer Heimatstadt Pforzheim zum Karlsruher SC und dann zur TSG Hoffenheim.

Grifo: Ich bin definitiv ein Spätstarter, aber ich bin sehr stolz darauf, dass ich diesen Weg gegangen bin. Ich hatte in Pforzheim meine Unbekümmertheit, ich hatte meine Freunde, meine Familie, die bei mir über allem steht. Erst mit 18, 19 fühlte ich mich reifer und war bereit für den nächsten Schritt.

bundesliga.de: Hatten Sie nie Angebote in der Jugend?

Grifo: Doch, ich hatte immer mal wieder Angebote vom Karlsruher SC. Aber ich hatte ein bisschen Angst. Wobei: Angst ist das falsche Wort, Angst habe ich nur vor dem da oben (Grifo zeigt lachend Richtung Himmel, Anm. d. Red.). Ich hatte so meine Bedenken und wollte lieber in Pforzheim bleiben, weil ich dort befreit aufspielen konnte. Aber in der A-Jugend war der Weg dann nicht mehr zu stoppen, ich hatte ein tolles Jahr zuvor und ich fühlte mich bereit, diesen Weg zu gehen. Hoffenheim war da auch an mir dran, aber der KSC war einfach eine Woche vor der TSG da. (grinst)

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bundesliga.de: Trotz der Wechsel nach Karlsruhe und dann nach Hoffenheim musste der Spätstarter Grifo weiter Umwege gehen, um sich den Traum vom Bundesligaspieler zu erfüllen. Woran lag's?

Grifo: Ich hatte einen super Start in der U 23 in Hoffenheim. Markus Babbel, der damalige Cheftrainer der Profis, hat mich gleich hochgezogen und ich habe dann auch 13 Bundesligaspiele gemacht. Aber wir hatten in dieser Saison vier Trainer und wären fast abgestiegen. Da ist es normal, dass die Trainer nicht so auf die Jungen setzen, sondern mehr auf die erfahrenen Spieler.  Aber ich hatte auch eine große Konkurrenz auf meiner Position mit Roberto Firmino, Kevin Volland oder Takashi Usami, die einfach reifer waren als ich. Der Verein und ich sind dann zu dem Entschluss gekommen, dass ich spielen muss und haben eine Ausleihe ins Auge gefasst.

bundesliga.de: Sie sind dann nach Dresden gewechselt.

Grifo: Ja, wir sind mit Dynamo zwar abgestiegen aus der 2. Bundesliga, aber ich machte meine Spiele. Die Zeit dort war für mich persönlich sehr gut. Ich bin gereift, war zum ersten Mal weg von meiner Familie, was nicht einfach gewesen ist.

bundesliga.de: Von Dresden sind Sie dann zum FSV Frankfurt innerhalb der 2. Bundesliga gewechselt.

Grifo: Ich hatte noch nicht das Gefühl, mich in Hoffenheim durchsetzen zu können. Meine Zeit in Frankfurt war dann sensationell, ich habe nur ein Spiel wegen Fieber verpasst. Ich habe zehn Tore gemacht und neun vorbereitet und so den SC Freiburg auf mich aufmerksam gemacht. Der Wechsel nach Freiburg war dann wie eine Explosion.

bundesliga.de:  Sind Sie eigentlich von Haus aus ein Stürmer?

Grifo: Nein, ich bin eigentlich ein Zehner, der immer hinter den Spitzen gespielt hat. Im 4-4-2 wurde ich dann in Hoffenheim auf die linke Seite verschoben, die ich auch in Freiburg dann gespielt habe. Von dort kann ich immer wieder in die Mitte ziehen, das hat in Freiburg unglaublich gut geklappt.

"Christian Streich füllt eine Vaterrolle aus und versteht unheimlich viel von Fußball. Er will dich von Tag zu Tag besser machen, das spürt jeder Spieler"

bundesliga.de: War Christian Streich in Freiburg Ihr prägendster Trainer?

Grifo: Ja, absolut. Er füllt so eine Vaterrolle aus mit seiner Erfahrung und versteht unheimlich viel von Fußball. Er will dich von Tag zu Tag besser machen, das spürt jeder Spieler. Und: Freiburg ist einfach ein familiärer Club, wo alle zusammenhalten, das schweißt das Team zusammen. Christian Streich lebte das vor und wir haben das nachgelebt. Ich habe von ihm sportlich und im Privaten sehr viel gelernt. Wir sind in meinem zweiten Jahr dort Siebter geworden, was die Europa-League-Qualifikation und damit für Freiburg etwas ganz Besonderes bedeutete.

bundesliga.de: Sie wollten trotzdem den nächsten Schritt in Mönchengladbach gehen und erlebten dann aber in der vergangenen Saison erstmals nach drei Jahren im Aufwind einen Rückschlag.

Grifo: Einen kleinen, ja. Ich war sehr happy, dorthin zu gehen. Drei Jahre zuvor heuerte ich beim FSV Frankfurt an, nun spielte ich plötzlich bei einem großen Traditionsverein vor 50 000 Zuschauern. Ich war bekannt durch meine Freistöße aus Freiburg und galt als Straßenkicker. Aber ich hatte in Gladbach einen blöden Anfang, hatte mich verletzt und man baute danach dann nicht mehr so auf mich. Das spürte ich und hat mir auch wehgetan. Ich hatte dann in Hoffenheim ein starkes Spiel, aber darauf wurde nicht aufgebaut. Ich möchte immer spielen, egal wie groß die Konkurrenz ist. Das Vertrauen war einfach nicht da. Offensivspieler, wie ich einer bin, brauchen dieses aber.

"Die Perspektive, Champions League zu spielen, ist natürlich auch verlockend. Es passte einfach, die Gespräche mit Julian und Manager Alexander Rosen waren super, die Ambitionen stimmen hier"

bundesliga.de: In Hoffenheim ist die Konkurrenz nicht kleiner.

Grifo: Das weiß ich, aber hier weiß man, was ich kann.

bundesliga.de: War das der Grund hierher zu wechseln? Sie hatten ja auch andere Angebote.

Grifo: Ja, absolut. Und die Nähe zu meiner Familie in Pforzheim war dann noch das i-Tüpfelchen. Es ist das Beste, was dir passieren kann, wenn jedes Heimspiel deine Eltern, deine Schwiegereltern, Oma und Opa im Stadion sind und dich anfeuern können. Die Familie begleitet dich immer, in guten wie in schlechten Phasen. Aber insbesondere waren natürlich sportliche Gründe ausschlaggebend. Julian Nagelsmann will jeden Spieler besser machen. Ich bin nicht perfekt, ich habe noch Defizite, die ich verringern will. Und die Perspektive, Champions League zu spielen, ist natürlich auch verlockend. Es passte einfach, die Gespräche mit Julian und Manager Alexander Rosen waren super, die Ambitionen stimmen hier.

bundesliga.de: Hoffenheim spielt in einer 3-5-2-Grundordnung und gerade auf den Achterpositionen herrscht große Konkurrenz.

Grifo: Man braucht für alle Wettbewerbe einen großen Kader, das sieht man jetzt an den Ausfällen von Kerem Demirbay und Nadiem Amiri. Ich sehe meine Chancen aber gut, ich hatte eine gute Vorbereitung, ich fühle mich fit und spüre, dass die Euphorie wieder da ist. Ich freue mich auf die Saison - aber die Aufstellung macht der Trainer.

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bundesliga.de: Sie sagen, Sie sind nicht perfekt. Wo sehen Sie denn den größten Verbesserungsbedarf?

Grifo: Offensivspieler haben immer den Drang nach vorne, da gibt es meistens auch Defizite in der Rückwärtsbewegung. (schmunzelt) Wenn man sieht, wie zum Beispiel ein Roberto Firmino nach hinten arbeitet, dann ist das schon stark. Auf der Achterposition ist man noch mehr gefordert, nach hinten zu arbeiten. Die Voraussetzungen bei mir sind aber auch dazu da. Mit dem Laufen habe ich überhaupt kein Problem, meine Laktatwerte waren immer gut. Und ich kenne aus meiner Freiburger Zeit natürlich die Notwendigkeit, nach hinten zu arbeiten.

bundesliga.de: Ist die aktuelle Hoffenheimer Mannschaft die beste, in der Sie bis jetzt spielten?

Grifo: Was mir Zugute kommt, ist der Fokus auf das Fußballerische hier. Ich liebe es zu kicken, ich liebe es, Fußball zu spielen. Ich mag es weniger, wenn mit hohen Bällen gespielt wird. Hier wird immer versucht, zu kicken und die Dinge fußballerisch zu lösen. Ich will das gar nicht vergleichen mit anderen Kadern, aber die Qualität ist hier sehr hoch. In Gladbach hatte ich unter anderem in Raffael, Stindl oder Hazard jedoch auch sehr gute Mitspieler.

bundesliga.de: Sie hatten Einsätze für die U 20-Natinalmannschaft Italiens, ist es noch Ihr Ziel, für Italiens A-Nationalmannschaft zu spielen?

Grifo: Ja, definitiv, das ist ein Lebenstraum von mir. Schon die Berufungen in die U 20 und die U 21 waren etwas wahnsinnig Tolles - ich bin unheimlich stolz gewesen, das Wappen Italiens auf meiner Brust zu tragen. Ich bin Profi und will immer das Beste, auch wenn ich weiß, dass es schwer ist. In diesem Jahr kann ich mich allerdings sogar auf der größten Bühne im Vereinsfußball beweisen. Ich hoffe darauf, dass die Italiener dann vielleicht mal in Hoffenheim scouten und ich mich empfehlen kann. (grinst) Aber dafür konzentriere ich mich allein auf die Spiele mit der TSG Hoffenheim, ich freue mich unheimlich auf die neue Saison.

Das Gespräch führte Tobias Schächter