Sinsheim - Julian Nagelsmann von der TSG 1899 Hoffenheim steht vor einer besonderen Marke. Das Auswärtsspiel bei Bayer 04 Leverkusen am Samstag um 15.30 Uhr ist sein 50. Bundesligaspiel als Trainer - mit gerade einmal 30 Jahren.

Dieses kleine Jubiläum von Julian Nagelsmann geht gerade ein bisschen unter im Nachklapp der aufregenden Champions-League-Playoffs der TSG Hoffenheim gegen den FC Liverpool (1:2, und 2:4) und der Auslosung der Europa-League-Gruppenphase am Freitag in Monaco, das den Badenern Spiele gegen Sporting Braga aus Portugal, Ludogorez Rasgrad aus Bulgarien und Basaksehir FK aus der Türkei bescherte. An diesem Samstag aber steht das erste Auswärtsspiel in der Bundesliga an, für Nagelsmann ist der Auftritt bei Bayer Leverkusen bereits der 50. als Chefcoach in der Bundesliga, seitdem der Oberbayer am 11. Februar 2016 das Amt von Trainer-Routinier Huub Stevens übernommen hat.

Man darf sagen, dass an diesem Tag in Hoffenheim eine Zeitenwende begann. Mit 28 Jahren war der vom Jugend- zum Chefcoach beförderte Nagelsmann der jüngste Bundesligacheftrainer aller Zeiten. Und vom ersten Tag an überzeugte der junge Mann mit Mut und Überzeugungskraft. Die TSG formte er innerhalb von 16 Monaten aus einem Abstiegskandidaten zu einem Europa-League-Teilnehmer. Nach der beachtenswerten Rettung aus fast auswegloser Situation in der vorvergangenen Spielzeit, gelang den Hoffenheimern in einer atemberauenden Rekordsaison erstmals in der Vereinsgeschichte die Teilnahme am Europapokal. Und auch wenn vergangenen Mittwoch beim 2:4 an der berühmten Anfield Road in Liverpool der Einzug in die Champions-League verpasst wurde: Die Teilnahme an der Europa-League ist nicht selbstverständlich und auf fast allen Ebenen auf die Arbeit dieses jungen Trainers zurückzuführen. Seit Nagelsmann im Amt ist, gewann die TSG 88 Punkte - nur Bayern und Dortmund holten in diesem Zeitraum mehr Zähler.

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Jüngst, vor dem Hinspiel in der Champions-League-Qualifikation gegen Liverpool, fragte ein Reporter der BBC Nagelsmann nach seiner Arbeitsweise. Die im Detail zu erläutern sei zu komplex, antwortete Nagelsmann, aber er wolle mit seiner Mannschaft immer dominant auftreten und sich von hinten nach vorne kombinieren. Dazu überfordere er seine Spieler im Training schon einmal und eine Übung werde selten wiederholt. Nagelsmann hat es tatsächlich geschafft, der TSG-Elf schnell und auch schon unter den verschärften Druckbedingungen des Abstiegskampfs seine mutige Handschrift einzuverleiben.

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Nagelsmann meidet das Wort Automatismen, er sagt: Jede Situation sei neu und fordere von den Spielern immer neue, andere Lösungen. Seine Flexibilität in taktischer wie in personeller Hinsicht ist auffällig und entspricht seinem beachtenswert offenen Denken. Nagelsmann machte in den letzten 16 Monaten viele Spieler besser, aus Sandro Wagner und Kerem Demirbay sogar Nationalspieler, die im Sommer den Confed Cup mit Deutschland gewannen; Nadiem Amiri und Jeremy Toljan wurden mit der deutschen U 21 in Polen Europameister. Den gelernten Offensivspieler Steven Zuber formte er zu einem dynamischen Linksverteidiger mit Offensivdrang und und aus dem zentralen Mittelfeldspieler Kevin Vogt wurde in der neuen Dreierabwehrkette der TSG einer der besten Innenverteidiger der Liga. Nagelsmann verwandelte ein ehemals zögerliches Hoffenheim in ein nickliges, unbequemes Hoffenheim, gegen das Gegner nicht gerne spielen.

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Auf seinem Weg brach er sämtliche Vereinsrekorde. In der vergangenen Saison überstand die TSG die Vorrunde erstmals ohne Niederlage, Von den 49 Spielen mit Nagelsmann verlor die TSG nur neun, das macht eine Quote von 18 Prozent, alle anderen Trainer der TSG-Bundesligageschichte verloren mindestens 32 Prozent ihrer Spiele. Doch Nagelsmann stellte auch Ligarekorde auf. Bislang trafen 19 Spieler nach Einwechslungen für die Badener, zuletzt Andrej Kramaric beim 1:0-Auftaktsieg gegen den SV Werder Bremen vergangene Woche. Alle 2,6 Spiele trifft also bislang ein Joker für die TSG - unter keinem anderen Trainer der Bundesligageschichte mit mindestens zehn Spielen kommen die eingewechselten Profis auf diese Quote. Zufall? Nicht bei diesem reflektierten Trainer. Nagelsmann vertraut bei Einwechslungen nicht nur auf Intuition, er wechselt auch relativ früh aus, weil er sagt: "Wenn ein Spieler früh kommt, kann er mehr Einfluss nehmen."

Trainer des Jahres

Nagelsmann, der seine Spielerkarriere wegen Knieproblemen früh beenden musste, und einst dem damaligen Nachwuchstrainer Thomas Tuchel beim FC Augsburg zuarbeitete, konnte in Hoffenheims Jugend Erfahrungen sammeln und Erfolge feiern. Hoffenheims A-Junioren führte er 2014 erstmals zur Deutschen Meisterschaft. Den Eintritt auf die hell ausgeleuchtete Bühne Bundesliga schaffte er mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit. Salopp formuliert, darf man sagen: Nagelsmann rockte bislang die Liga. Von den deutschen Sportjournalisten wurde er in der alljährlichen Wahl des Fachmagazins "kicker" am Tag seines 30. Geburtstags (23. Juli 2017) zum Trainer des Jahres gewählt. Auch der Trainerpreis des deutschen Fußballs, verliehen vom DFB, ging 2016 an den jungen Mann aus Landsberg am Lech.

Nagelsmann zog in kurzer Zeit den Fokus größerer Vereine auf sich, Spitzenklubs im In-und Ausland verfolgen den Werdegang dieses spannenden Trainers mit großem Interesse. Und vielleicht war sein Erfolg auch der Türöffner für weitere junge Trainer aus den Nachwuchsleistungszentren, die nun in der Bundesliga trainieren, wie Domenico Tedesco (FC Schalke 04) oder Hannes Wolf (VfB Stuttgart). Nagelsmann stimmt dem zu, verweist aber auch darauf, dass seine Geschichte ganz anders verlaufen wäre, wäre Hoffenheim im Frühjahr 2016 abgestiegen. Und die Kollegen seien aufgrund ihrer Qualitäten berufen worden - und nicht wegen ihm, betont er.

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Aber Hoffenheim ist dank dieses mutigen Trainers namens Nagelsmann nicht abgestiegen und hat nun ein Pflichtspiel an der Anfield Road in seiner Visitenkarte stehen. Die Mehrfachbelastung in dieser Saison ist die große Herausforderung im zweiten vollen Bundesligajahr für Nagelsmann. Und nur drei Tage nach dem bislang größten Spiel der Vereinsgeschichte in Liverpool steht nun in Leverkusen der erste große Belastungs-Stresstest in der Liga an. (>>> Alle Infos zum Spiel im Matchcenter) Nach diesem 50. Bundesligajubiläum hat Julian Nagelsmann dann wegen der Länderspielpause Zeit zum Durchatmen.

Tobias Schächter