München - Den Hang zur Inszenierung legt Cristiano Ronaldo im Positiven wie im Negativen an den Tag. Freistöße, Torjubel, Siege - das alles zelebriert der Angreifer von Real Madrid in unnachahmlicher Manier. Doch auch Unzufriedenheit pflegt der Portugiese gerne mit einer Prise zu viel Pathos auszudrücken. Nach vergebenen Chancen schmeißt er die muskelbepackten Arme theatralisch von sich, neigt das Gesicht gen Himmel und schüttelt sein Haupt. So, als müssten höhere Mächte ihm Spiel sein, wenn ausgerechnet ihm etwas misslingt.

Am Dienstagabend wurden die Zuschauer in der Allianz Arena mehrfach Zeugen dieser Pose. Das Hadern des Stars war mit die größte Bestätigung für die Spieler des FC Bayern im Halbfinal-Hinspiel der Champions League. Einen 2:1-Erfolg rangen die Münchner dem Starensemble aus der spanischen Hauptstadt ab - und die Erkenntnis, dass sie an guten Tagen eine der besten Mannschaften in die Knie zwingen können.

"Leidenschaft, Gier, Hunger auf Erfolg"



Während Ronaldo, Iker Casillas und Co. nach Schlusspfiff geknickt in Richtung Kabine schlichen, feierten die Bayern-Spieler mit den Fans die Fortsetzung des Traums: das Erreichen des Endspiels am 19. Mai im eigenen Stadion.

Mario Gomez hatte den FCB in letzter Minute zum Sieg geschossen, sein zwölftes Tor im laufenden Wettbewerb (90.). "Ich habe bis zur letzten Sekunde daran geglaubt, zumal Real die Kräfte ausgegangen sind", sagte der Halbspanier, der Minuten vorher zwei Großchancen vergeben hatte. Gomez wurde für die Mentalität belohnt, die Trainer Jupp Heynckes zuletzt vehement eingefordert hatte.

Der ehemalige Real-Coach freute sich, dass sein Team wieder das zeigte, was es zuletzt gerade in der Bundesliga hatten vermissen lassen: "Leidenschaft, Gier, Hunger auf Erfolg". Heynckes Resümee: "Insgesamt war das sehr verdient, weil wir das Spiel clever und geschickt über die Runden gebracht haben." Ein Stück weit erzwangen die Münchner so in einer ausgeglichenen Partie das Glück. Je vier Schüsse aufs Tor wies die Statistik am Ende aus, mit 54 Prozent Ballbesitz spielten die Münchner sogar häufiger den Ball.

Nur Schweinsteiger fällt ab



Die ordentliche Ausgangsposition haben die Münchner weniger den Künstlern als den Handwerkern im Team zu verdanken. Das spanische Blatt "El Mundo Deportivo" titelte treffend: "Die deutsche Hartnäckigkeit findet seine Belohnung in der 90. Minute". Denn die Defensiv-Arbeiter zogen den Real-Stars den Zahn. Philipp Lahm verleidete auf der rechten Defensivseite von Beginn an Cristiano Ronaldo mit bissiger Zweikampfführung den Abend. Und als der beste Torschütze der Primera Division entnervt die Seite wechselte, gab der dynamische David Alaba den Spielverderber.

Ähnlich kompromisslos agierte die Innenverteidigung um Holger Badstuber. Der überzeugte mit 88 Prozent angekommenen Pässen als passsicherster Akteur auf dem Feld. Davor grenzte Luiz Gustavo nach anfänglichen Problemen mit zunehmender Spieldauer erfolgreicher die Wirkungskreise von Mesut Özil und Angel di Maria ein. Einzig Bastian Schweinsteiger fiel ein wenig ab im Bayern-Kollektiv. Nach langer Verletzungspause fehlen dem Vizekapitän der Münchner noch ein paar Wochen, ehe die gewohnte Dynamik zurück ist. In der 61. Minute wechselte Heynckes den Taktgeber aus.

Ein Fehlpass Schweinsteigers ging auch Reals Spielzug vor dem Ausgleichstreffer voraus. Die Führung durch Franck Ribery (17.) glich Mesut Özil nach Vorarbeit von Ronaldo (53.) aus - die einzige Szene in der sich die FCB-Abwehr schlafmützig präsentierte. Keeper Manuel Neuer hatte die Situation im Eins-gegen-Eins gegen Ronaldo eigentlich schon entschärft.

Özil: "Wir sehen uns in München wieder"



Aus dem Auswärtstor schöpft Real Hoffnung. Ein 1:0 vor heimischem Publikum würde dem Team von Jose Mourinho kommenden Mittwoch zum Finaleinzug genügen. "Es ist ein gefährliches Ergebnis", weiß Thomas Müller (zum Interview). Die Münchner erwartet im Bernabeu eine ähnlich aufgeheizte Atmosphäre wie in der Allianz Arena, wo über 60.000 Bayernfans mit roten Faltzetteln vor Spielbeginn den emotionalen Takt vorgaben.

Dem spanischen Selbstverständnis hat die Pleite in München ohnehin nicht geschadet. Jose Mourinho stellte nach der Partie fest: "Wir sind in einer guten Position, das Finale zu erreichen." Und Mesut Özil, bis zu seiner Auswechslung in der 69. Minute bester Real-Akteur auf dem Rasen, kündigte selbstbewusst an: "Wir sehen uns in München wieder."

Aus der Allianz Arena berichtet Andreas Messmer