München - Ob auf der Sechs, offensiv auf der Außenbahn oder als hängende Spitze: Edgar Prib hat bei Hannover 96 schon so manche Position ausprobiert - und das in gerade einmal vier Spielen. Der 23-Jährige, der in der Sommerpause von der SpVgg Greuther Fürth zu den Niedersachsen wechselte, dient in der noch jungen Saison als das Paradebeispiel für Vielseitigkeit und liegt damit voll im Trend.

"Es ist sehr wichtig geworden, dass man in der Lage ist, nicht nur in Angriff und Abwehr zu arbeiten, sondern auch von den Positionen unabhängig zu arbeiten", sagt Erich Rutemöller im Gespräch mit bundesliga.de. In den Augen des ehemaligen DFB-Trainerausbilders hat der Einsatz von Allroundern aber auch Grenzen: "Man kann einen Arjen Robben zum Beispiel nicht als Innenverteidiger nehmen."

Spezialisten vorne und hinten



Der Niederländer in Diensten des FC Bayern gilt als Spezialist für die rechte offensive Außenbahn und ist somit das Gegenteil eines polyvalenten Spielers wie Prib. Gleiches gilt für klassische Mittelstürmer wie Klaas-Jan Huntelaar oder Sascha Mölders, die sich im gegnerischen Strafraum am wohlsten fühlen.

Auch in der Innenverteidigung finden sich in der Regel die meisten Spezialisten, wobei sich das Anforderungsprofil für diese Position stark gewandelt hat. "Früher waren Innenverteidiger im Grunde nur Zerstörer und Balleroberer", sagt Rutemöller. "Heute müssen sie aber auch Spielmacher sein, Ideen haben. Da erwartet man heutzutage einfach ein viel breiteres taktisches Können."

Doch auch unter den Innenverteidigern gibt es Akteure mit einem polyvalenten Background. Dortmunds Mats Hummels kann auch vor der Abwehr agieren, Freiburgs Matthias Ginter war in der Jugend meist im offensiven Mittelfeld zuhause.

Flexible Flügelspieler



"Es ist ganz wichtig, dass man mehrere Positionen verstehen und spielen kann", sagt Ginter gegenüber bundesliga.de. "Jetzt als Innenverteidiger hilft mir das, weil ich mich in die Rolle des anderen besser hineinversetzen kann." Der 19 Jahre alte Freiburger bezeichnet mittlerweile das Abwehrzentrum als seine Lieblingsposition und hat sich dort festgespielt. Eine ähnliche Entwicklung hat Kevin Großkreutz bei Borussia Dortmund durchlaufen. Aufgrund des längeren Ausfalls von Lukasz Piszczek ist der einstige offensive Flügelspieler derzeit als rechter Außenverteidiger gesetzt.

Sein Trainer Jürgen Klopp bezeichnete Großkreutz in der Vorbereitung als "taktisches Genie", das überall spielen könne. "Wir denken nicht darüber nach, ob Kevin das spielen kann - wir wissen, dass er es kann", sagte Klopp. Großkreutz' Vielseitigkeit auf der offensiven und defensiven Außenbahn ist beileibe kein Einzelfall: Spieler wie Christian Pander, Konstantin Rausch oder Jonathan Schmid tauschen regelmäßig die Rollen zwischen Außenverteidigung und offensivem Flügelspieler.

Rotation nicht jedermanns Sache



Doch nicht jeder fühlt sich wohl bei Positionsrochaden. So kam Pep Guardiolas Versuch, Philipp Lahm von der Abwehr ins Mittelfeld zu ziehen beim "Leidtragenden" in der Vorbereitung nicht so gut an: "Ich habe meine größten Stärken als Rechtsverteidiger. Wenn alle Mittelfeldspieler bei uns fit sind, haben wir auf dieser Position bessere Spieler", sagte Lahm. Was keineswegs heißt, dass der Bayern-Kapitän diese Rolle nicht ebenso auf höchstem Niveau ausüben kann - schließlich verfügt Lahm über das nötige Maß an Spielintelligenz und Technik.

Nahezu alle Trainer verlangen heutzutage ein hohes Maß an taktischem Verständnis von ihren Spielern. Der Mainzer Thomas Tuchel zum Beispiel ist bekannt dafür, seine Taktik nahezu wöchentlich zu wechseln. Fast alle Mittelfeldspieler agierten in der noch jungen Saison schon in verschiedenen Rollen - der eigentlich defensive Christoph Moritz gab sogar zwei Mal den "Auswärts-Zehner".

Die Nachteile der Vielseitigkeit



Auch Hannovers Vorbild-Multitasker Prib verfügt über Eigenschaften, die ihn zu einem kompletten Fußballer machen: Er ist läuferisch sehr stark, technisch gut ausgebildet, ballsicher. Außerdem weiß Prib mit gutem Spielverständnis zu überzeugen und hat vor dem Tor seine Abschlussqualitäten im vergangenen Heimspiel gegen Mainz mit einem Treffer ebenfalls erfolgreich unter Beweis gestellt. Er selbst sieht seine Vielseitigkeit als Vorteil. "Ich habe viel gelernt und bin für den Gegner nicht so leicht auszurechnen", sagte Prib der "Bild".

Die Nachteile liegen allerdings auf der Hand: Ein echter Spielmacher ist Prib nicht - in der Vorsaison bereitete er nur ein Tor vor. Für einen echten Flügelspieler ist eine erfolgreiche Flanke in der Saison 2012/13 ebenfalls zu wenig. Und mit nur 47 Prozent gewonnener Defensivzweikämpfe in der vergangenen Spielzeit geht er auch schwer als echter Sechser durch.

Spieler wie Prib, Markus Feulner oder Marco Höger sind aus Sicht der Trainer ob ihrer Flexibilität die Wunschspieler schlechthin. Doch einen echten Stammplatz auf einer festen Position hat keiner der Genannten. Um für alle Fälle gewappnet zu sein, muss man es wohl wie Freiburgs Ginter machen - er stand in der D-Jugend sogar mal im Tor.

Maximilian Lotz