Dortmund - Lange Jahre war Sebastian Kehl Kapitän von Borussia Dortmund, ging voran, hielt den Laden zusammen. Die Binde hat er in seiner letzten Spielzeit abgegeben, aber seiner Mannschaft könnte er jetzt den vielleicht entscheidenden Schub für den Saisonendspurt gegeben haben.

Sein Tor gegen Hoffenheim, das der Borussia das Halbfinale im DFB-Pokal beschert hat, war Stimmungsaufheller, Belohnung für kollektiven Kampfgeist und Zeichen für schwarz-gelbe Leidenschaft gleichermaßen.

Dortmund hat wieder Platz für Träume

Als sein Schuss nach 107 Minuten Pokalfight aus 25 Metern wie ein Strich im Tor der Gäste eingeschlug, gab es kein Halten (Infografik: Das Traumtor von Sebastian Kehl). Und die schwarz-gelbe Jubeltraube, unter der ganz unten irgendwo Sebastian Kehl lag, war auch eine Befreiung. Endlich wieder ein Erfolgserlebnis, endlich wieder eine Partie, die Mannschaft und Fans zusammenschweißt. Und endlich wieder Platz zum Träumen (Galerie: Der Kehl-Kracher in Bildern).

Der Druck der letzten Wochen, das Aus in der Champions League, die Niederlage gegen den FC Bayern - irgendwie war alles plötzlich weit weg. Stattdessen pure Freude und jede Menge Erleichterung. "Wir hatten noch nicht so viele positive Ausreißer in dieser Saison, wo man sagt: Das ist so richtig geil. Das war mal so ein Abend. Das tut uns allen gut", brachte es Jürgen Klopp auf den Punkt. Schon unmittelbar nach dem Tor hatte der Trainer vor Sebastian Kehl die Kappe gezogen hatte. Ein Zeichen der Anerkennung und wohl auch ein großes Stück Dankbarkeit.

Dabei hatte Klopp selbst auch seinen Teil zu diesem denkwürdigen Abend beigetragen, der in den Saison-Rückblick vielleicht als Schlüsselspiel eingehen wird. Mutlos und verkrampft hatte sich seine Elf nach der Hoffenheimer Führung präsentiert, die Stimmung auf den Rängen waberte zwischen Trostlosigkeit und Frustration. Aber der Coach fand die richtigen Worte, appellierte in der Pause an die Ehre seiner Spieler. "Ich habe der Mannschaft in der Halbzeit gesagt: Ihr alle könnt jetzt entscheiden, wie sich Neven heute Abend fühlt." Der Innenverteidiger hatte zwar erst getroffen, dann aber gegen Firmino übel gepatzt.

Emotion und Leidenschaft führen zum Erfolg

Was die Zuschauer dann erlebten, war für Jürgen Klopp schlicht "eine geile Reaktion". Und für die Fans im Stadion so etwas wie die Auferstehung ihrer alten, geliebten Borussia. Auf einmal war wieder jene Leidenschaft zu spüren, die man in dieser Saison so oft vermisst hatte. Jene Emotion, die es für einen erfolgreichen Dortmunder Vollgasfußball einfach braucht. Kann der BVB beides konservieren und mitnehmen in den Endspurt dieser Spielzeit, könnte am Ende tatsächlich noch ein Happy End stehen.

Diese Dortmunder Borussia rannte und kämpfte wieder, kombinierte ansehnlich, machte Tempo, hatte mächtig Zug zum Tor und suchte mit Nachdruck den Abschluss. Und das alles ohne zwei der vermeintlichen Leistungsträger, nachdem Marco Reus und Mats Hummels verletzungsbedingt kurzfristig hatten passen müssen.

Für das BVB-Spiel war das an diesem Abend kein Verlust, weil die Mannschaft sich als Kollektiv präsentierte, einer für den anderen lief und alle zusammen das große Ziel Berlin lebten. Und weil Jürgen Klopp trotz aller Ausfälle personell auch neue Möglichkeiten hat. Erik Durm hatte zuletzt Mitte Dezember auf dem Platz gestanden, feierte auf der rechten Außenbahn aber ein Comeback nach Maß. Mit seinen schnellen Vorstößen sorgte er häufig für Gefahr und bereitete auch den zwischenzeitlichen Ausgleich vor.

"Diese 120 Minuten können Kräfte freisetzen"

Wie weit das erlösende Tor von Kehl und der Einzug ins Pokal-Halbfinale den BVB jetzt tragen können, muss sich noch zeigen. Dass es auf jeden Fall ein großer Schritt in Sachen Selbstvertrauen war, steht auch für den Routinier fest. "Die Phase im Moment ist nicht so einfach. Auch nach dem Spiel am letzten Wochenende gegen die Bayern gab es wieder Kritik. Daher war das jetzt für die Mannschaft sehr wichtig." Und vielleicht war es gerade die Dramaturgie dieser Begegnung, die den Dortmundern den Weg zurück zu mehr Sicherheit und neuer Leidenschaft ebnet (Interview mit Sebastian Kehl: "Noch einmal den Pokal hochrecken").

Zum dritten Mal in vier Jahren steht der Revierklub unter den letzten vier Teams im DFB-Pokal, könnte den Triumph von 2012 in Berlin wiederholen. Ein Titelgewinn, der zugleich die sichere Teilnahme an der Europa League bedeuten würde. Aber auch in der Bundesliga ist die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb noch immer in Reichweite. Dazu könnte es freilich nicht schaden, auch am Samstag bei Borussia Mönchengladbach zu punkten. Sorgen um die Fitness seiner Jungs macht sich Jürgen Klopp vor dem Duell auch nach dem intensiven Pokalfight jedenfalls keine: "Diese 120 Minuten können auch Kräfte freisetzen."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte