München - Mehr als zwei Jahre lang konnte Leon Andreasen seinen Beruf nicht ausüben, war verschwunden von der Bühne Fußball, völlig verschwunden. 28 Monate lang pendelte der 29-Jährige von einem Arzt zum nächsten, musste insgesamt sieben Operationen durchstehen.

Seit August ist der Däne wieder da - feierte sein Comeback in der Europa-League-Qualifikation gegen St. Patrick's Athletic und ist seitdem aus der Mannschaft von Hannover 96 nicht mehr wegzudenken. Und das, obwohl lange auf der Kippe stand, ob Andreasen seine Karriere überhaupt würde fortsetzen können.

Traum-Comeback



Trainer Mirko Slomka und Sportdirektor Jörg Schmadtke schenkten ihm das Vertrauen. Andreasen erhielt im Sommer einen leistungsorientierten Vertrag bis 2013, kehrte zurück. Und wie. In allen sieben Pflichtspielen der laufenden Saison stand der Däne in der Startelf und erzielte obendrein fünf Tore. Zum Vergleich: Vor seiner "zweiten" Karriere traf er in über 120 Partien für Fulham, Mainz, Bremen, Hannover und die dänische Nationalmannschaft nur zehn Mal.

Vom Dauerverletzten zum Leistungsträger: Eine Geschichte, die fast zu schön ist, um wahr zu sein. Doch Slomka und Schmadtke haben sie wahr werden lassen. Anstatt den einfachen Weg zu gehen, also Andreasen abzugeben und durch einen Neuzugang zu ersetzen, bauten sie auf ihn.

Vielleicht deshalb, weil das Duo selbst weiß, dass manche Dinge Zeit brauchen. Seit 19. Januar 2010 arbeiten die beiden Seite an Seite. Damals installierte der abstiegsgefährdete Club - schon mit Schmadtke als Manager - Slomka als Trainer. Wie sich herausgestellt hat, eine richtige Entscheidung: Am letzten Spieltag der Saison 2009/10 machten die 96er den Klassenerhalt perfekt.

Perfekter Start in die Saison



Seitdem konnte Slomka in Ruhe arbeiten, formte eine geschlossene, funktionierende Mannschaft mit altbewährten Namen wie Schlaudraff, Cherundolo und da Silva Pinto sowie den Neuzugängen Stindl, Abdellaoue und dem mittlerweile nach Wolfsburg abgewanderten Pogatetz. Innerhalb von zwei Jahren mauserten sich die Niedersachsen vom Abstiegskandidaten zum Europa-League-Teilnehmer.

Die ersten Auftritte in der laufenden Saison nähren die Hoffnung, dass die Erfolgsgeschichte weitergeht. Mit sechs Siegen aus den ersten sieben Pflichtspielen startete Hannover nahezu perfekt in die Bundesliga-Jubiläumssaison. Neben dem gefühlten Neuzugang Andreasen schlug auch Szabolcs Huszti richtig gut ein. Der Ungar fungiert als kreative Schaltzentrale, legte gegen den VfL Wolfsburg vier (!) Tore auf.

Felipe sorgt in der Innenverteidigung für Stabilität, Rechtsverteidiger Hiroki Sakai ist der perfekte Back-up für Steven Cherundolo. Und selbst Artur Sobiech, der in der letzten Saison über ein Reservistendasein nicht hinauskam, strotzt vor Selbstvertrauen und trifft - vier Tore hat er schon auf dem Konto. Slomka hat den Kader punktuell verstärkt. Die Integration der Neuen ist gelungen, ein Rädchen greift ins andere. Sportlich wie charakterlich. Wie gut die Mannschaft schon zu einem so frühen Zeitpunkt der Saison funktioniert, überrascht selbst die Protagonisten.

Lange Leidenszeit



"Es war mein Ziel, den alten Leon wiederzufinden. Aber ich hätte nicht geglaubt, dass es so schnell geht", freut sich Andreasen. Die Misere begann im Frühjahr 2010, als er mit Hannover 96 mitten im Abstiegskampf steckte. Den Mittelfeldspieler plagten Schmerzen in der Leiste, trotzdem lief er weiter für die "Roten" auf. Nach einem 0:0 beim Hamburger SV ging nichts mehr. Andreasen ließ sich mehrfach operieren.

Doch seine Schmerzen verringerten sich nicht, der Fall wurde zum Rätsel. Erst im September vergangenen Jahres sah der Däne ein Licht am Ende des Tunnels. Ein Arzt in Kopenhagen entfernte Narbengewebe, das auf einen Muskel drückte und die Schmerzen verursacht hatte.

Von da an ging es aufwärts, Andreasen trainierte zunächst bei der zweiten Mannschaft mit, bis er im Sommer wieder zu den Profis zurückkehrte. Mittlerweile fällt sein Name sogar wieder in Zusammenhang mit der dänischen Nationalmannschaft. Doch für die kommenden Qualifikationsspiele hat Trainer Morten Olsen noch auf eine Nominierung Andreasens verzichtet. Das wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein.

David Schmidt