Poznan - Giovanni Trapattoni sprach wie eine Flasche leer. Ein bisschen Schiedsrichter-Schelte, ein paar Durchhalteparolen, und ganz viel Ratlosigkeit - viel mehr hatte der neue EM-Trainermethusalem nach dem 1:3 (1:2) der irischen Nationalmannschaft im Auftaktspiel gegen Kroatien nicht zu bieten. "Wir müssen sehr viel nachdenken", sagte der Mister.

Doch angesichts der kommenden Gegner Spanien und Italien hat "Trap" fast schon fertig.

Ältester Trainer der EM-Geschichte



Die heimische Presse hat die "Boys in Green" bereits so gut wie abgeschrieben. "In ein paar Tagen kann schon alles vorbei sein", klagte "The Irish Independent" mit Blick auf das nächste Spiel in der Gruppe C am Donnerstag in Gdansk gegen Weltmeister und Titelverteidiger Spanien (20:
45 Uhr). Und für den "Irish Examiner" war die Pleite gegen die Kroaten "ein Albtraum in Posen", bei dem die irischen Hoffnungen "in Rauch" aufgingen.

Dabei hätte es Trapattonis großer Tag werden sollen. Schließlich löste der Italiener (73 Jahre, 85 Tage) den ehemaligen Bundesliga-Coach Otto Baric aus Kroatien (71 Jahre, zwei Tage) als ältesten Trainer der EM-Geschichte ab. Doch die Profis, die zuvor in 14 Partien ungeschlagen waren, ließen ihren Coach im Stich. Vor 39.550 Zuschauern im ausverkauften städtischen Stadion sahen die Iren bei ihrem ersten EM-Spiel seit 24 Jahren noch älter aus als Trapattoni. Erstmals kassierte das Nationalteam bei einem Turnier drei Gegentore - für den Defensiv-Fanatiker Trapattoni eine mittlere Katastrophe.

"Wir waren zuletzt sehr viel besser, vor allem in der Abwehr. Da müssen wir wieder hin. Drei Gegentore, das darf nicht wahr sein", sagte der Coach. Die Verzweiflung über die schwache Abwehrleistung war Trapattoni schon während der Partie anzumerken. Ständig führte "Il Tedesco" (der Deutsche) Selbstgespräche an der Seitenlinie. Dass Trapattoni nach einem unabsichtlichen Zusammenprall mit dem kroatischen Matchwinner Mario Mandzukic auch noch vor der Trainerbank zu Boden ging, passte perfekt ins traurige Bild. (XL-Galerie: Die besten Bilder der Gruppe C)

"Es ist noch nicht vorbei"



Auch lange nach dem Abpfiff machte Trapattoni noch einen angeschlagenen Eindruck. Viel mehr als Phrasen hatte der Maestro nicht auf Lager. "Es ist noch nicht vorbei. Wir müssen an uns und unsere Stärken glauben. Alles kann passieren. Die Spanier und die Italiener haben nach ihrem Remis auch nur einen Punkt mehr als wir", sagte der Coach, der noch nicht über personelle Änderungen sprechen wollte: "Wichtig ist jetzt zunächst die psychologische Arbeit. Wir müssen Selbstvertrauen zuückgewinnen."

Mit der Aufbauarbeit hatte Trapattoni schon zuvor begonnen. Um seine Schützlinge ein wenig in Schutz zu nehmen, gab er Schiedsrichter Björn Kuipers (Niederlande) eine Teilschuld an der Niederlage. Torschütze Nikica Jelavic habe beim zweiten Treffer der Kroaten (43.) im Abseits gestanden, zudem hätte der Referee nach einem Foul des Frankfurters Gordon Schildenfeld am irischen Kapitän Robbie Keane (63.) auf Strafstoß entscheiden müssen. Recht hatte Trapattoni aber nur hinichtlich des nicht gegebenen Elfmeters.

"Blöde Gegentore"



Immerhin gestand der Fußball-Opa ein, dass der Sieg der Kroaten "verdient" war. "Sie waren vor allem im Mittelfeld besser als wir", sagte Trapattoni, der nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich durch Sean St. Ledger (19.) kurz auf einen erfolgreichen EM-Auftakt hoffen durfte. "Wir hätten etwas holen können, wenn wir keine blöden Gegentore bekommen hätten - das ist untypisch für uns", sagte der Torschütze.

Mit diesen "blöden Gegentoren" meinte St. Ledger die beiden Kopfballtreffer des Wolfsburgers Mandzukis (3. und 48.). Der erste Treffer nach 2:38 Minuten war der sechstschnellste in der EM-Gechichte. Der schnellste ist für den Russen Dmitri Kiritschenko notiert, der 2004 beim 2:1 gegen Griechenland nach 67 Sekunden traf.