Zehn Kilometer vom DFB-Trainingsquartier tobt der sizilianische Karneval, von dem bunten und bizarren Treiben in der Altstadt von Sciacca bekommt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft aber so gut wie nichts mit.

"Wir haben davon gehört, aber wir haben andere Prioritäten", sagte Joachim Löws Assistenztrainer Hansi Flick am Samstag (15. Mai) nach der ersten Trainingseinheit des Vize-Europameisters auf der Mittelmeerinsel.

Kondition statt Ball

Zwar standen zunächst nur die 15 mitgereisten Profis aus dem 27-köpfigen vorläufigen WM-Kader bei zwei Trainingseinheiten auf dem extra für den dreimaligen Weltmeister angelegten Rasenplatz inmitten einer exklusiven Golfanlage, den Ball bekamen Lukas Podolski und Co. aber noch nicht zu sehen. "Aufgrund der Witterung mit Regengüssen und viel Wind haben wir entschieden, erst am Sonntag mit dem Ball zu arbeiten", äußerte Flick.

Ausdauertraining und individuelle Fitnessübungen standen stattdessen zunächst auf dem Programm, bevor spieltaktische Dinge in den Übungsbetrieb einfließen sollen. Zwei Einheiten am Tag sind vorgesehen. "Wir sorgen dafür, dass die Männer ihren Frauen nicht zu sehr auf die Nerven gehen, die besseren Hälften haben ausreichend Zeit für ein Damenprogramm", hatte Bundestrainer Löw am Freitagabend nach der Landung in Palermo und der ersten Fitnesseinheit im noblen Verdura Golf und Spa Resort bei einem Cocktailempfang angekündigt.

Computer-Stimme gibt den Takt vor

Während die Partnerinnen der Spieler einen Yoga-Kurs absolvierten und der Nachwuchs im Kids-Bereich betreut wurde, machten sich Löws WM-Kandidaten unter Anleitung der beiden Fitness-Spezialisten Shad Forsythe und Mark Verstegen mit der neuen Hightech-Maschine Mi-Coach vertraut.

Das Wunderwerk der Technik weist die Spieler anhand der eingegebenen Daten ähnlich wie bei einem Navigationssystem an. "Über Kopfhörer erfahren die Spieler von einer netten Damenstimme, was sie machen müssen. Tempo steigern, langsamer treten und so weiter", erklärte Flick die Eigenschaften dieses neu entwickelten Fitnessgerätes, das von der DFB-Auswahl erstmals benutzt wird.

Die Fitness-Daten jeder einzelner Spieler sind die Grundlage für dieses maßgeschneiderte Aufbauprogramm. In diesem Zusammenhang lobte Flick noch einmal die hervorragende Zusammenarbeit mit den Bundesliga-Clubs: "Man hört ja immer, dass es zwischen der Liga und der Nationalmannschaft atmosphärische Störungen gibt. Davon kann aber keine Rede sein. Da wir im April nicht mehr den vorgesehenen Fitnesstest absolvieren konnten, haben uns die Vereine vorbildich unterstützt und uns die Daten ihrer Nationalspieler zur Verfügung gestellt." Auch der US-amerikanische Fitness-Guru Forsythe, der seit eineinhalb Jahren in Deutschland lebt und zu allen Bundesliga-Clubs beste Kontakte pflegt, stellte das enge Miteinander als "vorbildlich" heraus.

Ballack und Bremer kommen erst Montag

Neben der Arbeit soll in dem nicht weit vom Strand gelegenen DFB-Camp, das auch von einigen wohlhabenden Touristen bewohnt wird, aber auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Tischtennis-Turniere, Basketball, einige Ausflüge in die Umgebung und weitere Events stehen bis kommenden Freitag auf dem Programm.

Ab Montag werden auch Kapitän Michael Ballack vom FC Chelsea und die vier Profis vom Pokalfinalisten Werder Bremen an den vielfältigen Aktivitäten teilnehmen. Die sieben Bayern-Stars reisen erst am 24. Mai, zwei Tage nach dem Champions-League-Finale der Münchner in Madrid gegen Inter Mailand, ins zweite Trainingslager der deutschen Mannschaft nach Südtirol nach.

Ihre Kollegen verfolgten die Bayern und die Bremer am Samstagabend ganz besonders. Denn das DFB-Pokal-Finale, das auf einer großen Leinwand live übertragen wurde, zählte für die Nationalspieler zum Pflichtprogramm. Einige Damen zogen aber den Karneval vor, der wegen eines Erdrutsches in Sciacca im Februar ausnahmsweise auf den Mai verschoben worden war.