Hannover - "Deutscher Meister wird nur der BVB, nur der BVB!" Nach dem entscheidenden Treffer von Pierre-Emerick Aubameyang zum 4:2-Endstand, der die 400. Niederlage von Hannover 96 in der Bundesliga besiegelte, gab es in der schwarzgelben Kurve kein Halten mehr.

Nach einem Jahr der Leiden mit der versöhnlichen Last-Minute-Qualifikation für die Europa League träumen die Fans wieder von glorreichen Champions-League-Zeiten und sehen ihren BVB wieder als Bayern-Jäger Nummer eins. Aktuell sind die Borussen sogar die Gejagten an der Tabellenspitze. Niemals zuvor in 53 Jahren Bundesliga gelang einem Club ein Start mit vier Siegen in Folge und 15:3 Toren. Zwar startete der Rivale aus München auch schon zweimal mit vier Siegen und der Tordifferenz von plus zwölf, aber bei dieser Tordifferenz 15 Tore in vier siegreichen Spielen sind noch keinem Club gelungen.

BVB vor dem Tor effektiver

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Die Offensive ist das Prunkstück der Borussia 2015/16. 68 Mal prüften die Schwarz-Gelben unter Neu-Trainer Thomas Tuchel in den ersten 360 Minuten der Saison den gegnerischen Torwart, ähnlich wie in der Vorsaison unter Jürgen Klopp. Da waren es 67 Torschüsse zum gleichen Zeitpunkt.

Der Unterschied: Unter Klopp benötigten die Dortmunder elf Versuche für ein Tor, aktuell ist jeder fünfte Schuss ein Treffer. Aubameyang traf bereits fünf Mal, viermal mehr als nach vier Spieltagen der Vorsaison. Und Henrikh Mkhitaryan blüht unter Tuchel richtig auf. Nicht nur den Ausfall von Marco Reus macht der 26-Jährige vergessen, sondern auch vor dem Tor strahlt er mehr Gefahr aus. Dreimal schlug der Armenier schon zu, so oft wie in der gesamten Spielzeit 2014/15.

Ginter blüht auf Außen auf

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Überhaupt werfen den BVB Verletzungen offensichtlich nicht zurück. Das Fehlen der Leistungsträger Reus und Nuri Sahin fielen in Hannover nicht weiter ins Gewicht. Und fehlen beide rechte Außenverteidiger, zaubert Tuchel eine Lösung aus dem Hut.

"Nach den Ausfällen von Lukasz Piszczek und Erik Durm habe ich ihn gefragt, ob er sich das vorstellen könnte, und er hat Ja gesagt", beschreibt Tuchel seinen Schachzug, Matthias Ginter nach Außen zu versetzen. Der gelernte Innenverteidiger füllt die Lücke mit Bravour. Bereits drei Tore bereitete der etatmäßige Innenverteidiger vor, so viele wie kein Außenverteidiger in der Bundesliga.

"In der Defensive gibt es noch etwas zu verbessern"

An dem Ex-Freiburger selbst liegt es nicht, dass die BVB-Profis selbst nach acht Gegentreffern in den letzten fünf Pflichtspielen im Spiel nach Hinten noch Potenzial nach oben sehen. Mats Hummels, mit 87 Prozent gewonnener Duelle Top-Zweikämpfer in Hannover, gestand einen Fehler vor dem 2:2 durch Artur Sobiech ein. "Den Ball muss ich haben", so der Weltmeister selbstkritisch, "da müssen wir noch einen Tick stabiler werden."

Das sieht auch Roman Bürki so. "In der Defensive gibt es noch etwas zu verbessern", so der BVB-Keeper nach dem Spiel in Hannover. Den Schweizer ärgerte besonders, dass die Gastgeber ihren ersten Angriff nach bereits 18 gespielten Minuten mit einem Treffer krönten. "Das darf nicht passieren, wenn man die Partie so überlegen gestaltet."

Dortmunder auf Rekordjagd

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So lange die Angreifer aber einen Treffer mehr erzielen als der Gegner, kann der BVB noch so einige Bundesliga-Rekorde verbessern. Auch wenn Bestmarken wie 19 Siege in Folge noch in weiter Ferne liegen, auf dem Weg zum Liga-Startrekord von Jupp Heynckes, der 2012/13 acht Dreier in Folge mit dem FC Bayern einfuhr, haben die Borussen schon den halben Weg zurückgelegt.

Und statistisch liegen die Borussen auf Kurs Torrekord. Treffen sie weiter wie bisher, würden sie mit 127 Treffern den Rekord der Bayern (101 Saisontore) pulverisieren. Rekorde, die die Anhänger sicher erfreuen würden, ihnen aktuell aber egal sind.

Denn schon vier Siege in Folge zum Saisonauftakt verleiten zum träumen. In die Spielzeit 2001/02 starteten die Schwarz-Gelben ebenfalls mit vier Siegen. Am Ende feierten sie rund um den Borsigplatz den sechsten Meistertitel der Vereinsgeschichte.

Aus Hannover berichtet Jürgen Blöhs