bundesliga.de hat die 100 aktivsten Spieler der Bundesliga gekürt. Im zweiten Teil des Interviews spricht Erik Meijer über Anspruch und Wirklichkeit bei Bayer 04 Leverkusen, den Lauf von Hannover 96 und welchen Wert Statistiken für Spieler und Trainer haben.

bundesliga.de: Bayer 04 Leverkusen ist die drittaktivste Mannschaft der Bundesliga. Der hohe Aufwand spiegelt sich aber nicht im Ertrag wieder.

Meijer: Das liegt daran, dass Stefan Kießling seiner Stärken beraubt wird. Unter anderem, weil die anderen drei Stürmer – Son, Bellarabi und Calhanoglu – auch ein großes Ego haben und den persönlichen Erfolg suchen. Kießling musste deshalb seine Spielart ändern, noch mannschaftsdienlicher spielen. Er weicht immer wieder ins Mittelfeld aus, kommt daher nicht rechtzeitig in die Sturmspitze, um seine Tore zu machen. Das System von Roger Schmidt verlangt sehr viel von ihm. Dabei ist Stefan weiterhin einer der wertvollsten Spieler im Leverkusener Spiel und wird auch seine Tore wieder machen. Schmidt sucht noch die richtige Mischung im System, hat zuletzt ja auch etwas defensiver spielen lassen.

"Hannover ist wie eine Maus, die Käse klaut"

bundesliga.de: Beim Hamburger SV sind auch viele sehr aktive Spieler. Wieso hat die Mannschaft dennoch wenig Erfolg?

Meijer: Weil beim HSV viel zu viele gleiche Spielertypen sind. Hamburg hat keine Vereins- sondern nur eine Trainerphilosophie. Beim HSV durfte sich in letzter Zeit jeder Trainer seine 5-6 Spieler holen. Logisch, dass das nicht funktioniert. Ich hoffe, dass Vorstandsvorsitzender Dietmar Beiersdorfer im Winter einige Spieler los wird und dann Schritt für Schritt eine passende Mannschaft aufbaut. Damit der HSV dahin zurückkehrt wo er hin gehört.

bundesliga.de: Das komplette Gegenbeispiel ist Hannover 96. Die Niedersachsen sind nicht sonderlich „aktiv“ aber trotzdem Tabellenvierter. Ist das eine bewusste Taktik von Coach Tayfun Korkut?

Meijer: Hannover hat eine komplett unauffällige Mannschaft, da ist kein Spieler, der das Team trägt oder heraus sticht. Gegen so einen Gegner spielt man total ungern, weil man nicht weiß, auf wen man achten, wen man ausschalten muss. Hannovers Stärke liegt im Nicht-Auffallen. So wie eine Maus, die heimlich den Käse klaut. Wenn genug Käse da ist und die Katze nicht aufpasst, kann die Maus sehr erfolgreich sein.

"Daum hat unsere Werte an die Wand gehängt"

bundesliga.de: Was halten Sie grundsätzlich von den vielen neuen Statistiken, die rund um den Fußball geführt werden?

Meijer: Ich setze diese Statistiken ja auch für meine Analysen bei Sky ein. Das sind die Fakten, sie können Trends aufzeigen. Aber es sind nur Zahlen. Man muss auch die tägliche Trainingsarbeit und die Umsetzung auf dem Platz sehen. Wenn etwa ein Spieler einen schlechten Laktatwert hat, dann aber solche Leistungen bringt wie Xabi Alonso, dann ist der Laktatwert egal. Auch Ballbesitz interessiert nicht, wenn man ausgekontert wird. Eine super Zweikampfbilanz bringt nichts, wenn man den entscheidenden Zweikampf verliert. Am Ende zählen nur die Punkte

bundesliga.de: Wie interessant sind diese Statistiken denn für die tägliche Arbeit der Trainer?

Meijer: Natürlich sind bestimmte Statistiken für die Trainer gute Indizien, wo es noch Verbesserungspotenzial gibt, wo Schwächen liegen. Aber kein Trainer setzt einen Spieler nicht ein, weil dessen Zweikampfquote drei Prozent zu schlecht ist. Es kommt ja auch auf die Spielweise eines Spielers und was am Ende dabei heraus kommt an. Der eine spielt 100 Pässe an den Mann, aber alle über fünf Meter. Der andere spielt 20 Risikopässe, 19 gehen ins Nirvana – aber mit dem einen bereitet er das Tor vor.

bundesliga.de: Und wie gehen die Spieler mit diesen Zahlen um?

Meijer: Ich erinnere mich noch an meine Zeit in Leverkusen. Da hat Trainer Christoph Daum immer die Laktatwerte und Sprintzeiten von allen ausgehängt. Die hast du dir als Spieler angeschaut, dich verglichen und auch deine Scherze gemacht. Und natürlich wolltest du deine Werte verbessern, wenn du schlecht warst. Diese Trotzreaktion ist sicherlich von den Trainern auch gewollt.

Das Interview führte Tobias Schild

Erik Meijer

Der Niederländer arbeitet heute unter anderem als Experte für Sky. Zwischen 1995 und 2006 bestritt Meijer 174 Bundesliga-Spiele (38 Tore) für KFC Uerdingen, Bayer 04 Leverkusen und den Hamburger SV sowie 86 Begegnungen (19 Tore) in der 2. Bundesliga für Alemannia Aachen.

Lesen Sie auch den ersten Teil des Interviews mit Erik Meijer