Köln - Neben Dortmund gegen Schalke zählt Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln wohl zu den spektakulärsten Derbys in Deutschland. Vor der Partie am Samstag (ab 15 Uhr im Liveticker) im Borussia Park sprechen Kölns Jonas Hector und Gladbachs Tony Jantschke im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Bedeutung dieser Partie für Fans, aber auch Spieler, über den Wert von Statistiken und über Berufungen in die Nationalmannschaft.

bundesliga.de: Herr Hector, Herr Jantschke, es gibt im deutschen Fußball viele traditionsreiche Derbys (zur Derby-Sonderseite) wie BVB gegen Schalke, Fürth gegen Nürnberg, Bayern München gegen 1860, um nur einige zu nennen. Wo auf der Derby-Skala sehen Sie die Partie des 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach?

Jonas Hector: Für das Rheinland ist das Duell des 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach sicherlich das höchste der Gefühle. Natürlich kennt man die anderen Derbys auch, aber für unsere Fans ist es das Spiel des Jahres.

Tony Jantschke: Projiziert man "Derby" auf die Bundesliga, ist Gladbach gegen Köln wohl weit vorne, wenn nicht sogar ganz vorn. In dieser Güteklasse und von diesem Charakter gibt es in Deutschland sonst wohl nur noch Dortmund gegen Schalke.

"Spiel wie jedes andere - mit etwas mehr Wirbel drum herum"

bundesliga.de: Für viele Fans ist Tradition das höchste Gut. Was bedeutet einem Profi, der vielleicht in zwei, drei Jahren schon weiter gezogen sein könnte, diese Tradition?

Hector: Ich kann nur für den 1. FC Köln sprechen. Hier ist sich jeder der großen Tradition des Klubs bewusst, und die Fans können zu Recht stolz auf diese Tradition sein. In diesem Zusammenhang war auch unser klares Ziel zu sehen, in die Bundesliga aufzusteigen und den FC nun dort zu etablieren.

Jantschke: Tradition ist nicht nur für die Fans, sondern auch für die Vereine selbst ein sehr hohes, schützenswertes Gut. Traditionsvereine haben in der Regel viele Fans, und die garantieren ein volles Stadion. Diese Atmosphäre wiederum macht diese Vereine für viele Profis besonders interessant. Trotzdem ist ein solches Derby für uns Spieler - anders als für die Fans - in aller Regel ein Bundesliga-Spiel wie jedes andere, nur eben mit ein bisschen mehr Wirbel drum herum.

bundesliga.de: Ist man vor einem solchen Derby angespannter als vor einem "normalen" Bundesligaspiel?

Hector: Nein. Etwas Anspannung gehört vor einem Spiel immer dazu. Zu viel Anspannung kann zu Verkrampfung führen. Daher sind die Rahmenbedingungen vor dem Derby vielleicht etwas außergewöhnlich, die Spielvorbereitung läuft bei mir aber genau wie bei jedem anderen Bundesligaspiel ab.

Jantschke: Alles andere wäre schlimm, weil das im Umkehrschluss bedeuten würde, dass andere Bundesligaspiele weniger wichtig sind. Gewinnt man das Derby, verliert aber danach die folgenden zwei Spiele, hat man nur drei Punkte auf der Habenseite. Sollte man das Derby zwar verloren haben, in der Folge aber zweimal gewinnen, sind das nun mal sechs Punkte. Es wäre zwar nett, wenn es für ein Derby wenigstens vier Punkte geben würde, aber das ist nun mal nicht der Fall (lacht).

"Uns belastet die Zielsetzung nicht"

bundesliga.de: Borussia will in den Europapokal, der FC will nicht absteigen. Welche Motivation versetzt Berge, welche belastet eher?

Jantschke: Keine Frage, aktuell ist es ein anderes, ein weit besseres Gefühl als in der Saison 2010/11, in der wir monatelang gegen den Abstieg kämpfen mussten. Heute lässt man sich in brenzligen Situationen nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Wenn ich dagegen an damals zurückdenke, weiß ich noch genau, wie das abgelaufen ist. Das Spiel war kaum angepfiffen, und schon hatten wir einen Gegentreffer kassiert, und man ist regelrecht in sich zusammengesackt. Geraten wir heute in Rückstand, sagen wir uns "Kein Problem, locker bleiben, wir sind stark genug, das aufzuholen".

Hector: Uns belastet die Zielsetzung nicht, da sie realistisch ist.

bundesliga.de: Zuhause schießt der FC kaum Tore. Sind Sie deshalb froh, dass Sie auswärts antreten können?

Hector: Wir haben zuhause schon Tore geschossen und werden es auch in Zukunft wieder. Die Erfolgsquote ist zwar bisher auswärts etwas höher, aber wir spielen auch sehr gerne zuhause vor unserem Publikum und werden sicher bald auch wieder im eigenen Stadion Siege feiern können.

"Die Chancen stehen in jedem Bundesliga-Spiel 50:50 - außer gegen die Bayern"

bundesliga.de: Wie erklären Sie sich eine solche Verkrampfung?

Hector: Die gibt es nicht. Es ist aber kein Geheimnis, dass die Gegner in unserem Stadion anders und eher defensiver auftreten. Bislang haben wir noch nicht die optimale Lösung dafür gefunden, aber wir arbeiten dran.

bundesliga.de: Ganz unverkrampft spielt Borussia zurzeit auch nicht. Großem Aufwand steht zu wenig Ertrag gegenüber, und ein Rückstand konnte auch noch nicht gedreht werden. Welchen Aussagewert haben solche Statistiken für Sie?

Hector: Wir konzentrieren uns auf die eigene Leistung.

Jantschke: Man liest solche Zahlen, hat sie aber eine Minute später schon wieder vergessen. Klar wissen wir, dass der FC nach den Bayern die stärkste Auswärtsmannschaft der Liga stellt. Trotzdem: Die Kölner müssen jetzt in den Borussia Park, in unser Stadion. Und dort haben wir von den vergangenen 14 Spielen lediglich eins verloren. Statistiken sind nett für die Medien und wohl auch für die Fans, weil sie ein Vorgefühl vermitteln, wie es vielleicht laufen könnte. Aber machen wir uns doch nichts vor: Bayern München ausgenommen, stehen die Chancen in jedem Bundesligaspiel 50:50. Alles andere ist doch Quatsch. Die Bundesliga ist eine ganz enge Kiste. Und das macht doch gerade ihre Attraktivität aus.

bundesliga.de: Gibt es aus der Vergangenheit ein rheinisches Derby, sei es als Spieler oder vielleicht auch noch als Fan, das Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?

Hector: Das Spiel in der Hinrunde war mein erstes Spiel im Profi-Bereich gegen Mönchengladbach. Mit der U21 des FC habe ich zwar auch ein paar Mal gegen die zweite Mannschaft der Borussia gespielt, aber in der Bundesliga ist das schon etwas ganz Besonderes. Die Stimmung vor und während des Spiels ist nicht mit anderen Partien zu vergleichen.

Jantschke: Für mich sind fast alle Derbys gegen den FC eine Erinnerung wert. Ich habe mit Borussia eine ganze Reihe dieser Spiele in der Bundesliga erlebt, und meistens war der Ausgang für uns positiv. 2010/11 galten wir schon als so gut wie abgestiegen, konnten mit einem 5:1-Heimsieg gegen den FC aber neue Hoffnung schöpfen – und am Ende hat es bekanntlich noch gereicht. In der Saison darauf haben wir beide Partien mit 3:0 gewonnen, und ich konnte im Borussia Park eines meiner wenigen Tore erzielen. Allerdings will ich nicht verschweigen, dass ich die bisher einzige rote Karte meiner Laufbahn ausgerechnet gegen den FC bekommen habe, damals noch in der B-Jugend.

"Hatten bislang noch nicht sehr viele Berührungspunkte"

bundesliga.de: Auf dem Spielfeld begegnen Sie beide sich eher selten. Was denkt Tony Jantschke über den Außenverteidiger Hector und was Jonas Hector über den Defensiv-Allrounder Jantschke?

Jantschke: Eigentlich äußere ich mich kaum einmal über andere Spieler, ob sie nun Gegner sind oder aus der eigenen Mannschaft kommen. Grundsätzlich ist zu sagen, dass Jonas vielleicht ein wenig offensiver ausgerichtet ist. Selbstverständlich weiß ich auch, dass er Ende vergangenen Jahres Nationalspieler geworden ist. Und diese Tatsache sagt schon eine ganze Menge aus.

Hector: Wir sind zwar ein Jahrgang, hatten bislang aber nicht sehr viele Berührungspunkte. Ich habe ja, anders als Tony, kein Spiel in den U-Nationalmannschaften gemacht. Grundsätzlich finde ich, dass er seit Jahren auf einem sehr hohen Niveau in der Bundesliga spielt. Das ist auf jeden Fall auch eine Zielsetzung für mich.

bundesliga.de: Sie wurden schon nach nur wenigen Bundesliga-Partien Nationalspieler. So sehr Sie sich wohl gefreut haben dürften - kann das auch zu früh kommen?

Hector: Den Zeitpunkt der Nominierung bestimmt ja nicht der Spieler, sondern der Bundestrainer. Ich habe mich jedenfalls wahnsinnig über diese Gelegenheit gefreut, und es ist eine enorme Motivation für mich, weiter hart an mir zu arbeiten.

"Es wird ein packendes Spiel"

bundesliga.de: Tony, Sie sind weit länger Bundesliga-Spieler als Jonas und waren hin und wieder auch schon einmal im Gespräch für das DFB-Team, geklappt hat es aber noch nicht. Schmerzt das?

Jantschke: Selbstverständlich gönne ich Jonas wie auch jedem anderen die Berufung in die Nationalmannschaft. Aber ich glaube auch, dass es menschlich ist, dass man sich hin und wieder die Frage stellt "Hey, könntest du jetzt nicht auch dabei sein?", wenn der eigene Name mal wieder nicht auf der Liste der Nominierten auftaucht. Grundsätzlich sehen das Umfeld und die Presse dieses Thema allerdings sehr viel enger als ich selbst. Ich betone seit Jahren, dass Borussia immer meine Priorität sein wird. Das andere kommt dann schon, oder es kommt eben nicht.

bundesliga.de: Ihr Tipp für Samstag?

Jantschke: Es wird schwer, aber wir wollen auf jeden Fall gewinnen. Wie, das ist dabei gar nicht so entscheidend - obwohl wir schon gerne wieder etwas dominanter auftreten würden als zuletzt gegen Freiburg.

Hector: Es wird sicherlich ein packendes Spiel mit einem für uns zufriedenstellenden Ergebnis.

Interview: Andreas Kötter