Köln - Er war in der vergangenen Saison der große Rückhalt seiner Mannschaft und zählt trotz seiner erst 22 Jahre bereits zu den besten deutschen Schlussleuten. Vor dem Saisonstart beim VfB Stuttgart spricht Torwart Timo Horn vom 1. FC Köln im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die alte Defensiv- und die neue Offensivstärke des FC, über sein schnelles Erwachsenwerden und darüber, warum junge deutsche Keeper nicht zu früh ins Ausland wechseln sollten.

bundesliga.de: Herr Horn, beim 4:0 im Pokal beim SV Meppen hat der 1. FC Köln die schon im Colonia-Cup gezeigte Frühform bestätigt- Ist die Mannschaft bereit für die neue Bundesliga-Saison?

Timo Horn: Ich bin wegen der U21-EM etwas später zur Mannschaft gestoßen, die Jungs hatten die Grundlagen bereits gelegt. Vom ersten Moment an hatte ich den Eindruck, dass wir uns gerade in der Offensive sehr verstärkt haben. Die Stürmer machen uns Torhütern das Leben im Training wirklich sehr schwer. Anthony Modeste, Philipp Hosiner, Bard Finne und Simon Zoller, der nach seiner Rückkehr aus Kaiserslautern deutlich stärker im Abschluss wirkt, haben das eine oder andere Mal dafür gesorgt, dass ich mich mächtig geärgert habe, wenn ich wieder einen Ball aus dem Netz holen musste. (lacht) Nein. Im Ernst, das ist kein Problem, sondern sogar gut, weil mir die Jungs so helfen, dass ich mich weiterentwickele. Und ich gehe davon aus, dass wir das eine oder andere Tor mehr erzielen werden als in der vergangenen Saison.

"Die Defensivleistung der vergangenen Saison bestätigen"

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Defensive nach dem Abgang von Kevin Wimmer?

© imago

Horn: Defensiv sind wir - bis auf den Verlust von Kevin - weitgehend zusammen geblieben. Und mit Dominique Heintz verstehe ich mich ohnehin sehr gut. Wir kennen uns aus der U21 und haben dort viele gemeinsame Spiele bestritten. Auch mit Freddy Sörensen hat die Verständigung in den ersten Testspielen schon hervorragend geklappt. Deshalb mache ich mir überhaupt keine Sorgen, zumal auch Dominic Maroh und Mergim Mavraj zurückkehren und den Konkurrenzkampf noch einmal erhöhen werden. Die sehr gute Defensivleistung der vergangenen Saison wollen wir bestätigen.

bundesliga.de: Damals war die Defensive, immerhin die fünftbeste der Liga, das unbestrittene Schmuckstück...

Horn: Schon in der Aufstiegssaison 2013/14 war unsere Defensive mit nur 20 Gegentreffern top. Diese Leistung konnten wir 2014/15 bestätigen und haben es den Gegnern erneut sehr schwer gemacht, Tore gegen uns zu erzielen. Mag sein, dass wir häufig "nur" 0:0 gespielt und selbst keinen Treffer erzielt haben. Trotzdem war es diese Defensivstärke, die den Unterschied ausgemacht hat zu den Teams, die unten drin standen, während wir mit dem Abstiegskampf nie etwas zu tun hatten. Das muss auch in der kommenden Saison das Ziel sein.

bundesliga.de: Neben dem schon erwähnten Dominique Heintz wurde mit Leonardo Bittencourt ein zweiter Spieler geholt, den Sie aus der U21 kennen. Haben sich Sportdirektor und Trainer vorab bei Ihnen informiert, wie diese Jungs ticken?

Horn: Nein. Grundsätzlich mag so etwas schon vorkommen. Ich glaube aber, dass Jörg Schmadtke ohnehin so gewissenhaft arbeitet, dass er vorab stets genügend Informationen hat, wenn er sich über einen Spieler Gedanken macht. Gerade bei Leo war ich selbst überrascht, als ich gehört habe, dass er kommt. Bei Dominique lag der Fall etwas anders, da wir zu diesem Zeitpunkt gemeinsam bei der EM waren. Da hat sich schnell eine Tendenz abgezeichnet, und ich habe Dominique gut zugeredet. Beide haben die absolut richtige Entscheidung getroffen.

"Ich bin nicht so sehr der emotionale Typ"

bundesliga.de: Sie wirken stets sehr besonnen, ja abgeklärt, und argumentieren sehr eloquent. Mit 22 Jahren ist das nicht die Regel...

Horn: Ich glaube, das ist einfach mein Naturell. Ich bin im Privatleben nicht so sehr der emotionale Typ und möchte das auf meinen Beruf übertragen. Schon in der Jugend bin ich sehr gut damit gefahren, wenn ich versucht habe, meiner Mannschaft durch eine ruhige Ausstrahlung Sicherheit zu geben. Selbstverständlich war das zu Beginn meiner Profikarriere, vor drei, vier Jahren, längst noch nicht so ausgeprägt wie heute. Da gab es das eine oder andere Mal ein wenig Nervosität vor einem Spiel. Mittlerweile hat sich das aber gelegt. Mit der wachsenden Erfahrung und der zunehmenden Zahl der Spiele entwickelt man eine immer größere Sicherheit. Und die strahlt wohl auch nach außen.

bundesliga.de: Macht der Profi-Fußball schneller erwachsen?

Horn: Ich denke schon. Man ist häufig schon früh von zuhause getrennt,  etwa wenn man für die Jugendnationalmannschaften spielt. Und an den Wochenenden kam es bei Turnieren vor, dass man bei Gastfamilien untergebracht war. Da lernt man sehr früh eigenständig zu werden und sich selbst um die Dinge zu kümmern, die anderen Jugendlichen noch von den Eltern abgenommen werden. Ich bin bereits mit 17 zuhause aus- und mit meiner heutigen Frau zusammengezogen, weil ich schon sehr früh auf eigenen Beinen stehen wollte.

bundesliga.de: Gibt es Momente, in denen Sie das Gefühl haben, Sie hätten etwas verpasst?

Horn: Nein. Für mich war immer klar, dass ich dem Ziel Profi-Fußball alles unterordnen möchte. Diesen Weg wollte ich von Beginn an mit allen Konsequenzen gehen. Und heute ist für mich die größte Genugtuung, dass ich es geschafft habe. Die Frage, ob ich möglicherweise irgendetwas verpasst habe, hat sich mir nie gestellt.

"Ich wollte unbedingt ins Tor"

bundesliga.de: Wollten Sie bereits als kleiner Junge Torwart werden?

Horn: Ich bin mit fünf zu meinem ersten Verein, dem SC Rondorf, gekommen. Kurz zuvor hatte ich die Weltmeisterschaft 1998, die aus deutscher Sicht gar nicht besonders gut war, im Fernsehen gesehen. Damals hat mir Andreas Köpke sehr gut gefallen und ich wollte unbedingt ins Tor. Zunächst hat mein Vater, der früher Feldspieler war, gleichzeitig als mein Co-Trainer fungiert und mir immer wieder Tipps gegeben, wie man den Stürmern das Leben schwer machen kann. Beim FC hatte ich dann bereits zwei-, dreimal die Woche Torwarttraining. Das hat sich ausgezahlt. Je früher die Ausbildung beginnt, desto nachhaltiger.

bundesliga.de: Beim FC setzen Sie die Tradition großer Keeper wie Toni Schumacher oder Bodo Illgner fort und zählen zudem zu den begehrten jungen deutschen Torhütern. Erklärt sich dieses nahezu unerschöpfliche Reservoir ausschließlich mit der guten Ausbildung?

Horn: Ich denke, dass es in Ländern wie etwa Brasilien oder Portugal für die Jungs, die auf der Straße kicken, nur ein Ziel gibt: So zu werden wie die großen Fußballhelden ihrer Nationen. Und die waren oder sind in aller Regel Feldspieler. Das könnte eine Erklärung sein. Die andere ist sicherlich, dass bei der Ausbildung in Deutschland besonderer Wert darauf gelegt wird, exzellente Torhüter hervorzubringen. Deshalb arbeitet man bei uns schon sehr früh auch torwartspezifisch.

bundesliga.de: Legen andere Nationen weniger Wert auf eine solche Ausbildung?

Horn: Ich habe mich länger mit Loris Karius von Mainz 05 unterhalten,  der in der Jugend bei Manchester City unter Vertrag gestanden hat. Er sagt, dass das Torwarttraining in Deutschland mit dem in England, selbst wenn es sich um einem Top-Club wie Man City handelt, nicht zu vergleichen ist. Einem jungen deutschen Torwart würde er nicht raten, bereits so früh in eine ausländische Liga zu wechseln. Es handelt sich vielleicht um einen Einzelfall, aber es gibt wohl tatsächlich einen deutlichen Qualitätsunterschied in der Ausbildung.

bundesliga.de: Mit ter Stegen und Trapp sind zuletzt zwei junge deutsche Top-Torhüter zu Weltclubs gewechselt. Auch an Ihnen soll es immer wieder Interesse geben. Würde es ein Kölner durch und durch im Ausland überhaupt aushalten?

Horn: Köln wird immer meine Heimat bleiben. Und sollte ich wirklich jemals ins Ausland wechseln, würde ich den Kontakt nach Köln nie abreißen lassen. Als Kind habe ich wie die meisten Jungs von Clubs wie Real Madrid, Arsenal London oder Manchester United geträumt. Ich kann mir schon vorstellen, dass man ins Grübeln kommen könnte, sollte es je ein solches Angebot geben. Aktuell ist das für mich aber überhaupt kein Thema. Ich habe mit dem 1. FC Köln noch einiges vor. Schließlich habe ich meinen Vertrag beim FC nicht ohne Grund bis 2019 verlängert.

Das Gespräch führte Andreas Kötter