Zusammenfassung

  • Timo Horn glaubt noch an den Klassenerhalt mit dem FC.

  • Der FC-Keeper kündigt an, dass Köln auch in Hamburg mit höherem Risiko spielen wird.

  • Seinen Traum von der Nationalmannschaft hat der 24-Jährige noch lange nicht aufgegeben.

Köln - Wenn Totgesagte länger leben, braucht man sich um den 1. FC Köln eigentlich keine Sorgen zu machen. Nach 16 Spieltagen hatten die Geißböcke erst drei Pünktchen auf dem Konto und Geschäftsführer Armin Veh sprach offen von der 2. Bundesliga. Nach zwei Siegen in Serie sind die Hoffnung und der Glaube beim FC zurückgekehrt. Im exklusiven Interview spricht Kölns Rückhalt Timo Horn über den jüngsten Formanstieg, erklärt, was unter Stefan Ruthenbeck anders ist und blickt auf das richtungsweisende Duell beim Hamburger SV am Samstag.

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bundesliga.de: Ein Derbysieg in buchstäblich letzter Sekunde und man hat das Gefühl, dass Köln auf einmal wieder an den Klassenerhalt glaubt. Haben Sie auch den Eindruck, dass durch den Sieg gegen Mönchengladbach eine Aufbruchsstimmung entstanden ist?

Timo Horn: Ja, man wird auf der Straße ganz anders angesprochen. Der Derbysieg hat den Fans und dem ganzen Umfeld sehr gut getan und für einiges entschädigt, was in der Hinrunde schief gelaufen ist. Ich hoffe, dass uns diese Aufbruchsstimmung auch in den nächsten Wochen begleiten wird.

Video: Der Kölner Derbysieg gegen Mönchengladbach

bundesliga.de: Mit dem Auswärtsspiel beim HSV wartet nun ein echtes "Sechs-Punkte-Spiel" auf Sie (>>> Der ausführliche Vorbericht zum Spiel). Was gibt Ihnen Zuversicht, dass der FC da bestehen kann?

Horn: Das Momentum spricht aktuell ein wenig für uns. Wir haben das letzte Spiel der Hinrunde und jetzt auch das Derby gegen einen sehr starken Gegner gewonnen. Hamburg hat den Auftakt verloren. Wir haben mit einem Sieg die Chance, auf drei Punkte ranzurücken. Nach sechs Punkten in der Hinrunde ist es eigentlich Wahnsinn, dass wir die überhaupt noch haben.

bundesliga.de: Gegen Mönchengladbach fiel - gerade in der Schlussphase - die hohe Risikobereitschaft auf. Werden Sie auch bei einem direkten Konkurrenten hop oder top spielen, oder das Ganze etwas vorsichtiger angehen?

Horn: Nein, wir gehen da auch voll drauf. Wir müssen ein gewisses Risiko gehen, wenn wir das Blatt im Abstiegskampf noch einmal wenden wollen. Das dabei nicht alles klappt, ist natürlich auch logisch. Aber gegen Gladbach hatten wir schon einige schöne Kombinationen dabei, das was der Trainer von uns sehen will, funktioniert immer besser. Das stimmt mich positiv. Wir werden auch in Hamburg versuchen, den Gegner gezielt unter Druck zu setzen und konsequent in die Zweikämpfe zu gehen. Wir wollen das Spiel an uns reißen und lange die Null halten.

"Wir müssen aufpassen, dass wir im Aufbauspiel nicht allzu viele Fehler machen." Timo Horn

bundesliga.de: Was sind aus ihrer Sicht die stärksten Waffen des HSV?

Horn: Die Hamburger versuchen gerade zu Hause, früh zu pressen. Wir müssen aufpassen, dass wir im Aufbauspiel nicht allzu viele Fehler machen und sie dazu einladen, im eigenen Stadion zu kontern. Darüber hinaus haben sie bei Standards natürlich auch den einen oder anderen guten Kopfballspieler. Da müssen wir sehr aufmerksam sein. Das haben wir gegen Gladbach, die mit Vestergaard einen Spieler haben, der für sein gutes Kopfballspiel bekannt ist, sehr gut verteidigt. Wenn wir das in den Griff bekommen, bin ich ganz guter Dinge, dass wir auch beim HSV was holen können!

bundesliga.de: Bei Feldspielern kann man sich die Vorbereitung auf den kommenden Gegner noch ganz gut vorstellen, aber wie stellt sich ein Torhüter auf die nächste Partie ein?

Horn: Man schaut sich natürlich schon die Spielszenen der vergangenen Partien an. Dabei stehen die Stürmer des Gegners besonders im Fokus. Gibt es da bestimmte Tendenzen oder Vorlieben, die es zu beachten gilt. So kann man sich schon den ein oder anderen kleinen Vorteil verschaffen können. Die konzentrierte Vorbereitung gehört einfach zum Beruf des Profifußballers.

bundesliga.de: Wo sehen Sie insgesamt den Schlüssel für eine erfolgreiche Rückrunde mit dem FC?

Horn: Wir müssen unsere Lage realistisch einschätzen. Wir haben gerade erst den zweiten Saisonsieg im 18. Spiel gefeiert – aber eben auch den zweiten Sieg in Folge. Wir haben das Zeug dazu, eine Serie zu starten und damit Anschluss in der Tabelle zu finden. Sollten wir das Hamburg-Spiel positiv gestalten, ist wieder alles möglich. Für den Gejagten ist es immer schwieriger als für den Jäger. Wir waren ja praktisch schon abgestiegen und haben jetzt nichts mehr zu verlieren. So können wir in der Rückrunde befreit aufspielen.

Video: Alles zum Abstiegskracher Hamburg - Köln

bundesliga.de: Was hat sich denn im Vergleich zur verkorksten Hinrunde geändert?

Horn: Es hat sich einiges verändert. Das hängt in erster Linie natürlich mit dem neuen Trainerteam und der neuen sportlichen Führung zusammen. Wir haben viereinhalb Jahre sehr erfolgreich mit Peter Stöger zusammengearbeitet und in dieser Zeit hat uns auch immer ein sehr guter Teamspirit ausgezeichnet. Das letzte halbe Jahr war eine schwierige Zeit. Das Training ist jetzt ein wenig intensiver geworden. Neu ist auch, dass wir an dem Tag, an dem wir zwei Mal trainieren, gemeinsam im Geißbockheim essen. So kommt man gerade mit den Jungs, die aus dem Nachwuchs dazugekommen sind, einfacher in Kontakt.

bundesliga.de: Vincent Koziello hat am Mittwoch das erste Mal mittrainiert. Konnten Sie sich schon einen ersten Eindruck von ihrem neuen Mitspieler machen?

Horn: Vincent ist spielerisch sehr gut. Er hat schon im ersten Training sehr gute Aktionen gezeigt und ist durch seinen tiefen Körperschwerpunkt gerade auch für große Spieler nur schwer zu verteidigen. Er kann schnelle Haken schlagen und ist sehr flink auf den Beinen. Dementsprechend hoffe ich, dass er uns einen positiven Impuls geben kann.

bundesliga.de: Der Druck im Abstiegskampf ist enorm, aber gerade für einen Torhüter besonders groß, da Fehler häufig Gegentore zur Folge haben. Wie bereiten Sie sich mental auf so eine Partie wie beim HSV vor? Machen Sie da spezielle Übungen?

Horn: Im Grunde wird man mit diesem Druck als Torwart groß. Auch in den Leistungszentren gibt es jedes Jahr Übernahmegespräche, wo man entweder weiterkommt oder rausfliegt. Das gehört zum Leistungssport dazu – auch schon in jungen Jahren. In der Bundesliga ist es natürlich noch einmal was anderes, weil die mediale Aufmerksamkeit viel größer ist. Aber ich bin jetzt schon lange genug Profi, um mit solchen Situationen umzugehen. Ich habe schon oft in Hamburg gespielt und weiß, was auf mich zu kommt.

"Es gibt nach wie vor keine Grüppchenbildung in der Mannschaft." Timo Horn

bundesliga.de: In ihrer ersten Profisaison sind Sie 2011/12 mit dem FC abgestiegen. Gibt es für Sie Parallelen zur jetzigen Situation und was ist in dieser Spielzeit anders?

Horn: Damals haben wir eine sehr gute Hinrunde gespielt und standen mit 21 Punkten auf Platz 10. In der Rückrunde lief dann gar nichts mehr zusammen und die Mannschaft ist ein Stück weit auseinandergebrochen. Das ist auch der größte Unterschied, den ich zu jetzt sehe: Es gibt nach wie vor keine Grüppchenbildung in der Mannschaft, sondern alle ziehen mit dem neuen Trainerteam an einem Strang.

bundesliga.de: Wie wichtig ist dabei der Schulterschluss zwischen Fans und Mannschaft?

Horn: Gerade in den Heimspielen trägt uns das, das muss man schon sagen. Das ist auch ein Aspekt, der den Gegner einschüchtern kann, wenn die Fans laut sind, hinter der Mannschaft stehen und den Club nach vorne peitschen. Deswegen ist uns das Verhältnis zu den Fans auch sehr wichtig und ich denke auch, dass die Fans sehen, dass wir wirklich alles versuchen.

bundesliga.de: Wollten Sie schon immer ins Tor oder haben Sie in der Jugend auch auf anderen Positionen gespielt?

Horn: In den Jugendmannschaften hier wird das ab und zu mal gemacht, dass die Positionen getauscht werden. Aber im Grunde wollte ich immer schon ins Tor. Und ich glaube, es war nicht die ganz falsche Entscheidung.

bundesliga.de: Gab es ein bestimmtes Vorbild, das Sie geprägt hat?

Horn: Mein Idol war eigentlich immer Edwin van der Sar, aber nicht, als ich angefangen habe mit Fußball. Die WM 1998, die aus deutscher Sicht ja gar nicht so erfolgreich lief, hat mich zum Fußball gebracht. Aus irgendeinem Grund, den ich heute gar nicht mehr weiß, wollte ich unbedingt in den Kasten. Und der Torhüter aus unserem Dorfverein (SC Rondorf in Köln, d. Red.) wollte lieber im Feld spielen. Das war dann direkt eine glückliche Fügung.

Timo Horn und Marc-Andre ter Stegen kennen sioch schon viele Jahre und durchliefen gemeinsamen zahlreiche U-Nationalmannschaften beim DFB
Timo Horn und Marc-Andre ter Stegen kennen sioch schon viele Jahre und durchliefen gemeinsamen zahlreiche U-Nationalmannschaften beim DFB © imago / Contrast

bundesliga.de: Marc-Andre ter Stegen kennen Sie als Kollegen aus den Juniorennationalmannschaften schon sehr lange. Musste er sein Spiel umstellen, um beim FC Barcelona erfolgreich zu sein?

Horn: In Spanien wird mehr Wert auf fußballerische Aspekte gelegt, das kommt ter Stegen natürlich sehr entgegen. Er hat sein Spiel inzwischen allerdings ein bisschen umgestellt, geht nicht mehr ganz so viel Risiko und hat so große Konstanz in seine Leistungen reingebracht. Natürlich helfen ihm auch seine Erfahrungen in der Nationalmannschaft – dadurch ist er sehr gefestigt.

bundesliga.de: Nationalmannschaft ist ein gutes Stichwort: Haben Sie schon ihren Sommerurlaub gebucht oder ist die WM in Russland noch im Hinterkopf?

Horn (lacht): Den könnte man ja auch absagen. Es ist auf jeden Mal mein Ziel, irgendwann in diesen Kreis vorzustoßen. Meine Konzentration gilt jetzt aber voll und ganz der Situation beim FC und deswegen mache ich mir derzeit wenige Gedanken über die Nationalmannschaft. Bis Mai kann noch so viel passieren. Ich kann nur mein Bestes in der Bundesliga geben und dann wird man sehen, ob es am Ende reicht.

bundesliga.de: Haben Sie eine Erklärung für die Vielzahl an Torwarttalenten in Deutschland?

Horn: Ich glaube, dass wir extrem gute Torwarttrainer in Deutschland haben. Schon in den Jugendmannschaften wird da viel Wert drauf gelegt. Der Torwart hat einen sehr hohen Stellenwert. Auch international hat sich in den letzten Jahren in der Ausbildung viel getan, aber ich sehe Deutschland da immer noch als Vorreiter.

"Wenn Neuer fit ist, hat er weltweit ein Alleinstellungsmerkmal." Timo Horn

bundesliga.de: Was sind aus ihrer Sicht derzeit die besten deutschen Torhüter?

Horn: Leno und ter Stegen kenne ich beide schon seit Jugendtagen und die waren immer schon überdurchschnittlich gut. Da hat man schon früh gesehen, dass sie ihren Weg gehen werden. Manuel Neuer ist ein wenig älter als ich, deshalb kenne ich ihn noch nicht so lange. Wenn er fit ist, hat er weltweit ein Alleinstellungsmerkmal. Er hat sich in den letzten Jahren auch noch einmal extrem entwickelt. Das sind schon die drei, die ich in Deutschland führend sehe. Und da gilt es für mich, auch auf dieses Niveau zu kommen.

bundesliga.de: Wie groß ist ihre Hoffnung, mit dem FC doch noch die Klasse zu halten?

Horn: Wir haben nach wie vor einen großen Rückstand, aber wir alle glauben an das Wunder. Damit das klappt, dürfen wir uns in der Rückrunde aber keinen Hänger erlauben. Wir wollen uns am Ende auf keinen Fall vorwerfen, dass wir nicht alles für den Klassenerhalt gegeben haben.

Das Gespräch führte Florian Reinecke