Mainz - Es ist fix: Thomas Tuchel wird ab kommender Saison Cheftrainer bei Borussia Dortmund und damit Jürgen Klopp folgen. Doch wer ist der gefragte Schwabe, der in den letzten Wochen regelmäßig die Titelseiten füllte?

bundesliga.de stellt den kommenden Anführer der Schwarz-Gelben mal etwas genauer vor.

Als Cheftrainer führte er den 1. FSV Mainz 05 zwei Mal in fünf Jahren in die Europa-League-Qualifikation. Trotz der Weggänge der besten Spieler schaffte er es Jahr für Jahr, die Mannschaft zu vitalisieren und so den wirtschaftlich kleinen Club in der Bundesliga zu etablieren. Thomas Tuchel gelang beim FSV der Sprung aus dem großen Schatten des Mainzer Kult-Trainers Jürgen Klopp (INFOGRAFIK: Tuchels Bilanz).

Als neuer Trainer von Borussia Dortmund folgt er nun direkt auf Klopp. Tuchel und die Borussia einigten sich auf einen Dreijahresvertrag bis 2018, der zur neuen Saison beginnt. Vorgestellt werden soll Tuchel beim BVB aber erst nach Ablauf dieser Saison.

Steigerungslauf endet beim BVB

Tuchel, 41, verheiratet, Vater zweier Töchter, hat noch keine Pokale und keine Meisterschaften gewonnen. Er hat es aber geschafft, sich als die interessanteste Trainerfigur Deutschlands zu positionieren. In Mainz sah er vergangenen Sommer sein Wirken nach fünf erfolgreichen Jahren als abgeschlossen an.

"Ich hatte das Gefühl, dass mal ein anderer Lehrer vor der Klasse stehen muss", erklärte er. Seitdem befindet sich Tuchel auf einem einjährigen "Steigerungslauf". So hat dieser eloquente Fußballtrainer sein Sabbatjahr nach seinem überraschenden Abgang in Mainz in einem seiner raren Interviews beschrieben.

Nach der Zeit des Ausruhens und Fortbildungsreisen auch zu fachfremden Sportanalysten hat dieser Steigerungslauf zuletzt dramatisch an Tempo gewonnen - und ist nun schließlich in Dortmund geendet. Nicht überall hinterließ Tuchels Verhandlungsoffensive Positives. In Hamburg setzten sie im Verlauf der Runde Interimstrainer Peter Knäbel ein als Platzhalter für den Mann, von dem alle glauben, jede Mannschaft besser machen zu können.

Tuchels Maxime: Neue Reize setzen

Die Verhandlungen mit Tuchel schritten in Hamburg bekanntermaßen weit voran. Der Coach, dessen Vertrag in Mainz nach seinem nicht ohne Wunden abgelaufenen Rücktritt ruht, hätte die Mannschaft aber nicht sofort übernehmen können. Die Mainzer hätten Tuchel nie für einen Konkurrenten im Abstiegskampf freigegeben. Der HSV verpflichtete schließlich Bruno Labbadia bis zum Juni 2016.

Das Coaching an der Seitenlinie, die psychologische Mannschaftsführung und die Trainingssteuerung beherrscht dieser Tuchel. Immer neue Reize zu setzen, ist seine Maxime. Von alten Fußballerweisheiten wie "Never change a winning team" hält Tuchel nichts. Jedes Spiel stelle neue Aufgaben, die immer neue Lösungen erforderten, sagt er. (VIDEO: So mischte Tuchel 2010 die Bundesliga auf). Er reiste mit den Mainzern in der Vorbereitung einmal zum FC Barcelona, um seinen Spielern die Aura dieses Clubs zu zeigen, Pep Guardiola ist für ihn das Leuchtbild eines Trainers. Auch als Trainer eines Clubs wie Mainz 05 sah Tuchel nicht ein, warum man "nicht groß denken" sollte.

Taktikfreund hospitiert bei Guardiola

Aus dem Stand fallen langjährigen Beobachtern in Mainz höchstens eine Handvoll Spiele ein, für die dieser Taktik-Nerd, der sich während seiner Auszeit in seiner neuen Wahlheimat München mit seinem Vorbild Pep Guardiola öffentlichkeitswirksam ausgetauscht hat, falsche taktische Entscheidungen getroffen hätte. Und wenn, dann gab er sie zu. Tuchel kann offen und mitfühlend sein, aber auch schroff und unnahbar. Immer dienstags tauschte er sich Mainz mit Journalisten aus, oft gingen die Reporter mit einer Erweiterung ihres Fußballhorizonts aus den interessanten Gesprächen.

Tuchel gilt als variantenreicher Trainer, der während eines Spiels durchaus auch zwei oder drei Mal die taktische Ausrichtung ändert. Sein grundsätzlicher Ansatz ist der einer aggressiven Vorwärtsverteidigung - so wie das auch bei Jürgen Klopp der Fall ist. Beide Trainer sehen nicht ein, Spiele verlieren zu müssen. Verlieren sie dennoch eines, können sie nur schwer damit umgehen.

Klopp sucht Nähe, Tuchel die Distanz

Doch die beiden unterscheiden sich vor allem in einem Punkt: Klopp, den alle "Kloppo" nennen als sei er ihr bester Freund, ist ein Volkstribun. Er wird in Dortmund und Mainz geliebt und verehrt. Der an der Außenlinie so hochemotionale Tuchel aber blieb abseits des Rasens in Mainz immer irgendwie auch ein Fremder.

Der Schwabe wurde respektiert ausschließlich wegen seiner Leistung. Nicht alle Spieler können mit der manchmal sehr aufbrausenden Art des Trainers umgehen. Tuchel ist keiner, den alle umarmen und knuddeln wollen wie den Kloppo. Klopp ist ja zu einer Art Fußball-Papa der Nation geworden, seit er den Deutschen während der WM 2006 die Spiele im TV erklärte. Als er am vergangenen Mittwoch seinen Rückzug bekanntgab, war das die Top-Meldung im "ZDF heute-journal". Klopp ist ein Mann, mit dem sich viele Fans vorstellen können, einen Bier an der Theke zu trinken. Tuchel ist das eher nicht.

Der asketisch veranlagte Trainer konzentriert sich auf die Sache und seinen engsten Mitarbeiterstab. Christian Heidel, der Manager von Mainz 05 sagt: "Wenn einer es schaffen könnte, Dortmund nach Kloppo wieder in die Erfolgsspur zu bringen, dann könnte das der Thomas sein. Er hat einfach überragende Qualitäten als Trainer." Trotz des Vorschusslorbeers: In Mainz hat es Thomas Tuchel sportlich geschafft, Klopp zu übertreffen. In Dortmund scheint dies nach dieser Erfolgsgeschichte des BVB unter Jürgen Klopp nahezu unmöglich. Es wird spannend zu beobachten sein, ob Thomas Tuchel das Gegenteil tatsächlich beweisen kann. Der Aufbau einer neuen Mannschaft und einer neuen Ära wird in Dortmund Zeit brauchen.

Tobias Schächter