Köln – Bereits zum zweiten Mal ist Thomas Hitzlsperger Co-Kommentator beim Supercup für die internationalen Fernsehpartner der Bundesliga. Der Ex-Nationalspieler spricht im exklusiven Interview über die Wolfsburger Chancen beim Supercup in der Bundesliga und der Champions League und über die Rolle von Arturo Vidal beim FC Bayern.

bundesliga.de: Herr Hitzlsperger, welche Bedeutung hat der Supercup in der Vorbereitung auf die neue Saison? Sehen Sie es eher als weitere Etappe in der Vorbereitung oder als ersten Meilenstein auf dem Weg zur Tabellenspitze?

Hitzlsperger: Es ist immer noch Teil der Vorbereitung, aber es ist einfach ein sehr guter Test unter professionellen Bedingungen. Man hat nicht mehr dieses Trainingslager-Feeling. Auch die Zuschauer merken, dass die Bundesliga bald wieder beginnt. Es ist der erste richtige Test, der für Aufmerksamkeit sorgt, der erste Titel, der vergeben wird. Natürlich ist es ein ernstzunehmendes Spiel.

"Wolfsburg hat sich Teilnahme am Supercup verdient"

bundesliga.de: Die letzten Jahre im Supercup waren ja geprägt von den Duellen zwischen Bayern und Dortmund. Finden Sie es schade, dass es diesmal nicht den „Klassiker“ geben wird oder wie bewerten Sie das Duell, das erstmals im Supercup stattfindet?

Hitzlsperger: Der VfL hat eine hervorragende Saison gespielt und hat sich mit dem DFB-Pokal selbst belohnt. Klar, die Bayern sind wieder dabei, aber mit Wolfsburg wartet ein großes Kaliber auf die Münchener. Die Bayern haben das bereits in der vergangenen Saison gespürt und ich gehe davon aus, dass es auch diesmal eine interessante Partie wird.

bundesliga.de: Haben Sie einen Favoriten?

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Hitzlsperger: Ich habe die Auftaktpartie der Rückrunde noch im Kopf, da haben die Wolfsburger den Bayern die Grenzen aufgezeigt. Für die Bundesliga ist es ganz gut, wenn man Mannschaften hat, die den Bayern Paroli bieten können und Wolfsburg zählt dazu. Letztes Jahr hat der Supercup allerdings nichts über die folgende Bundesligasaison ausgesagt. Die Dortmunder haben gewonnen, aber dann wirklich eine für ihre Verhältnisse schlechte Saison gespielt. Insofern darf man das Ergebnis nicht überbewerten. Dennoch hoffe ich, dass die Topspieler dabei sind, und ihr Können dort schon zeigen - und dass wir einfach ein tolles Spiel sehen werden. Die Wolfsburger sind selbstbewusst genug und haben die Qualität, dieses Spiel zu gewinnen, schließlich haben sie auch noch ein Heimspiel. Gewöhnlich haben die Bayern die Favoritenrolle, aber ich denke die Wolfsburger haben gute Chancen, den Supercup zu gewinnen.

 "Bayern, Wolfsburg und Dortmund in den Top drei"

 bundesliga.de: Erwarten Sie, dass Bayern und Wolfsburg auch diese Saison die zwei Hauptrollen in der Bundesliga spielen werden?

 Hitzlsperger: Bayern definitiv und die Wölfe werden auch oben mit dabei sein. Sie sind nach mehreren Jahren wieder in der Champions League und haben genügend Qualität, die Gruppenphase zu überstehen und gleichzeitig in der Bundesliga ähnlich erfolgreich zu sein wie in der abgelaufenen Saison. Die Dortmunder werden wieder Anschluss finden an die Spitzengruppe - das sind meine Top drei.

bundesliga.de: Hat Wolfsburg sich als Bayern-Jäger Nummer Eins etabliert? Klaus Allofs bestreitet das ja noch...

Hitzlsperger: Klaus Allofs ist einfach nur Realist. Die Bayern sind den anderen Bundesligisten weit voraus. Wolfsburg wird sich mächtig ins Zeug legen und natürlich versuchen, noch besser zu spielen als in der letzten Saison, aber vor den Bayern sehe ich sie noch nicht. Der Club ist bescheiden genug und damit ist er gut gefahren. Aber sie wissen schon, dass sie eine gute Truppe haben und werden sich auf Dauer nicht mit Platz 2 zufriedengeben.

bundesliga.de: Wie hat sich der Verein seit Ihrer Zeit damals verändert?

Hitzlsperger: Deutlich. Der Club will regelmäßig in der Champions League spielen und ist dafür gut aufgestellt. Die Klubführung vertraut Dieter Hecking und Klaus Allofs und ist bereit, viel Geld für Spieler auszugeben, um regelmäßig in der Königsklasse zu spielen. Allofs und Hecking sind ein gutes Team,  geduldig und mit einem guten Auge für die richtigen Spieler. Sie haben sich das Vertrauen der Clubspitze erarbeitet.

"Kruse wird die Mannschaft weiterbringen"

bundesliga.de: Wolfsburg feiert jetzt das Comeback in der Champions League. Wird sich der Club damit international etablieren können? Oder wird das erst mal eine sehr schwierige Aufgabe?

Hitzlsperger: Das ist für einige Spieler Neuland. In der Breite ist der VfL aber gut aufgestellt, deswegen werden sie sich auch nicht mit der Gruppenphase zufrieden geben, sondern wollen weiterkommen. Das muss auch der Anspruch sein. Wenn es aber diesmal nicht gleich funktioniert, wird man in Wolfsburg nicht gleich alles in Frage stellen.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie die bisher getätigten Transfers beim VfL?

Hitzlsperger: Die ganz großen Transfers sind bisher ausgeblieben, weil die Stimmung in der Mannschaft intakt ist und keine Not herrscht. Wichtig wird sein, die besten Spieler nicht zu verlieren. Wenn man sehr viel Geld für einen Spieler ausgibt, der nicht reinpasst, kann es ein ganzes Gefüge auseinanderreißen. Das haben sie nicht gemacht. Max Kruse wird die Mannschaft weiterbringen und ist meiner Meinung eine gute Verpflichtung.

bundesliga.de: Sehen Sie noch Bedarf in Wolfsburgs Kader?

Hitzlsperger: Bedarf gibt es erst, wenn Leistungsträger abgegeben werden. Wenn Andre Schürrle in Topform ist, könnte er vielleicht der wichtigste „Neuzugang“ werden.

bundesliga.de: Und wen sehen sie in Wolfsburg als Schlüsselspieler?

Hitzlsperger: Natürlich dreht sich alles um Kevin De Bruyne. Seine Entwicklung in der letzten Saison war enorm. Deswegen wird er auch von anderen Clubs umworben. Aber wir alle wissen, dass er alleine nichts ausrichten kann. Ricardo Rodriguez ist seit Jahren auf der Wunschliste großer Vereine, weil er einer der besten Linksverteidiger ist. Der VfL hat sehr gute Einzelspieler, aber um in beiden Wettbewerben - oder sogar drei Wettbewerben - zu bestehen, braucht Wolfsburg einen breiten Kader, in dem auch die Nummer 13 und 14 genügend Qualität haben, um in der Champions League zu spielen. Und das sehe ich momentan gegeben.

"Thiago kann Bayern richtigen Schub geben"

bundesliga.de: Kommen wir noch mal zu den Bayern. Wie wird z.B. Arturo Vidal den Bayern weiterhelfen können? Sie sind ja selbst in der Bundesliga gegen den Chilenen angetreten...

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Hitzlsperger: Er kann den Bayern sehr helfen! Auch wenn er nicht eins zu eins Schweinsteiger ersetzt, ist er dennoch ein Spieler, der sehr viel Qualität mitbringt. Vor allem so, wie ich ihn zuletzt bei Juventus gesehen habe. Wie viel Energie, wie viel Power der hat, das ist schon beachtlich. Sein Zweikampfverhalten ist extrem gut. Und dazu ist er noch torgefährlich. Er besitzt sehr viel Qualität und deshalb halte ich das für einen sehr guten Transfer. Vidal ist ein Hitzkopf, das ist klar. Er bewegt sich oft an der Grenze, hat viele Gelbe Karten bekommen, aber ist ganz selten vom Platz gestellt worden. Da muss er natürlich aufpassen, dass er gerade in wichtigen Spielen seine Mannschaft nicht schwächt, indem er vom Platz gestellt wird.

bundesliga.de: Und im direkten Duell: De Bruyne oder Vidal: Wer hätte da die Nase vorn?

Hitzlsperger: Interessantes Duell, genau! Zwei Topspieler! Darauf freue ich mich, weil es schwer auszumachen ist, wer die Nase vorn hat. Es geht natürlich nicht nur um die beiden, aber sie werden von den Positionen her aufeinander treffen. Ich bin gespannt, denn da bewegen wir uns auf Champions-League-Niveau!

bundesliga.de: Und wen sehen Sie bei den Bayern als Schlüsselspieler?

Hitzlsperger: Wenn Thiago fit bleibt, kann er der Mannschaft noch mal einen richtigen Schub geben. Douglas Costa hat schon angedeutet, dass er eine Verstärkung sein kann. Aber die Bayern sind auf jeder einzelnen Position gut besetzt. Es wird eine wichtige Saison, weil Pep Guardiola die Champions League gewinnen will. Die Bayern haben in der vergangenen Saison teilweise überragenden Fußball gezeigt, aber der große Titel blieb ihnen verwehrt.

bundesliga.de: Wer hat eine Stammplatzgarantie, für wen kann es eng werden?

Hitzlsperger: Davon wird es wenige geben. Bis auf ein paar Ausnahmen, wie Manuel Neuer, Philipp Lahm und Jerome Boateng, müssen alle um einen Stammplatz kämpfen. Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht wieder so viele Langzeitverletzte haben werden.

bundesliga.de: Noch eine abschließende Frage: Wie lautet ihr Tipp für den Supercup?

Hitzlsperger: Den Bayern hat die Niederlage ja letztes Mal nicht geschadet... Und auch wenn die Bayern diesen Titel natürlich wollen, würde ich sagen, dass die Wolfsburger den Supercup gewinnen.

Das Gespräch führte Helge Winter