Köln - Borussia Dortmund und Bayern München haben die letzten sieben Deutschen Meisterschaften unter sich aufgeteilt. Fünf Titel gingen an die Münchener, zwei gewann der BVB. Nun treffen sie im Klassiker am Samstagabend in Dortmund aufeinander. Im Interview mit bundesliga.de nimmt Europameister Thomas Helmer, früher selbst Profi und Titelsammler bei beiden Clubs, die beiden Rivalen genauer unter die Lupe.

bundesliga.de: Herr Helmer, Sie haben zuletzt den Saisonstart von Bayern München als "noch erträglich, aber nicht gut" bezeichnet. Wie würden Sie denn den bisherigen Auftakt von Borussia Dortmund in dieser Spielzeit beschreiben?

Thomas Helmer: Auch der Start der Borussia hätte sicherlich besser verlaufen können. Die Mannschaft hat schon einige Punkte liegen lassen. Aber mit dem Spiel gegen die Bayern kann der BVB wieder viel gutmachen.

bundesliga.de: Worin sehen Sie die Ursachen dafür, dass Dortmund nicht optimal punktet?

Helmer: Borussia Dortmund befindet sich im Umbruch und hat drei wichtige Spieler und Säulen verloren, vor allem Mats Hummels. Ich finde, dass sie gute Spieler verpflichtet haben. Aber es hat als Mannschaft noch nicht immer funktioniert. Zudem haben sie sich bei den Spielen in Leipzig und Leverkusen von sehr laufstarken und aggressiven Mannschaften etwas den Schneid abkaufen lassen. Ich glaube, dass sie davon überrascht wurden.

bundesliga:de: In der Champions League hat der BVB seine PS auf die Straße bekommen. Dortmund führt vor Real Madrid die Tabelle an. Kann es sein, dass so mancher junger Neueinkauf vor allem in der Champions League glänzen will?

Helmer: Nein. Sie wussten ja früh genug, dass sie Champions League spielen. Darauf ist jeder Spieler vorbereitet. In der Champions League machen sie es sehr gut, keine Frage. Bei Borussia Dortmund darf man aber auch nicht außer Acht lassen, dass sie viele Verletzte hatten. Das ist schon ein Handicap.

bundesliga:de: Auf beiden Seiten treffen am Samstag Spieler wie Mario Götze, Sebastian Rode oder Mats Hummels auf ihren Ex-Verein. Das große Interesse fokussierte sich vor allem Götze und Hummels. Dabei wird Rode manchmal übersehen. Wie bewerten Sie seine Entwicklung? Ist er schon richtig beim BVB angekommen?

Helmer: Nein, das war auch daran zu erkennen, dass er auch bei Spielen, in denen viel rotiert wurde, öfter auf der Bank gesessen hat. Er hat sich das wahrscheinlich auch etwas anders vorgestellt. Mario Götze hat das besser hinbekommen. Und Mats Hummels sowieso.

Video: Die Überläufer Hummels und Götze

bundesliga:de: Beim Topspiel trifft mit Dortmund die beste Offensive der Bundesliga auf die beste Defensive, die der FC Bayern stellt. Von den 25 Toren des BVB gehen alleine elf auf das Konto von Pierre-Emerick Aubameyang. Wie abhängig ist die Borussia von seinen Toren?

Helmer: Nicht so sehr. Man darf nicht vergessen, dass ein Marco Reus noch gar nicht gespielt hat. Mario Götze kann sicher noch mehr Tore erzielen. Ousmane Dembele hat schon getroffen. Auch Adrian Ramos war immer da, wenn er gebraucht wurde. In der Offensive ist Dortmund bärenstark. Da haben eher die Bayern derzeit ihre Probleme. Sie haben im Vergleich zur letzten Saison zehn Tore weniger erzielt. Das ist in etwa die Anzahl der Treffer, die Thomas Müller gemacht hat. Die fehlen den Bayern in dieser Saison. Natürlich ist man aber auch durch die Topquote aus dem Vorjahr verwöhnt.

bundesliga:de: Wo haben die Bayern Vorteile?

Helmer: Im Moment ist bei Dortmund die Offensive stark, bei den Bayern eher die Defensive. Sie haben die beste Innenverteidigung und auch die beste Viererkette und dahinter noch Manuel Neuer. Dafür hakt es im Offensivspiel ein bisschen, auch weil Franck Ribery oder Arjen Robben immer wieder mal verletzt sind.

bundesliga:de: Wie richtungsweisend ist die Partie für den BVB?

Helmer: Das Spiel ist nicht nur für den BVB, sondern auch für die gesamte Bundesliga wichtig. Das Feld könnte bei einem Dortmunder Sieg enger zusammenrücken. Auch die Dortmunder könnten den Schwung noch bis zur Winterpause mitnehmen. Sie müssen einfach dranbleiben.

Video: Der Matchtrailer zum Klassiker

bundesliga:de: Die Bayern sind nach zehn Spieltagen immer noch ungeschlagen und Tabellenführer. Wird die Situation der Münchener in den Medien manchmal zu sehr dramatisiert oder fehlen tatsächlich ein paar Prozent?

Helmer: Die Bayern-Spieler sagen ja selbst, dass momentan ein paar Prozent fehlen. Ich glaube, dass das aber auch sehr menschlich ist, wenn man vier Mal in Folge Deutscher Meister wurde und immer powern musste. Irgendwann lässt man einfach etwas nach. Vielleicht tut das den Jungs sogar gut. Nach der Winterpause werden sie wieder dominanter auftreten. Man darf nicht vergessen, dass die Bayern auch teilweise einige ältere Spieler im Kader haben.

bundesliga:de: Glauben Sie, dass Bayern-Trainer Carlo Ancelotti bewusst die Hinrunde ein bisschen laufen lässt und den Fokus auf die Rückrunde legt?

Helmer: Ich glaube sogar, dass er vor allem die Champions League gewinnen will und davon ausgeht, dass die Deutsche Meisterschaft sowieso gewonnen wird.

bundesliga:de: Das letzte Duell in Dortmund endete 0:0. Was für ein Spiel erwarten Sie am Samstag? Wer gewinnt?

Helmer: Ich hoffe, dass der BVB diesmal etwas mehr ins Risiko gehen wird. Andere Mannschaften wie zuletzt Hoffenheim haben gezeigt, dass man die Bayern unter Druck setzen und zu Torchancen kommen kann. Dann kommen auch die Bayern nicht so oft vors gegnerische Tor. Einen Tipp möchte ich nicht abgeben, ich habe schließlich für beide Vereine gespielt und darf keinem weh tun.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski